Frederik Schindler

Freier Journalist, Frankfurt am Main

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Artikel

Aktivistin im Exil

Shammi Haque setzte sich in Bangladesch für Frauenrechte und Säkularismus ein. Nach mehreren Morddrohungen ist sie nun geflohen.
Portät von Frederik Schindler

Bis Februar 2013 ist Shammi Haque eine gewöhnliche BWL-Studentin in Bangladeschs Hauptstadt Dhaka. Zwei Jahre später steht ihr Name mit 83 weiteren auf einer von Islamisten zusammengestellten Todesliste. Sie flieht nach Deutschland, im letzten Moment. Wo genau sie sich aufhält, darf hier nicht stehen. Was ist passiert?

Zurück ins Jahr 2013. Nach der Uni bemerkt Shammi Haque eine Demonstration für die Bestrafung von Kriegsverbrechern aus dem Unabhängigkeitskrieg 1971. Sie ist fasziniert von der Menschenmasse, schon am nächsten Tag mobilisiert sie Dutzende Kommilitonen für die nächste Kundgebung. „Ich war nur noch für meine Seminare in der Universität und ging danach sofort wieder auf die Straße“, erzählt Haque wehmütig auf ihrem Sofa. Die Demonstrationen entwickeln sich zu Massenprotesten. Haque vernetzt die sogenannte Shabag-Bewegung mit Menschenrechtsorganisationen und bringt die Forderung nach mehr Säkularismus ein.

In der Nacht auf den 15. Februar wird ein atheistischer Blogger von Islamisten ermordet, nachdem er religiösen Fundamentalismus kritisierte. Die Täter hacken mit Macheten auf ihn ein und durchtrennen schließlich seine Kehle. Ein großer Schock für die religionskritische Szene in Bangladesch. Auch Haque gerät nun in Schwierigkeiten. „Ich bekam Drohungen auf mein Handy, und Männer tauchten an der Rezeption des Hostels auf, in dem ich zu der Zeit wohnte.“ Sie setzt ihr Engagement dennoch fort.

So viele Morde

Vor allem das Thema Frauenrechte ist ihr wichtig, seit ihrer Kindheit hat sie Ungleichheiten erleben müssen. In der Schule war es für Mädchen Pflicht, lange Gewänder zu tragen, während die Jungen selbst über ihre Kleidung bestimmen konnten. „Ich war so eifersüchtig auf meine Freunde, doch die einzige Erklärung für diese Pflicht war, dass ich eine Frau bin.“

Neben ihrem Engagement auf der Straße bloggt Haque zu dieser Zeit über Frauenfeindlichkeit und Religionskritik. Gleichzeitig mobilisieren islamistische Gruppen zu Gegenprotesten, Zehntausende fordern die Todesstrafe für Atheisten. Die Regierung reagiert daraufhin mit Zugeständnissen und verschärft ein Gesetz, welches für die „Verletzung religiöser Gefühle“ künftig mehrjährige Haftstrafen vorsieht.

Doch es kommt noch schlimmer: Im Februar 2015 wird der Blogger Avijit Roy tödlich verletzt, wieder stechen Islamisten mit Macheten zu. Roy hatte den Blog Mukto Mona gegründet, der sich selbst als „Plattform für Freidenker, Rationalisten, Skeptiker, Atheisten und Humanisten“ bezeichnet. Bis Mitte Mai sterben zwei weitere kritische Blogger.


Shammi Haque wird nun auch von ihrer Familie aufgefordert, ihre Aktivitäten zu unterlassen. Und von Islamisten mit dem Tode bedroht: „Ich lebte nur noch von Tag zu Tag.“

Als im August ihr enger Freund Niloy Chattopadhyay in seiner Wohnung ermordet wird, wird ihr klar, dass auch sie das nächste Opfer werden könnte. „Ich bin damals sofort zu seinem Haus gefahren. Dort seinen blutüberströmten Körper zu sehen war die schlimmste Erfahrung meines Lebens.“ Schließlich wird die Gefahr konkret, als sie auf dem Weg in den Supermarkt verfolgt wird und sich gerade noch zurück in ihre Wohnung retten kann.

Ab sofort wird Haque ständig von sechs Polizisten geschützt. Ihre Arbeitsstelle kündigt ihr, da sie nicht ständig belagert werden will. Auch die Universität teilt ihr mit, dass sie nicht mehr an Veranstaltungen teilnehmen könne. Als sie auch noch aus dem Hostel geschmissen wird, muss sie jeden Tag bei anderen Freunden übernachten.

Das Leben retten

Haque sieht sich gezwungen, das Land zu verlassen, und wendet sich an die deutsche Botschaft in Dhaka, die ihr ein Visum über ein Jahr ausstellt. Zwei Tage nach ihrer Ankunft in Deutschland wird Faisal Dipan ermordet, der religionskritische Bücher von Avijit Roy verlegte. „Das geschah direkt gegenüber meiner alten Wohnung. Ich konnte mein Leben gerade noch retten.“

Nun versucht Haque, ihren Aktivismus aus dem Exil fortzusetzen. Das Studium konnte sie online beenden, sie würde gern einen Master in Kommunikationswissenschaften machen. Am Valentinstag dieses Jahres fordert sie Paare auf, sich küssend in einem Park in Dhaka zu versammeln. Sie berichtet von korrupten Polizisten, die in der Vergangenheit händchenhaltenden Paaren ohne Gesetzesgrundlage angedroht hätten, sie festzunehmen. Auf Facebook verbreitet sie ihre Idee und bekommt auch hier massive Gegenwehr. Selbst säkulare Bangladescher behaupten, dass das öffentliche Küssen nicht zur bangladeschischen Kultur gehören dürfe.

„Die Kultur muss bereit sein, sich zu verändern. Frauen durften früher nicht zur Schule gehen, das hat sich doch zum Glück auch geändert“, erklärt Haque. Da Islamisten Gewalt ankündigen, kommen nur wenige zu der Protestaktion. Man könnte deshalb sagen, dass Haque nicht erfolgreich war. Sie wirkt jedoch kämpferisch. „Meine Leistung ist es, dass alle möglichen Menschen über dieses Thema diskutiert haben!“

Als sie am Valentinstag ein Kussfoto mit ihrem Freund postet, erhält sie erneute Drohungen. Gegner erstellen ein gefälschtes Pornovideo, zudem kündigt ein Islamist eine Geldsammlung für einen Flug nach Deutschland an, um Haque dort zu vergewaltigen.

Sehnsucht nach zu Hause

Sie will sich davon nicht mehr einschüchtern lassen, hält stattdessen Kontakt zu den in Bangladesch verbliebenen Bloggern. Diese müssen sich verstecken, einige haben das Schreiben eingestellt, wieder andere haben sich öffentlich vom Atheismus distanziert. Inzwischen leben selbst ihre Unterstützer in Lebensgefahr. Der im April 2016 getötete Student Nazim Uddin Samad teilte auf Facebook lediglich die Ansichten von bekannten Bloggern. Auch er wurde brutal gelyncht. Der Innenminister reagiert daraufhin mit dem Hinweis, dass man sich ansehen müsse, „ob er anstößige Dinge in Blogs veröffentlicht hat“.

Für Haque klingt das wie eine Rechtfertigung für die Morde. Sie kann nicht glauben, dass ihre Regierung nicht konsequenter gegen die Fundamentalisten vorgeht. Dennoch will sie nicht aufgeben und klingt keinesfalls resigniert, wenn sie betont, dass es „wenigstens eine große Debatte in der gesamten Gesellschaft“ über die Rolle der Religion gibt.

So schnell wie möglich will Haque nach Bangladesch zurückkehren, sie vermisst ihre Familie und ihre Sprache. Obwohl die Aktivistin zur Exilantin wurde, gerät sie beim Erzählen über ihr Geburtsland ins Schwärmen. Doch momentan verschlechtert sich die Lage für Säkulare immer mehr. Ende April erstechen Islamisten den Gründer des einzigen Magazins für Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender sowie einen seiner Mitarbeiter. Auch Übergriffe auf Hindus, Sufis, Schiiten, Christen und Angehörige der islamischen Minderheit der Ahmadiyya häufen sich.

Ob Shammi Haque ihr persönliches Ziel jemals erreichen wird, ist unklar.

„Bevor ich geboren wurde, war meine Identität Mensch. Dann galt ich als Frau und seit meiner Jugend wurde mir die Identität einer muslimischen Frau aufgedrängt. Jetzt kämpfe ich dafür, meine erste Identität zurückzugewinnen.“