Frederik Schindler

Freier Journalist, Frankfurt am Main

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Artikel

In Bangladesh werden Religionskritiker mit dem Tode bedroht

In Bangladesh wurden erneut religionskritische Publizisten bedroht, angegriffen und ermordet. Die Regierung ist an einer konsequenten Verfolgung der Täter nicht interessiert.

von Frederik Schindler

In diesem Jahr wurden in Bangladesh fünf Autoren von Islamisten mit Macheten zu Tode gehackt, weil sie religiösen Fundamentalismus kritisierten und für eine säkulare Gesellschaft eintraten. Drei der Opfer schrieben für das religionskritische Blog Mukto-Mona, dessen Autoren sich als Freidenker, Humanisten und Atheisten bezeichnen. Zuletzt wurde am 31. Oktober ­Faisal Arefin Dipon, Verleger des im Februar getöteten atheistischen Bloggers Avijit Roy, in seinem Büro ermordet. Kurz zuvor wurde am gleichen Tag ein Verlagsgebäude überfallen. Der Herausgeber Ahmedur Rashid Tutul, der Autor und Dichter Tareque Rahim und der Blogger ­Ranadipam Basu wurden dabei mit Fleischer­beilen und Schusswaffen attackiert und zum Teil lebensgefährlich verletzt. Tutul hatte sich genau wie der im August ermordete Religionskritiker Niloy Chakrabarti nach Todesdrohungen vergeblich an die ­Polizei gewandt.

Sympathisanten der islamistischen Gruppe Ansarullah Bangla Team haben zudem vor wenigen Wochen eine Liste von 21 im Exil lebenden Bloggern veröffentlicht. Diese werden von den Islamisten als »Ungläubige« und »Feinde des Islams« bezeichnet. Ihnen wird mit dem Tod gedroht, sollte Bangladesh ihnen nicht die Staatsbürgerschaft aberkennen.

Der in Deutschland lebende Blogger Omar Farooq Lux forderte gegenüber der dpa, dass Bangladesh »die Rechte der Angehörigen aller Reli­gionen und auch der Atheisten sicherstellen muss, damit die Demokratie weiter bestehen kann«. Die Polizei brachte ihn an einen anderen Ort, da vermutet wurde, dass Islamisten seinen Aufenthaltsort kennen. Er steht seit der Veröffentlichung der Liste unter ständigem Polizeischutz. Der ebenfalls darin bedrohte Blogger Arif Rahman sagt im Gespräch mit der Jungle World, dass Bangladesh nur auf dem Papier ein säkularer Staat sei. »Statt die säkularen Aktivisten zu schützen, bedroht die Regierung sie andauernd mit neuen Gesetzen gegen Blasphemie und daraus folgenden Inhaftierungen. Das ist eine giftige Umgebung, die das Aufkeimen von religiösem Fanatismus begünstigt. Diese Kriminalisierung von Religions­kritik wird genauso zur Panikmache genutzt wie die Todeslisten der Islamisten.«

Rahman bezieht sich auf ein 2013 überarbeitetes Gesetz, das nach Ansicht von Menschenrechtsorganisationen die Meinungsfreiheit einschränkt. Mit ihm kann unter anderem die »Verletzung ­religiöser Gefühle« bestraft werden. In seiner neuen Form wurde das Gesetz erstmals im April 2013 angewandt, als vier säkulare Blogger wegen »blasphemischer Kommentare« inhaftiert wurden. Rahman vermutet, dass die Meinungsfreiheit durch einen »Missbrauch« des ursprünglichen Gesetzes erstickt werden soll: »Die einst lauten und freimütigen atheistischen Aktivisten werden jetzt jenseits aller Vorstellungskraft ge­demütigt und müssen außerhalb von Bangladesh um Asyl bitten.« Der Gesetzesverabschiedung vorangegangen waren islamistische Massenproteste, die die Todesstrafe für Atheisten und härtere Blasphemiegesetze forderten. Seitdem gab es über 100 ähnliche Verhaftungen. Zuletzt wurde Ende September ein 15jähriger Schüler verhaftet, weil er sich auf Facebook beleidigend gegenüber dem Islam geäußert haben soll. Auch Mohon Kumar Mondal, der Leiter einer Umweltschutzorganisation, wurde inhaftiert, weil er nach der Massenpanik in Mekka auf Facebook die saudi-arabische Regierung kritisiert und das Ritual der Steinigung des Teufels während der Wallfahrt in Frage gestellt hatte.

»In Bangladesh wird das opferlose Verbrechen der Religionskritik am härtesten bestraft«, meint Rahman. Die Bloggerin Shammi Haque setzt sich für die Bestrafung der Mörder der religionskritischen Blogger ein und sieht das ähnlich. »Ich bin mit dem Begriff der ›religiösen Gefühle‹ nicht einverstanden. Ich kann schreiben, was ich denke. Ich kann auch über Frauenrechte und alle religiösen Regeln gegen die Freiheit der Frauen schreiben«, sagt die 22jährige im Gespräch mit der Jungle World. »Die Regierung hat die Bloggermorde nicht ernst genommen. Wenn sie die Mörder von Avijit Roy konsequent verfolgt hätte, wären die anderen vielleicht noch am Leben.«

Darüber hinaus verschickte die Gruppe Ansarullah Bangla Team Mitte Oktober Drohungen an verschiedene Medien in Bangladesh. Die Islamisten fordern von ihnen, alle weiblichen Angestellten zu entlassen und keine Bilder von Frauen ohne Burka zu zeigen. Die E-Mails enthielten ebenfalls Todesdrohungen gegen Blogger und Forderungen, die Berichterstattung über jihadistische Aktivitäten einzustellen. Etwa zur gleichen Zeit erhielt der bekannte Blogger Imran Sarker Morddrohungen via Facebook, die er dem »Islamischen Staat« zuschreibt. Bislang wurde noch niemand wegen der Morde und Drohungen verurteilt, die Polizei verwies lediglich immer wieder auf den atheistischen Hintergrund der Opfer. »Diese Kommentare deuten eine gewisse Unterstützung für die Mörder an«, vermutet Sarker im Gespräch mit der Deutschen Welle.

Mindestens zwölf atheistische und säkulare Blogger haben in den vergangenen Wochen das Land verlassen, da sie als nächste Ziele der Islamisten galten. Shammi Haque hat sich gerade ebenfalls dazu entschieden, den Zuständen in Bangladesh zu entfliehen. Sie erhalten mehrere Mord- und Vergewaltigungsdrohungen, seit sie sich in der 2013 entstandenen säkularen Bewegung Gonojagaran Mancha engagiert. Vor zwei Jahren wurde Haque von der Polizei verprügelt, als sie an einer der Demonstrationen teilnahm. Die Polizei habe ihre Gruppe plötzlich attackiert und sie für kurze Zeit inhaftiert. Seit dem ersten Bloggermord lebt sie in ständiger Todesangst und fürchtet jeden Tag, von Islamisten angegriffen zu werden. Ende August wurde sie von zwei Männern verfolgt, die sich sehr verdächtig benahmen. Mittlerweile steht sie unter Polizeischutz. »Eigentlich habe ich nie daran gedacht, Bangladesh zu verlassen. Aber meine aktuelle Situation ist nicht gut. Ich musste meinen Job und mein Studium beenden und mein Heim verlassen. Ich habe kein Zuhause mehr«, erzählt sie kurz vor ihrer Abreise nach Deutschland. »Meine Freunde und Verwandten haben Angst um mich, können mich aber trotzdem nicht in ihr Haus lassen. Sie denken, ich bin gefährlich und haben Angst, ebenfalls in Gefahr zu geraten, wenn sie mit mir unterwegs sind. Ich bin manchmal hier und manchmal da. Was für ein armseliges Leben.« Sie sieht keine Perspektive mehr für sich in Bangladesh und lebt seit wenigen Tagen im deutschen Exil. Zwei Tage nach ihrer Ankunft erschütterte der erneute Mord die säkulare Bloggerszene Bangladeshs. Er fand genau gegenüber Haques alter Wohnung statt. »Wenn ich mein Land nicht verlassen hätte, wäre ich jetzt tot. Weil die Buchmesse ansteht, werden jetzt Verleger umgebracht, um alle, die freidenkerische Bücher publizieren, zu warnen. Eine schreckliche Situ­ation.« Haque ist enttäuscht von ihrer Regierung und fordert, diese müsse endlich alle fundamentalistischen Gruppen bekämpfen: »Die Islamisten wollen religiöse Gesetze etablieren und die Regierung handelt nicht entschieden genug dagegen. Progressive Menschen und religiöse Minderheiten sind deshalb mit einer sehr schlimmen Situation konfrontiert.« Auch Europa könne helfen, diese Lage zu verbessern. Sie fordert, dass die europäische Regierungen Druck auf die Regierung Bangladeshs ausüben: »Europa ignoriert die Menschenrechtsverletzungen von Handelspartnern. Doch Freidenker müssen geschützt werden!«