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Cardi B. macht das schon


Janne Knödler

 

Ich habe etwas Angst um Cardi B. Es ist 2018 und Cardi, die in der Bronx zweisprachig aufgewachsen ist, ein Gangmitglied war, eine Karriere als Stripperin hinter sich, ein "E" für "explicit" neben jedem Song ihres Albums stehen hat und laut eigenen Angaben ihren eigenen Namen beim Sex sagt, weil ihre Pussy so gut ist, ist die perfekte Projektionsfläche für intersektionale Feminist*innen: Braun, empowered, selbstbewusst. Alle lieben Cardi, mich eingeschlossen. Cardi B. aber ist keine Projektionsfläche, sie ist Mensch, und ein ausgesprochen lauter Mensch dabei. Sie sagt geradeheraus, was sie denkt. Cardi B. gibt es nur ungefiltert, unzensiert – „Only Thing Fake Is The Boobs.“ Was rauskommt ist intelligent, witzig, perfekt für Instagram-Unterschriften geeignet, und wenn sie mal wieder politisches Tagesgeschehen kommentiert, halte ich die Luft an: Bitte, Cardi, zwing mich nicht dazu, dich „problematisch" zu finden. Das sagt viel mehr über mich und den politischen Moment aus als über Cardi. Die macht – zum Glück – weiter ihr Ding, und wir dürfen weiter dabei sein. 

Cardi B. war in Deutschland wohl erst bei den 13-jährigen bekannt, bevor der Mainstream sie entdeckte. Als Celebrity ist Cardi durch und durch emblematisch für eine Generation, welche mit sozialen Medien aufgewachsen ist und die Begriffe „instafame" oder „Influencer" fest in ihrem Vokabular verankert hat:  Berühmtheit wird nicht länger durchs Singen oder Schauspielern erlangt, sondern durch Persönlichkeiten, die live auf Instagram, Vine & Co gebroadcastet werden. Niemand kann das besser als Cardi B. Auf Instagram schuf sie unendlich Meme-bare Monologe, in denen sie von ihrem Tag erzählte, Weltgeschehen kommentierte, über Oralsex sprach oder Beautytipps erteilte. Dann kam der Sommer 2017 und mit ihm kam „Bodak Yellow," die Trap/Rap Hymne des Sommers, fünffachPlatinum in den USA. Wer Cardi jetzt immer noch nicht kannte, war selbst Schuld. Es folgten: Einige Features, einige Magazincover und die Angst, sie sei ein One-Hit-Wonder.

Seit dem 5. April 2018 können wir aufatmen: Cardi B.kann was. Ihr Debütalbum„Invasion of Privacy“ ist ein Fest für Rap-Liebhaber*innen – keine Spur von Sadboy-HipHop oder Cloud Rap. Letztes Jahr meinte Cardi noch, dass sie daran arbeiten möchte, eine bessere Rapperin zu werden. Das ist sie geworden: Mit ihrem Stakkato-Flow, ihren distinkten, vom Spanisch-beeinflussten Aussprache ist sie nicht nur unverkennbar, sie ist auch unverkennbar gut. Ihr Stil ist Battle-lastig, beeinflusst von Göttinnen des Raps wie Lil’ Kim und Missy Elliott und auch wenn das Album kommerziell erfolgreich ist, ist es keine poppige, verwässerte Form des Raps. Ihre Features stammen aus der Crème de la Crème des HipHops und es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, dass zahlreiche andere Künstler*innen viel dafür gegeben hätten, mit ihr aufzunehmen. Geschafft haben es Migos, Chance the Rapper, Kehlani, 21 Savage und SZA, von denen keine*r es versucht, sie in den Schatten zu stellen. Neben ihrem Rap-Talent beweist das Album Cardis Vielseitigkeit: In „Thru Your Phone" liefert sie konfrontativ eine Punchline nach der anderen, für den Refrain des verletzlichen „Be Careful" referenziert sie Lauryn Hill, „I like it" ist mit seinem Retro-Salsa-Refrain ein Tribut an ihre dominikanischen Wurzeln, „I Do“, das Duett mit SZA, die nächste Ladyboss-Hymne („I think us bad bitches is a gift from God“). Das Album ist zitierbar, ohne eine Anreihung von Zitaten zu sein, jeder Song ist durch und durch Cardi, eine Plattform für ihr unendliches Charisma.

Wie wir es von einem Social-Media-Celebrity erwarten, lässt uns „Invasion of Privacy“ tief in Cardis Privatleben eindringen. Aber machen wir uns nichts vor: Alles, was wir sehen, sehen wir, weil sie es so möchte. Cardi B. sagt, was sie denkt, tut nicht so, als wäre sie bescheiden, rappt, worüber sie möchte, entschuldigt sich für nichts und hat keine Lust, sich für andere zu verändern. In einem Clip vom November 2016 lässt sie sich über Menschen aus, die von ihr verlangen, ein besseres Vorbild zu sein. Für die Kinder. „Wie wär's, wenn du selbst das f**king Vorbild für deine Kinder wärst?" ruft sie. Was Cardi macht, macht sie für Cardi. Wenn da nicht doch einiges an Vorbild-Potential drinsteckt.