Frederik Schindler

Freier Journalist, Frankfurt am Main

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Interview

"Sie sagten: 'Du blöde Judensau, wir schicken dich ins Gas!'"

Provokation und Falafel: Das war das Konzept von Florian Gleibs. 16 Jahre lang betrieb er das israelische Kult-Lokal "Schmock" im Münchner Studenten- und Akademikerviertel Maxvorstadt. Neben israelisch-arabischer Küche wurde es vor allem durch seine Kampagnen bekannt. Vor zehn Jahren sorgten Plakate mit Sprüchen wie "Deutsche, esst bei Juden" für Aufsehen. Mittlerweile sind sie im Münchener Jüdischen Museum ausgestellt. Ende 2014 wurden dann die "IS-freien Wochen" ausgerufen, auf der Speisekarte gab es fortan kein "is" mehr, also beispielweise nur noch "rael che Vorspe en".

n einer Wand im Schmock steht eine nachempfundene Klagemauer, an der die Gäste kritische Anmerkungen loswerden können. Und wer sein Essen nachwürzen möchte, muss dafür dem Palästinenserführer Jassir Arafat oder dem ehemaligen Papst Benedikt XVI. den Hals umdrehen, welche die Pfeffermühle zieren.

Mitte September machte Gleibs aber das Schmock zu. Zu heftig wurden die Drohungen am Telefon und im Internet, sein Auto wurde zerkratzt. Der jüdische Gastronom hat keine Angst—dafür kennt er die Terrorbedrohung aus Israel zu gut, wo der gebürtige Berliner zur Schule gegangen ist. Aber sauer ist er trotzdem.

VICE: Warum hast du keine Lust mehr auf das "Schmock"?
Florian Gleibs: Meine Mutter kommt aus Israel. Ich habe selbst dort gelebt und war immer bereit, über die Politik Israels zu diskutieren und auch Späße darüber zu machen. Seit dem Gaza-Krieg 2014 war dann aber alles plötzlich nicht mehr so lustig. Mein Auto, das mit dem Restaurantlogo mit Davidsternen beklebt war, wurde zerkratzt. Meine Schaufenster wurden bespuckt und meine Familien und ich wurden mehrmals bedroht. Die Aufkleber habe ich inzwischen runtergenommen. Ich musste mir in letzter Zeit ständig antisemitische Verschwörungstheorien anhören: Israel hätte den "IS" geschaffen, um Unruhe in die Region zu bringen, und ähnlichen Blödsinn. Bei Münchener Demos standen auch schon Nazis und Islamisten gemeinsam auf der Straße und haben einen wahnsinnigen Rabatz gegen die Juden gemacht. Leute, die sich sonst spinnefeind sind, waren da vereint. "Tod, Tod, Israel" und "Judenschweine" haben sie geschrien. Da hab' ich keinen Bock mehr drauf.

Du musst dich also als Gastronom für die israelische Politik verantworten?
Ich will Falafel verkaufen und mich nicht ständig für Dinge rechtfertigen müssen, mit denen ich nichts zu tun habe. Ich bin nicht der verlängerte Arm von Netanyahu. Ich will Spaß an meinem Job haben und das funktioniert mit dem "Schmock" leider nicht mehr. Selbst in meinem Bekanntenkreis muss ich mir immer häufiger blöde Kommentare anhören. Und am Telefon und bei Facebook sagen Menschen so etwas wie "Kindermörder Israel" oder "Typisch Juden".

Das Schmock stand durch provokante Kampagnen schon öfter unter Beschuss. Warum kommt die Schließung ausgerechnet jetzt?
Das stimmt, öffentlichkeitswirksame Kampagnen wie "Deutsche, esst bei Juden!" wurden bereits vorher kontrovers diskutiert. Wir wollten damit ja auch Aufmerksamkeit erregen und versuchen, jüdischen Humor und israelischen Lifestyle zusammenzubringen. In Zeiten ohne Social Media war das alles noch kein Problem. Aber nachdem wir im vorletzten Jahr die "IS-freien Wochen" starteten, bekam ich sofort eine Drohung über Facebook: "Morgen IS attentat restaurant Schmock, Scheiss ISRAEL".

Sprachen dich Gäste häufiger auf die Situation in Israel und den Palästinensergebieten an?
Die meisten haben nicht darüber gesprochen. Es war eine kleine Minderheit. Aber die Diskussionen wurden auf jeden Fall immer anstrengender. Wir haben sogar ab und zu Drohanrufe bekommen. "Du blöde Judensau, wir schicken dich ins Gas!" wurde da ins Telefon gerufen—Dinge, die auch jede jüdische Gemeinde kennt. So etwas nehme ich nicht ernst, es geht nicht darum, dass ich wirklich Angst hatte. Meine Mitarbeiter sind zwar hauptsächlich keine Juden, aber wenn sie ständig solche Anrufe bekommen, ist es anstrengend. Und eventuell fürchten sie auch, dass die Terrorgefahr in einem israelischen Lokal höher ist als in einem bayerischen.

Aber das "Meschugge", dein weiteres Restaurant in München mit hebräischem Namen, bleibt offen. Gab es da nicht ähnliche Probleme?
Das "Meschugge" ist angeschlossen ans Volkstheater. Da geht es nicht nur um israelische Küche. Wir haben da internationale Gerichte und sogar eine Currywurst auf dem Teller. Israel wird da nicht wirklich thematisiert.

Bedeutet das, dass man als jüdischer oder israelischer Gastronom lieber nicht mehr seine Herkunft und Religion zum Thema machen sollte?
Nein, das würde zu weit führen. Aber in dem Moment, in dem man finanziell von seinen Gästen abhängig ist, braucht man eher etwas Mainstreamiges. Bei einem israelischen Restaurant sehe ich das leider nicht mehr. Ähnlich ist das ja seit der Griechenlandkrise zu beobachten, da beschimpfen Deutsche zum Teil auch griechische Restaurantbesitzer oder gehen nicht mehr hin.

Wie geht es jetzt weiter, was passiert mit den Räumen des "Schmocks"?
Ich werde mich nicht aus München vertreiben lassen und mache dort jetzt ein laotisches Restaurant auf. In der "Vu Tang Kitchen" gibt es bald Frühlingsrollen, andere asiatische Klassiker und am Abend Musik. Laos war zwar mal das am meisten bombardierte Land der Welt, aber das interessiert im Gegensatz zu Israel beim Essengehen niemanden.


Das Interview wurde geführt von Frederik Schindler.