Frederik Schindler

Freier Journalist, Frankfurt am Main

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Kicken gegen Antisemitismus


Erst seit einem halben Jahr existiert die dritte Herrenmannschaft des jüdischen Fußballvereins TuS Makkabi Berlin. Dennoch wurde sie in der laufenden Saison des untersten Spielbetriebs schon zwei Mal Opfer von antisemitischen Übergriffen: Ende August vergangenen Jahres wurde das Team von aggressiven Spielern des BFC Meteor 06 während des Spiels körperlich angegriffen und antisemitisch beleidigt, im Oktober war es massiven Bedrohungen durch Spieler des 1. FC Neukölln ausgesetzt. Dabei nahmen diese Bezug auf die Messerattacken in Israel. Beide Spiele mussten vorzeitig bei einer Spielführung für Makkabi abgebrochen werden.

Grund genug für das Amateurteam des Vereins Türkiyemspor Berlin, als Zeichen der Solidarität ein Freundschaftsspiel  mit Makkabi zu organisieren, um ein Zeichen gegen Antisemitismus zu setzen. „Die Häufigkeit dieser Vorfälle zeigt eine dramatische Bedrohungslage für die TuS Makkabi-Spieler. Diese zunehmende Intensität von Übergriffen wollen wir nicht hinnehmen. Mit unserem Spiel wollen wir uns der Judenfeindlichkeit im Berliner Amateurfußball und in der gesamten Gesellschaft entgegenstellen“, berichtet Türkiyemspors Freizeitpieler Philipp Bruckmann der Jüdischen Allgemeinen.

Der Kontakt kam zwischen befreundeten Spielern beider Mannschaften zustande. Die Idee sei unmittelbar nach den Anfeindungen entstanden, jetzt wird das Spiel terminlich als Vorbereitung auf die Rückrunde genutzt. Bruckmann fordert, das Problem des Antisemitismus klar zu benennen: „Solche Vorfälle werden leider oftmals als normale Auseinandersetzungen auf dem Fußballplatz bagatellisiert", sagt er.

Von gegnerischen Mannschaften in der gleichen Spielklasse hingegen erhielt die Makkabi-Mannschaft nach den antisemitischen Vorfällen keinerlei Reaktionen, wie ihr Teamkoordinator Leonard Kaminski feststellt. „Ein Team hat sich kurz nach dem ersten Vorfall nach anfänglichen 'Allahu Akbar'-Schlachtrufen betont entspannt gegeben. Von der restlichen Liga haben wir nichts mitbekommen.“

Unterstützung habe es sonst nur von der antifaschistischen Fanszene des fünftklassigen Vereins Tennis Borussia Berlin (TeBe) gegeben. Der Verein hatte in seiner Geschichte viele jüdische Mitglieder und ebenfalls Erfahrungen mit Antisemitismus gemacht. Die Klubs trainieren nebeneinander und sind einander schon lange freundschaftlich verbunden. Bei einem Auswärtsspiel präsentierten TeBe-Fans ein Banner mit dem Schriftzug „Kein Fußball den Antisemiten! Durchhalten, Makkabi III!“. Nun soll in Zusammenarbeit mit anderen Fangruppen und der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) Unterstützung für die Makkabi-Teams organisiert werden.

Davon abgesehen seien Solidaritätsbekundungen sehr selten, vielmehr würden die anderen Vereine dem Problem gleichgültig und ignorant gegenüberstehen. Der sportliche Leiter des Vereins Claudio Offenberg berichtet zudem von herabsetzenden Sprüchen oder Vorwürfen der Mitschuld an diskriminierenden Ereignissen. „Das sind allerdings die Erfahrungen, die wir schon immer gemacht haben. Letztendlich stehen wir als Einzelkämpfer da.“ Mittlerweile werde von anderen Berliner Vereinen keine Hilfe mehr erwartet. Auch beleidigende Äußerungen von einzelnen Gegenspielern könnten oft nicht bestraft werden, da vor dem Sportgericht meistens Aussage gegen Aussage stünde.

Grund zur Niedergeschlagenheit gab es am Sonntagnachmittag immerhin nur aus sportlichen Gründen: Das veranstaltende Türkiyemspor-Team gewann auf dem Platz der Julius-Hirsch-Sportanlage der Makkabäer vor wenigen Zuschauern mit 7:1.

Kürzere Online-Version: http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/24621/http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/24621/