Gerd Blank

Journalist, Autor, Redakteur, Hamburg

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Digital Situation Room

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Situation Room, das klingt nach Lagezentrum oder Einsatzzentrale. Der Situation Room war in der Tat ein echter Raum der Deutschen Bahn in Berlin, in dem man ganz analog an allen Wänden Grafiken und Zahlen zu Kundenzufriedenheit und Pünktlichkeit der Züge sowie anderen betrieblichen Informationen aufgehängt hatte. Beim Digital Situation Room, oder kurz DSR, handelt es sich dagegen um ein geschäftsfeldübergreifendes Kennzahlen-Dashboard. Statt um einen großen Raum mit Papierausdrucken tagesaktueller Vorgänge oder großen Monitoren mit Live-Feeds an den Wänden, handelt es sich um einen virtuellen Raum. „DSR ist eine Oberfläche, auf der operative Daten aus aktuell 20 verschiedenen Systemen den Nutzern konsolidiert zur Verfügung gestellt werden", sagt Hendric Fiege. Er leitet für die Deutsche Bahn das Projekt - und ergänzt: „Wir wollen niemanden davon ausschließen, den DSR zu nutzen, im Gegenteil." Dank des responsiven Designs des Dashboards ist es zudem egal, ob der Zugriff auf das Dashboard per Computer oder Smartphone erfolgt. Mitarbeiter sollen so einfachen Zugriff auf Informationen zur Kundenzufriedenheit und zu allen qualitätstreibenden Faktoren sowie über alle Geschäftsfelder hinweg erhalten.

Der Grund für die Offenheit ist klar: Je mehr Daten ein Mitarbeiter über Vorgänge im Konzern abrufen kann, desto besser kann er die Informationen in seinem eigenen Arbeitsumfeld nutzen. „Wir wollen damit auch einen Kulturwandel anstoßen", sagt Hendric Fiege. Es geht auch darum, über den eigenen Arbeitsbereich hinauszublicken. Ziel sei es, die Qualität der Bahn und die Kundenzufriedenheit insgesamt zu verbessern. Da an der Leistungserstellung und der Reisekette viele verschiedene Geschäftsfelder und Konzernbereiche beteiligt sind, würde eine singuläre Optimierung zu kurz greifen. Deswegen wurde im Rahmen des Konzernprogramms „Zukunft Bahn" das integrierte Steuerungsmodell entwickelt, das im DSR verankert ist.

Viele Quellen, eine Oberfläche

Das Big-Data-Start-up ZERO.ONE.DATA der DB Systel hat gemeinsam mit DB Analytics den DSR aufgebaut und betreibt den konzernweiten „Data Lake" als zentralen Datensammler, der strukturierte und unstrukturierte Rohdaten in der Form speichert, in der sie von der Datenquelle bereitgestellt werden. So fließen Informationen über Pünktlichkeit der Züge, Zustand von Einheiten, aber auch über Kundenzufriedenheit und Produktivität ein. Doch das Erfassen solcher Daten ist nur ein Aspekt, mindestens genauso wichtig ist es, diese Daten in einer übersichtlichen und allgemein gültigen Form darzustellen, damit möglichst viele Anwender mit den vielfältigen Informationen überhaupt etwas anfangen können. „Obwohl wir ein Konzern sind, der aus zahlreichen ganz unterschiedlichen Gesellschaften besteht, schaffen wir mit DSR eine Vergleichbarkeit der Daten", erzählt Christopher Muth, Data Integration Owner von ZERO.ONE.DATA. So lassen sich geschäfts- und funktionsübergreifende Maßnahmen entwickeln und umsetzen, die dabei helfen, Qualität und Kundenzufriedenheit zu verbessern.

Bisher war es so, dass zu diesem Zweck Daten aus verschiedenen Quellen umständlich zusammengefasst und ausgewertet wurden. Die Abhängigkeiten verschiedener Daten konnten dabei häufig kaum berücksichtigt werden. Wollte man also bestimmte Abläufe fundiert durchleuchten, musste dieses per Hand geschehen. Mit dem DSR werden nun dank automatisch gesteuerter Prozesse Daten aus unterschiedlichen Datenquellen erfasst, plausibilisiert, weitergeleitet und ausgewertet. Bei Bedarf lassen sich die unterschiedlichen Daten miteinander in Beziehung setzen, um passgenaue, dezidierte Ergebnisse zu erhalten. Dafür wurden natürlich nicht alle verfügbaren Datenquellen angeschlossen, sondern es wurde sich anhand der Priorisierung der Kennzahlen orientiert. Das Augenmerk liegt hier auf der Datenqualität und auf der Vermeidung von Fehlern wie etwa Dopplungen oder Inkonsistenzen. Hierfür wurden Standards und Algorithmen entwickelt, die den Vorgang automatisieren.

Anhand der Erfahrungen wird die Anbindung weiterer Datenquellen einfacher sein. Der DSR ist dabei kein abgekapseltes System, sondern eine Plattform, die als eine Art Datendrehscheibe fungiert: „Alle Daten, auf die wir jetzt Zugriff haben und für Kennzahlenwerte heranziehen, gelten als plausibilisiert und für den ganzen Konzern gültig", sagt Christopher Muth. Diese konsolidierten Daten werden außerdem nicht nur im DSR angezeigt, sondern sie werden auch für andere Anwendungen aufbereitet und zur Verfügung gestellt.

Ein ausgezeichnetes Projekt

„Wir haben es geschafft, in einem komplexen Konzern eine Steuerungsplattform über die heterogene Datenwelt aufzubauen - und diese Daten nebeneinander darzustellen und gleichzeitig in sich konsistent aufzubereiten. Das ist etwas ganz Besonderes, was bisher keiner geschafft hat", sagt Hendric Fiege - nicht ohne Stolz, schließlich wurde das DSR-Projekt kürzlich für die „Wegweisende Architektur" mit dem BARC-Award ausgezeichnet. Das Business Application Research Center prämiert einmal im Jahr Unternehmenslösungen. Der Award gilt im Bereich Entwicklung als einer der renommiertesten Preise. „Das ist quasi der Oscar für Business-Intelligence-Lösungen", erklärt Hendric Fiege.

Es ist die Belohnung für die Verwirklichung eines zukunftsweisenden Projekts. Denn der Digital Situation Room erschafft eine „einzige Quelle der Wahrheit" (Single Source of Truth) für alle Performance-Daten im Konzern und integriert bestehende und geplante Werkzeuge. Mehr noch: Der DSR ist ein Paradebeispiel für den kulturellen Wandel des Konzerns, denn es wird damit einerseits ein offener Umgang mit Daten vorangetrieben und andererseits die bereichsübergreifende Zusammenarbeit verbessert. Hierdurch wird einerseits ermöglicht, dass Konzernmitarbeiter ohne großes IT-Know-How Daten verstehen. Andererseits wird vor allem die Kunden- und Qualitätsorientierung aktiv unterstützt.

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