Frederik Schindler

Freier Journalist, Frankfurt am Main

9 Abos und 4 Abonnenten
Artikel

Dem Islamismus ausgeliefert

Erneut wurde ein religionskritischer Blogger in Bangladesh ermordet. Die jihadistische Gruppe Ansar al-Islam bekannte sich zu der Tat. Kritiker werfen der Regierung vor, nicht konsequent genug gegen die Islamisten vorzugehen.


VON FREDERIK SCHINDLER

Nazim Uddin Samad war am Abend des 6. April gerade auf dem Heimweg von der Jagannath-Universität in Bangladeshs Hauptstadt Dhaka, an der er Jura studierte. Plötzlich hielten mehrere Motorradfahrer an, hackten mit Macheten auf ihn ein und schossen ihm in den Kopf. Der 26jährige wurde ermordet, weil er auf Facebook religiösen Fundamentalismus und den politischen Islam kritisiert hatte und für Frauenrechte eingetreten war.

Samad ist bereits das siebte Todesopfer in einer Reihe von Morden an säkularen Aktivisten und Publizisten: Im Februar 2013 wurde der atheistische Blogger Ahmed Rajib Haider ermordet, zwei Jahre später der Gründer des Blogs Mukto-Mona, Avijit Roy, einer »Plattform für Freidenker, Rationalisten, Skeptiker, Atheisten und Humanisten«. Ende März 2015 starb Washiqur Rahman, der im Internet satirische Beiträge über Religion veröffentlicht hatte; im Mai der atheistische Autor und Herausgeber eines Wissenschaftsmagazins, Ananta Bijoy; im August Niloy Chakrabarti, Blogger auf Mukto-Mona, und Ende Oktober Avijit Roys Verleger Faisal Arefin Dipon (Jungle World 45/2015). Alle wurden von al-Qaida nahestehenden Islamisten mit Macheten getötet und alle stehen auf einer Liste von 84 Religionskritikern und Bloggern, die vor zwei Jahren von Islamisten zusammengestellt worden ist. Zudem wurde Ende März ein christlicher Konvertit ermordet. Auch Übergriffe auf Hindus, Sufis, Schiiten und Angehörige der islamischen Minderheit der Ahmadiyya wurden in den vergangenen Monaten bekannt. Die Premierministerin Hasina Wajed bestreitet, dass der »Islamische Staat« in Bangladesh aktiv ist, obwohl sich IS-Anhänger zu einigen dieser Taten bekannt haben.


Samad veröffentlichte keine Texte unter seinem Namen, lediglich auf Facebook und auf der Straße war er aktiv. Auf seinem Profil fanden die Islamisten jedoch genug Informationen, um ihn als Feind auszumachen. Dort bezeichnete er sich als bisexuell und konfessionslos: »Ich habe keine Religion. Ich bin weder Muslim, Hindu, Buddhist oder Christ. Ich bin nur ein menschliches Wesen.« Zudem schrieb er, dass er Religion und Rasse für Erfindungen halte. Er engagierte sich in der säkularen Bewegung Gonojagoron Moncho, die sich für eine Bestrafung von Kriegsverbrechern des Unabhängigkeitskriegs 1971 einsetzt. Außerdem war er in Organisationen gegen soziale Ungleichheit und gegen sexualisierte Gewalt tätig. Sein Kindheitsfreund und Funktionär der Kommunistischen Partei Bangladeshs, Golam Rabby Chowdhury, berichtete der Deutschen Welle, dass Samad sich »gegen alle Formen von religiösem Fundamentalismus« engagierte. Seine Familie bat ihn, seinen Account wegen der Drohungen zu deaktivieren, doch nach einigen Monaten Pause wollte er sich dort wieder zu Wort melden.


Bangladeshs Innenminister Asaduzzaman Khan Kamal wollte dennoch zunächst keine Islamisten für den Mord verantwortlich machen. »Ich kann nicht sagen, warum er ermordet wurde. Aber wir müssen uns ansehen, ob er anstößige Dinge in Blogs veröffentlicht hat«, sagte er BBC Bangla. »Man kann sich auch die Blogs der vorherigen Opfer ansehen. Die Religion und den Glauben von Menschen anzugreifen, ist in keinem Teil der Welt akzeptabel.« Wenig später bekannte sich die Terrorgruppe Ansar al-Islam, Bangladeshs Ableger von al-Qaida auf dem Indischen Subkontinent, zu dem Mord. In einem Statement wurde Samad als »Gotteslästerer« und »Feind Allahs« bezeichnet. Er sei ermordet worden, um »den Gotteslästerern eine Lektion zu erteilen«. Zudem wird auf drei Facebook-Postings zwischen August 2013 und April 2015 Bezug genommen, mit denen der Mord gerechtfertigt werden soll. Samad habe beispielsweise eine Parodie eines Koranverses veröffentlicht und sich in obszöner und vulgärer Sprache über den Propheten lustig gemacht. Erst nach dem Auftauchen des Bekennerschreibens versprach Innenminister Khan Kamal, dass die Mörder zur Rechenschaft gezogen würden. Er verband dies in Aussagen gegenüber CNN jedoch erneut mit dem Hinweis, dass »niemand das Recht hat, die religiösen Führer zu attackieren. Warum wird derartige Sprache gegen das religiöse Establishment genutzt? Das ist in unserem Land nach dem Gesetz verboten.« Das gelte »für den Propheten Mohammed, Guru Nanak oder Jesus«.


Bislang wurden jedoch nur für den ersten Mord Täter verurteilt, in den weiteren Fällen gab es noch nicht einmal Festnahmen, wie auch im jüngsten Fall, obwohl die Tat erneut auf offener Straße geschah. Am Tag nach dem Mord blockierten deshalb Hunderte Studierende den Haupteingang von Samads Universität in der Dhakaer Altstadt und unterbrachen den Verkehr. Sie forderten auf Transparenten und in Sprechchören eine ordnungsgemäße Untersuchung und Gerechtigkeit für ihren Kommilitonen.

»Ich vertraue meiner Regierung in diesem Fall nicht«, sagt die Bloggerin Shammi Haque, die aus Bangladesh fliehen musste, im Gespräch mit der Jungle World. »Zwar wurden in der Vergangenheit einige Personen verhaftet. Ich denke aber nicht, dass das die Drahtzieher der Terroristen waren.« Haque ist vor wenigen Monaten nach Deutschland geflohen, nachdem sie in Bangladesh Todes- und Vergewaltigungsdrohungen erhalten hatte. Die säkulare und feministische Bloggerin vermutet, dass die Regierung nicht entschieden genug gegen die Islamisten vorgeht, weil sie fürchtet, ansonsten gestürzt zu werden. Immer wieder würden den Islamisten Zugeständnisse wie die Verschärfung des Blasphemieparagraphen gemacht. Zudem müssten Wählerstimmen von Konservativen gesichert werden. »Die Regierung will nicht als Unterstützerin von Atheisten dastehen«, so Haque.


Säkularismus wurde in der Verfassung von 1972 als eines von vier Grundprinzipien festgeschrieben. 1988 wurde der Islam als Staatsreligion anerkannt, jedoch ohne religiöse Gesetze zu etablieren. Kürzlich wurde vor dem Obersten Gericht eine Petition verhandelt, die den Islam als Staatsreligion wieder abschaffen wollte. Diese Petition wurde auch von Samad, der säkularen Bloggerszene und Vertretern religiöser Minderheiten unterstützt. Ohne Anhörung der Plädoyers wurden die Anträge binnen Minuten abgelehnt. Zuvor hatten die islamistische Partei Jamaat-e-Islami und die islamistische Gruppe Hefazat-e-Islam zu Protesten aufgerufen und in Dhaka zu Tausenden gegen die Petition und für die Todesstrafe für Atheisten demonstriert. Shah Ahmad Shafi, der Anführer der letztgenannten Gruppe, behauptete, dass sich Hindus und Säkulare gegen den Islam verschworen hätten, und drohte ihnen: »Wir werden einen Krieg gegen die Atheisten führen.« Die Witwe des ermordeten Bloggers Avijit Roy, Bonya Ahmed, forderte Bangladeshs Regierung auf, Shafi wegen Todesdrohungen und Anstiftung zum Mord zu inhaftieren. »Doch unsere sogenannte säkulare Regierung wird entweder still bleiben oder die Fundamentalisten unterstützen«, schrieb sie auf Facebook.


Tatsächlich tut die Regierung nichts zum Schutz religionskritischer Publizisten. Im Gegenteil: 2013 wurde der »Information and Communication Technology Act« (ICT) verschärft, ein Gesetz, das mehrjährige Haftstrafen für die »Verletzung religiöser Gefühle« vorsieht. Über 100 Verhaftungen gab es seit der Gesetzesüberarbeitung, zum Teil lediglich wegen kritischer Facebook-Postings. Zuletzt wurden im Februar auf der Internationalen Buchmesse in Dhaka der 73jährige Verleger Sham­suzzoha Manik und zwei seiner Mitarbeiter inhaftiert. Dieser hatte dort das von ihm übersetzte und verlegte Buch »Islamdebatte« ausgestellt, das angeblich den Islam beleidigt. Nach Drohungen von Islamisten mit gewalttätigen Protesten wurde Maniks Stand geschlossen und die Angestellten wurden verhaftet.


Auch wegen dieses Klimas fürchtet sich Shammi Haque davor, nach Bangladesh zurückzukehren: »Ich vermisse mein Land so sehr. Ich vermisse meine eigene Sprache und ich vermisse meine Mutter. Aber ich erhalte weiterhin Todesdrohungen. Ich habe Angst, dort das nächste Opfer der Mordserie zu werden.«