Frederik Schindler

Freier Journalist, Frankfurt am Main

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Artikel

Spielt nicht mit Juden: Konferenz über Antisemitismus im Fußball in Amsterdam

In Amsterdam fand eine Konferenz gegen Antisemitismus im Profifußball statt.

von Frederik Schindler

Mein Vater war in den Kommandos, meine Mutter war in der SS – Zusammen verbrannten sie Juden, denn Juden brannten am besten.« Dieser Fangesang schallte vor wenigen Wochen beim Spiel gegen den als »Judenclub« geschmähten Ajax Amsterdam durch das Stadion in Utrecht. Auch die Parole »Hamas, Hamas, Juden ins Gas«, in Deutschland seit den Demonstrationen anlässlich des Gaza-Kriegs im Sommer vorigen Jahres bekannt, wird in den Niederlanden schon seit Jahrzehnten von Fußballfans gerufen. Amsterdam war demnach als Ort für eine internationale Konferenz zum Antisemitismus im Profifußball gut gewählt. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus den Niederlanden, Polen, Großbritannien und Deutschland, Verbandsvertreter sowie Fans aus verschiedenen deutschen Szenen, darunter die Bremer Initiative »Fußballfans gegen Antisemitismus«, fanden sich Mitte Juni auf Einladung des Anne-Frank-Hauses zu einem zweitägigen Kongress zusammen, um verschiedene Aspekte des Phänomens zu diskutieren und Gegenstrategien vorzustellen.

Im niederländischen Fußball stellen Juden und Israel eine Projektionsfläche dar (Jungle World 25/2009). Dem niederländischen Rekordmeister Ajax Amsterdam wurde bereits vor dem Zweiten Weltkrieg ein jüdisches Image zugeschrieben; zu jener Zeit lebten vergleichsweise viele Jüdinnen und Juden in Amsterdam. Zwar kooperierte der niederländische Fußballverband mit der deutschen Besatzung und jüdische Funktionäre mussten nach dem Krieg erst ihre Positionen zurückverlangen, dennoch verlor Ajax sein jüdisches Image nicht. Heutzutage bezeichnen sich viele Fans als »Superjuden«, tragen Davidsterne, singen hebräische Lieder oder hängen Israel-Fahnen ins Stadion. Auf der anderen Seite sind Zischgeräusche, die an ausströmendes Gas erinnern sollen, oder Sprechchöre mit positivem Bezug auf die Shoa fast jede Woche von gegnerischen Fans zu hören. Das wird immer wieder mit der Begründung verharmlost, dass die Fangesänge lediglich Konsequenz der Rivalität gegenüber den sich selbst als jüdisch bezeichnenden Ajax-Fans seien. Diese Selbstbezeichnung wurde auf dem Kongress von Amsterdams Bürgermeister Eberhard van der Laan und dem jüdischen Shoa-Überlebenden Joop Waterman kritisiert: Die Fans würden sich damit nur auf die moralisch richtige Seite stellen.

Ähnlich kritisch fällt auch der 2013 erschienene Dokumentarfilm »Superjews« der Regisseurin Nirit Peled aus. Nach ihrer Emigration von Israel nach Amsterdam erklärt ihr die dortige jüdische Gemeinde, sie könne sich wegen des steigenden Antisemitismus nicht mit erkennbar jüdischen Symbolen in der Stadt bewegen. Als sie dann auf Fußballfans trifft, die Davidsterne tätowiert haben und stolz »Wer nicht hüpft, der ist kein Jude« rufen, ist sie geschockt. Sie hüpft nicht, sondern steigt aus und befragt in ihrem Film Fans, Funktionäre und in Amsterdam lebende Jüdinnen und Juden.

Hier wird deutlich, dass es vielen kaum um den Kampf gegen Antisemitismus und Solidarität mit Israel geht, sondern eine jüdische Identität lediglich angeeignet wird, weil diese der Vereinsgeschichte zugeschrieben wird. Eine ähnliche Debatte wird beim englischen Verein Tottenham Hotspurs geführt, dessen Fans sich vor Jahrzehnten die abwertend gemeinte Bezeichnung »Yids« aneigneten, um sie – vergleichbar mit rassistischen oder homophoben Beleidigungen – positiv umzudeuten. Der englische Fußballverband würde jegliche Benutzung des Worts am liebsten verbieten, auch die Polizei nahm zwischenzeitlich sich selbst als »Yids« bezeichnende Tottenham-Fans fest. Es ist jedoch unsinnig, die Benutzung des Begriffs seitens antisemitischer Fans und die Selbstbezeichnung gleichzusetzen, und es gleicht einer Täter-Opfer-Umkehr, antisemitische Gesänge anderer Fans auf die Benutzung jüdischer Symbole zurückzuführen. Auch eine Israel-Fahne gilt Antisemiten noch immer als Provokation, sie offen im Stadion zeigen zu können, beweist bessere Verhältnisse, als sie auf deutschen Spielplätzen herrschen: Im April wurde Fans des FC Ingolstadt die Flagge zur Unterstützung des israelischen Spielers Almog Cohen abgenommen. »Keine Fahnen von Juden erlaubt«, habe der ausführende Ordner gesagt, twitterte Cohen nach dem Schlusspfiff der Partie beim 1. FC Union Berlin.

Meistens wurde der Antisemitismus im Fußball auf der Konferenz als Teil einer »gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit« betrachtet, also lediglich als Vorurteil von Individuen und nicht als Weltanschauung, die Juden verschwörungsideologisch alles Böse zuschreibt und Befreiung in der Judenvernichtung sieht. Auch der Begriff der »Islamophobie« wurde unkritisch verwendet, der oftmals nicht tatsächliche antimuslimische Ressentiments beschreibt, sondern von einigen islamischen Organisationen als Kampfbegriff zur Abwehr von jeglicher Kritik am Islamismus verwendet wird. Zudem wurde das Problem oft auf neonazistischen Antisemitismus reduziert, islamischer und struktureller Antisemitismus, der Juden meint, aber nicht nennt, blieben gänzlich unthematisiert.

Beide Spielarten sind allerdings auch im Fußballkontext relevant. Ersterer zeigte sich beispielsweise, als Jugendliche mit Palästina-Fahnen im Sommer 2014 in Bischofshofen bei einem Testspiel jüdische und muslimische Spieler des israelischen Vereins Maccabi Haifa angriffen und so zeigten, was »Israel-Kritik« in Aktion bedeuten kann (Jungle World 31/2014). In der vorvergangenen Woche wurde die israelische Nationalmannschaft in einem EM-Qualifikationsspiel von den gegnerischen bosnischen Fans mit Hitler-Grüßen und »Free Palestine«-Rufen empfangen, beim Marsch zum Stadion wurde eine riesige Israel-Flagge als Fußabtreter verwendet, die israelische Nationalhymne wurde verhöhnt und überschrieen. Zudem berichteten israelische und bosnisch-herzegowinische Medien von Hunderten Fans, die vor dem Mannschaftshotel der Israelis randaliert hätten, im Stadion sei »Juden, auf Wiedersehen« angestimmt worden. Einige Wochen zuvor hatte das Simon Wiesenthal Center »Tod den Juden«-Rufe beim Schwenken palästinensischer Fahnen und eine »jihadistisch-neonazistische Allianz« bosnischer Fußballfans skandalisiert, die in Wien bei einem Freundschaftsspiel zwischen Österreich und Bosnien stattgefunden hätten.

Auch der sogenannte strukturelle Antisemitismus – also Aussagen, die antisemitische Ressentiments reproduzieren, ohne sich explizit gegen Juden zu richten – spielt in Hinblick auf Kommerzialisierungskritik eine wichtige Rolle. Beispielweise der allgegenwärtige Hass auf den als »Kunstprodukt« attackierten RB Leipzig entlud sich bereits in Aggression und Gewalt gegen Fans. T-Shirts mit Aufdrucken wie »Rattenball« (eine bösartige Verballhornung des Vereinsnamens »Rasenballsport«, Anm. d. Red.) oder »Schädlingsbekämpfer« sind im Umlauf und erinnern an nationalsozialistische Propaganda, bei der Juden zu vernichtendem Ungeziefer gemacht wurden.

Hass gegen Juden im Fußball ist also längst mehr als das offen antisemitische »U-Bahn-Lied« – und drückt sich immer öfter in der Camouflage des Antizionismus aus, was auch der kürzlich beantragte Ausschluss des israelischen Fußballverbands aus der Fifa zeigte. Jibril Rajoub, Fatah-Politiker und Präsident des palästinensischen Fußballverbands, hatte mit 15 Jahren eine Handgranate auf israelische Soldaten geworfen und kam 17 Jahre später, im Jahr 1985, durch einen Gefangenenaustausch frei. Heutzutage versucht er auf der Ebene des Sports, Boykotte gegen Israel zu erwirken. Solchen Versuchen ist der israelische Verband seit seiner Gründung ausgesetzt, der deshalb nach dem Ausschluss aus dem asiatischen Fußballverband 1974 seine Qualifikationen im ozeanischen Verband austragen musste, bevor er 1991 nach dem Ende der Blockade der vormals realsozialistischen Staaten in die Uefa aufgenommen wurde. Rajoub hält »jede gemeinsame sportliche Aktivität mit dem zionistischen Feind« für »ein Verbrechen gegen die Menschheit«, eine Schweigeminute für die israelischen Athleten, die während den Olympischen Sommerspielen 1972 von palästinensischen Terroristen ermordet worden waren, bezeichnete er 2012 als »rassistisch«.

Unterstützt wurde er von 180 Demonstrierenden vor dem Kongress, die, angeführt vom Schweizer Ableger der BDS-Bewegung, auf Plakaten Zionismus mit Rassismus gleichsetzten und mit der Formel »Rote Karte für israelische Apartheid« das südafrikanische Apartheid-Regime relativierten. Kurz vor der Abstimmung zog Rajoub seinen Antrag auf Ausschluss Israels aus der Fifa wegen zu geringer Aussicht auf Erfolg zurück. Die Fifa wird nun eine Kommission einsetzen, die die Bewegungsfreiheit der palästinensischen Spieler überprüfen soll. Falls sich Israel allerdings für die umstrittene Weltmeisterschaft in Katar 2022 qualifizieren sollte, würde die Boykottbewegung ihr Ziel wohl auch ohne eigenes Zutun erreichen: Das Team dürfte vermutlich nicht einreisen.