Frederik Schindler

Freier Journalist, Frankfurt am Main

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Interview

Pinkwashing Israel?!

Interview mit Frederik Schindler im Boner Magazine

Israel unterdrückt nur deshalb keine Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender unterdrücken, um von Menschenrechtsverletzungen in den palästinensischen Gebieten abzulenken. So der mittlerweile salonfähige Tonus innerhalb linker Gruppen, die den Vorwurf des angeblichen „Pinkwashings“ lautstark auf queeren Demonstrationen geäußert haben. Warum sich diese Gruppen bei der Sorge um Homorechte gerade um den einzigen jüdischen Staat kümmern und was das ganze mit jahrhundertealten antisemitischen Stereotypen zu tun hat, soll diesen Freitag im Rahmen der Polymorphia im SchwuZ mit dem Journalisten Frederik Schindler diskutiert werden.

Worum genau geht es in deinem Vortrag „Pinkwashing Israel? Seit einigen Jahren werfen einige linke Aktivistinnen und Aktivisten Israel vor, nur deshalb keine Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transleute (LGBT) zu unterdrücken, um von der Politik gegenüber den Palästinenserinnen und Palästinensern abzulenken. Im Jahr 2016 wurde der Vorwurf verstärkt auch auf queeren Events in Berlin geäußert. Es gibt zwar tatsächlich eine PR-Kampagne mit Bezug auf LGBT-Rechte in Israel, die auch von der israelischen Regierung bezahlt wird. Doch dass diese jemals als Antwort auf kritische Fragen zur Palästinenserpolitik genutzt wurde, ist nicht bekannt. Was schlecht daran sein soll, dass sich ein Staat ein homofreundliches Image verpassen will, können die selbsternannten „Pinkwatcher“ nicht erklären. Das ist selbstverständlich der weitaus größeren Verfolgung in Nachbarländern vorzuziehen.

„Washing“ setzt ja voraus, dass es etwas zu bereinigen gibt. Wie kann man sich das am Beispiel Israel vorstellen? Was tatsächlich in Israel passiert, interessiert die Aktivisten offensichtlich wenig. Denn dort gibt es zwar natürlich auch Homophobie, aber eben auch weitgehende Rechte für LGBT. Vielmehr handelt es sich also um eine antisemitische Projektion. Auf Juden bezogenen Stereotype wie Verlogenheit, Hinterlistigkeit und die Lust an der Verschwörung werden von den queeren Pinkwashing-Aktivisten aufgewärmt und neu verkleidet. Heute werden diese Stereotype bekanntlich auf den jüdischen Staat Israel übertragen, als geopolitische Reproduktion des Antisemitismus. Der Antisemitismus ist nicht nur eine welterklärende Verschwörungsideologie, die Juden alles Übel zuschreibt – er unterstellt Juden auch einen bösen Vorsatz bei all ihren Handlungen. In diesem Fall wird der homofreundlichen Politik die böse Absicht der Verschleierung von Menschenrechtsverletzungen unterstellt.

Wenn es sich dabei um eine Art antisemitisches Instrument handelt, wieso hört man diesen Vorwurf gerade aus links-gerichteten Gruppen? Antisemitismus ist in allen Teilen der Gesellschaft verbreitet, auch in seiner israelbezogenen Spielart. Und für einen großen Teil der Linken stellt Israel, seit es sich im Sechstagekrieg 1967 erfolgreich militärisch durchsetzte, ungebrochen ein zentrales Feindbild dar. Hier wird der sogenannte Nahostkonflikt meist sehr vereinfacht wiedergegeben: Auf der einen Seite der böse, imperialistische und rassistische Staat und auf der anderen Seite die wehrlosen, unterdrückten und diskriminierten Palästinenserinnen und Palästinenser im Befreiungskampf. Diese Sichtweise hat zwar nicht viel mit der Realität zu tun, ist aber dennoch weit verbreitet.  Welchen Denkansatz zu diesem Thema würdest du empfehlen und warum? Was in Deutschland über Israel zu lesen und zu hören ist, ist leider viel zu oft wahnsinnig einseitig. Schon der ständige Wunsch nach vermeintlicher „Israelkritik“ sollte hinterfragt und demaskiert werden, denn diese fast obsessive Beschäftigung hat meist mehr mit offenem Hass als mit tatsächlicher Kritik zu tun. Für die Sorge um Homorechte im Nahen Osten gibt es allerdings leider genügend Anlässe – und die Betroffenen haben dringend mehr Solidarität nötig. Statt also den Pride in Tel Aviv zu boykottieren, könnten die „Pinkwatcher“ ihre Zeit auch dafür aufbringen, dass noch viel mehr Prides stattfinden: In anderen Teilen Israels und hoffentlich auch irgendwann in Gaza.

Interview: Torsten Schwick

Fr., 20.01.2017, 18.30 Uhr
Polymorphia – die TrümmerTuntenNacht
im SchwuZ (Rollbergstr. 26), Eintritt 6 €