Frederik Schindler

Freier Journalist, Frankfurt am Main

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Artikel

Mehr als Zwischenfälle

Die Mordserie in Bangladesh geht weiter. Doch die Regierung tut nichts, um Säkulare und Minderheiten zu schützen.

Kommentar von Frederik Schindler

Schon wieder haben Islamisten in Bangladesh Menschen mit Macheten ermordet. An drei Tatorten hackten sie so lange auf ihre Opfer ein, bis diese verbluteten. Vier Tote in sieben Tagen sind die grausame Bilanz der fortgesetzen Mordserie an religionskritischen Publizisten sowie Vertretern sexueller und religiöser Minderheiten (siehe Seite 12). Am 23. April wurde der liberale Englischprofessor Rezaul Karim Siddique in der Islamistenhochburg Rajshahi getötet, zwei Tage später Xulhaz Mannan und Tanay Mojumdar in Dhaka. Zuletzt wurde am 30. April der hinduistische Schneider Nikhil Joarder in Tangail ermordet, der 2012 wegen »abschätziger Äußerungen über den Propheten Mohammed« drei Monate im Gefängnis saß. Die offiziell säkulare Regierung hat keinen dieser Morde verurteilt und nichts getan, um die Bedrohten zu schützen. Vielmehr hat sie die sogenannten Blasphemiegesetze verschärft und verweist nach Morden immer wieder auf eine angebliche »Verletzung religiöser Gefühle« durch die Opfer. Premierministerin Hasina Wajed verharmloste die Morde zuletzt als »Zwischenfälle«, die aus der »Veröffentlichung von anstößigen Dingen« hervorgegangen seien. Obwohl sich Ableger der Terrororganisationen al-Qaida und »Islamischer Staat« (IS) zu den Taten bekannt haben, bestreitet die Regierung die Existenz von ausländischen Terrorgruppen im Land und schiebt die Schuld der islamistischen Opposition zu. Statt die Aufklärung der Mordserie voranzutreiben, wird diese für den Machtkampf mit den politischen Gegnern missbraucht. Um nicht als Sympathisantin von Atheisten dazustehen, vermeidet die Regierung eine entschiedene Bekämpfung der Islamisten und ermuntert diese dadurch zu weiteren Taten.


Die Morde an Xulhaz Mannan und Tanay Mojumdar in der vergangenen Woche haben Angst und Schrecken in der LGBT-Szene Bangladeshs verbreitet. Zudem hat diese mit Mannan einen wichtigen Wortführer der Bewegung verloren. Er war der Gründer des ersten und einzigen Szenemagazins Roopbaan, die Publikation der dritten Ausgabe wurde im vergangenen Jahr durch die Bedrohung kooperierender Druckereien verhindert. Zudem organisierte Mannan seit 2014 eine jährliche Pride Parade, anlässlich der Feierlichkeiten zum bengalischen Neujahr. In diesem Jahr wurden die Feierlichkeiten von islamistischen Hardlinern als »unislamisch« gebrandmarkt und gewalttätige Proteste angedroht. Die Parade wurde daraufhin verboten. 60 LGBT-Aktivisten wollten dennoch demonstrieren, vier von ihnen wurden von der Polizei kurzzeitig inhaftiert. Mannan setzte sich vor Ort erfolgreich für deren Freilassung ein und kümmerte sich anschließend um die Sicherheit der Freigelassenen. Seine Freunde vermuten, dass Islamisten ihm dabei gefolgt waren und so seine Wohnung ausfindig gemacht haben, in der er und Mojumdar zu Tode gehackt wurden.


»Die Islamisten werden weiter diejenigen ermorden, die ihrer Weltanschauung entgegenstehen«, befürchtet Abul Kalam Azad im Gespräch mit der Jungle World. Er ist Koordinator der LGBT-Gruppe »Rainbow Bangladesh« und eröffnete im Jahr 2010 den ersten Sexshop des Landes. Infolge von Todesdrohungen musste er nach Kanada fliehen. »Gerade jetzt sollten wir zusammenstehen und gegen die Pläne der Fundamentalisten protestieren«, fordert Azad. Die Community sei schwach, was vor allem an staatlichen, sozialen und familiären Hürden läge. Homosexuelle Handlungen können mit lebenslanger Haft bestraft werden. Dieses Gesetz wird zwar nicht angewandt, bietet aber die Grundlage für Repression gegen Schwule und Bisexuelle. »Dennoch gab es einige wenige, die sich für uns eingesetzt haben. Mannan war dabei die stärkste und wichtigste Stimme«, so Azad.

Zuletzt tauchte eine Todesliste von 20 Schwulenaktivisten auf, die zur Einschüchterung dienen und Kritik an der Homophobie verstummen lassen soll. Die Islamisten haben es so geschafft, die ohnehin marginalisierte Community weiter zu schwächen. Die blutige Mordserie wird sich nicht mit der beschämenden Strategie der Opferbeschuldigung und dem Zulassen von Straflosigkeit in den meisten Fälle beenden lassen. Die Regierung muss endlich offensiv Meinungsfreiheit und Säkularismus verteidigen.