Frederik Schindler

Freier Journalist, Frankfurt am Main

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Artikel

Blutiges Fastenbrechen

Der islamistische Terror in Bangladesh hält an. Nach weiteren Morden an Angehörigen von Minderheiten trafen zwei Anschläge in der vergangenen Woche vor allem Ausländer und Polizisten.

Von Frederik Schindler

Über 200 000 Menschen wollten im Distrikt Kishoreganj, 140 Kilometer nordwestlich von Bangladeshs Hauptstadt Dhaka gelegen, friedlich das Fest des Fastenbrechens zum Ende des Ramadan begehen. Plötzlich griffen mindestens sechs Bewaffnete einen Außenposten der Polizei an. Zunächst warfen sie Sprengsätze, um die Polizisten dann mit Stichwaffen zu attackieren. Zwei Polizisten, eine Zivilistin und ein Angreifer starben bei den Explosionen und dem anschließenden Feuergefecht. Mindestens 13 weitere Personen wurden verletzt, davon neun Polizisten. Vier der Angreifer konnten festgenommen werden.
Lokale Medien vermuten, dass das Attentat auch dem Imam Maulana Fariduddin Masud gegolten habe, der die Zeremonie leitete und sich in der Vergangenheit gegen Terror im Namen der Religion ausgesprochen hatte. Im Juni hatte er eine von ihm initiierte Fatwa vorgestellt, die von über 100 000 islamischen Gelehrten, Klerikern, Lehrern und weiteren Unterstützern unterzeichnet wurde und die Attacken auf Nicht-Muslime und Säkulare als »haram« (im Islam verboten) bezeichnet. Auch Masoud selbst vermutet einen Zusammenhang mit seiner Islaminterpretation. Seit zehn Jahren leitet er die Gebete bei der größten Zuckerfest-Zeremonie des Landes. »Angeblich haben die Verhafteten zugegeben, dass ich ihr Ziel war«, sagte er zu BBC Bangla. »Wir werden unsere Bewegung fortführen und niemand kann uns dabei aufhalten.«

Der Anschlag ereignete sich nur wenige Tage nach einem Massaker in einem bei Ausländern beliebten Café in Dhakas Diplomatenviertel, bei dem 20 Menschen mit Macheten zu Tode gehackt worden waren. Schwerbewaffnete Terroristen hatten dort zunächst 35 Gäste als Geiseln genommen. In der über zwölfstündigen Belagerung wurden Einheimische von Ausländern getrennt, nach Zeugenaussagen wurden auch diejenigen verschont, die Koranverse aufsagen konnten. Die Ausländer würden mit ihrer knappen Kleidung und ihrem Alkoholkonsum die Verbreitung des Islam behindern und mit ihrem Verhalten die Einheimischen ermutigen, dasselbe zu tun, so die Angreifer während der Geiselnahme. Die Polizei wurde währenddessen immer wieder mit Sprengsätzen aus dem Gebäude attackiert. Bei dem Massaker starben neun Italiener, sieben Japaner, eine US-Amerikanerin, eine Inderin und ein Sri Lanker im Alter zwischen 18 und 80 Jahren. Der 20jährige Student Faraz Hossain aus Bangladesh blieb bei seinen US-amerikanischen und indischen Freundinnen und wurde ebenfalls ermordet. Zudem starben zwei Polizisten und fünf der sechs Angreifer. Ein Mitarbeiter des Restaurants wurde von der Polizei als Angreifer identifiziert und versehentlich getötet.

Erst zwölf Stunden nach dem Beginn der Geiselnahme wurde das Café von der Polizei gestürmt, die dort verstümmelte Leichen vorfand. 13 Geiseln konnten gerettet werden, darunter ein Italiener, ein Argentinier, zwei Bangladesher, zwei Sri Lanker und ein Japaner. Die Terrorgruppe »Islamischer Staat« (IS) bekannte sich zu der Tat und veröffentlichte noch vor der Stürmung Bilder der blutüberströmten Leichen. Dennoch dementierte die Regierung erneut die Existenz von ausländischen Terrorgruppen im Land. Keiner der identifizierten Angreifer war älter als 22 Jahre, die meisten kamen aus gebildeten und wohlhabenden Familien und wurden seit sechs Monaten vermisst. Zuvor hatten die meisten von ihnen teure Privatuniversitäten besucht, nur zwei Täter kamen aus islamischen Madrasa-Schulen. Die Radikalisierung sei »eine Mode geworden«, so Innenminister Asaduzzaman Khan. Die Regierung sprach bislang von der islamistischen Rekrutierung in Armenvierteln. Die Terroristen sollen zudem Anhänger des populären salafistischen Predigers Zakir Naik aus Indien und von seinen Reden inspiriert gewesen sein. Naiks Fernsehsendung »Peace TV« wurde deshalb nun in Bangladesh verboten. Arafatul Islam, Redakteur der Bengali-Redaktion der Deutschen Welle, kritisiert die passive Haltung der Regierung gegenüber den Islamisten und fragt in einem Kommentar: »Wie konnten sie sich innerhalb dieser Zeit radikalisieren? Wer hat sie für den Terrorüberfall ausgebildet und bewaffnet? Wie wurde ihre Kommunikation mit dem Terrornetzwerk vor und während des Überfalls aufrechterhalten? Alles drängende Fragen, die doch eindeutig in Richtung IS weisen, und keineswegs in Richtung einheimischer radikaler Gruppen, wie die Regierung glauben machen will.«

Kurz nach dem Anschlag und einen Tag vor der Attacke auf die Feierlichkeiten in Kishoreganj wurde ein IS-Video mit drei Bengalisch sprechenden Terroristen veröffentlicht, in denen weitere Taten in Bangladesh angekündigt wurden. »Wir werden weitermachen, bis das Sharia-Recht weltweit durchgesetzt ist«, heißt es dort. Im eigenen Propagandamagazin Dabiq erschienen bereits mehrere Artikel über die Pläne zur Errichtung eines »Kalifats« in Bangladesh. Die Regierung von Premierministerin Scheich Hasina weist die Schuld an der Mordserie dennoch einheimischen Gruppen zu und wirft der Opposition vor, Extremismus zu schüren. »Als die religionskritischen Blogger ermordet wurden, gab es von der Regierung keine konsequente Reaktion. Die neue Attacke ist auch eine Reaktion auf die Straflosigkeit der vergangenen Taten«, so die nach Deutschland geflohene Aktivistin Shammi Haque im Gespräch mit der Jungle World. In den vergangenen Wochen wurden in einem Großeinsatz Tausende Oppositionelle festgenommen, allerdings sind nur wenige davon in islamistischen Gruppen aktiv. Menschenrechtsorganisationen kritisieren, dass es statt einer gezielten Ermittlung wahllos Razzien gebe.

Auch die Mordserie an Säkularen sowie Angehörigen religiöser und sexueller Minderheiten wurde in den vergangenen Wochen fortgesetzt. Am 1. Juli wurde der hinduistische Tempelarbeiter Shyamananda Das auf dem Weg in den Tempel von drei Motorradfahrern angegriffen und mit Macheten getötet. Am selben Tag wurde der buddhistische Farmer Mong Shwe Lung Marma ermordet. Auf dieselbe Weise waren bereits drei Wochen zuvor der hinduistische Priester Anando Gopal Ganguly und der hinduistische Klosterarbeiter Nityaranjan Pande getötet worden. Der hinduistische Mathema­tiklehrer Ripon Charkavarti überlebte einen ähnlichen Angriff schwerverletzt. Der »Islamische Staat« bekannte sich zu den Taten. Kajal Debnath, Prä­sidiumsmitglied des Bangladesh Hindu Buddhist Christian Unity Council, sagte der New York Times, dass er sich nicht erklären könne, warum Hindus plötzlich die Hauptziele der Mordserie wurden. Insbesondere Hindus in ländlichen Regionen seien verstört und in großer Angst. Bereits seit Jahrzehnten würden diese allerdings in Bangladesh unterdrückt. Auch Christen, Sufis und Angehörige der islamischen Minderheit der Ahmadiyya wurden bereits Opfer von Attacken.