Frederik Schindler

Freier Journalist, Frankfurt am Main

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Interview

"Machtdemonstrationen für ein reaktionäres, männliches Weltbild"

Obwohl Hooligans schon in ihrer Entstehungsphase hochpolitische Inhalte vertraten und sich ein Wiederaufkommen der Szene lange ankündigte, reagierte die Politik im letzten Jahr größtenteils überrascht auf die gewalttätige Großdemonstration in Köln. Auch im April 2015 sind rechte Hooligans noch an Pegida-Demonstrationen beteiligt und in deutschen Fankurven aktiv. Fussball-gegen-Nazis.de hat mit Peter Römer, einem Redakteur des Transparent Magazins über die Ziele und Inhalte der Bewegung gesprochen. Dieser schätzt ein: Das Machtgefühl der erstarkten Szene wird bleiben, auch wenn die Aktivitäten auf den Straßen wieder zurückgehen.

Von Frederik Schindler

FS: Nach der HoGeSa-Großdemonstration im Oktober 2014 in Köln reagierten Politikerinnen und Politiker geschockt auf das Mobilisierungspotential der Hooligans. Verwundert dich das?

PR: Über dieses Ausmaß waren sogar zivilgesellschaftliche Gegenstrukturen überrascht. Allerdings gibt es auch eine große Kontinuität der Vernetzungsarbeit von politisch rechts gesinnten Hooligans. Wenn allerdings der Bundesjustizminister Maas davon spricht, dass Hools nicht politisch, seien, sondern sich nur zum Prügeln und Bier trinken treffen, ist das fatal. Das bestätigt die Lebenslüge von rechten Fußballfans, die immer wieder von sich behaupten, sie seien unpolitisch und gewiss keine Nazis. Es gab einen klaren Schulterschluss von Hooligans mit der politischen Rechten, die an das Thema anknüpfen. Auch der Leiter des Bundesamtes für Verfassungsschutz bezeichnete Hooligans als "zum größten Teil politisch indifferent" – das ist gefährlich! Ein Teil der Hooligan-Bewegung ist bereits seit den 80er-Jahren hochpolitisch.

Laut Eigenbezeichnung ist der Zusammenschluss bekanntlich "gegen Salafisten" aktiv – nun geht es allerdings offensichtlich nicht um eine emanzipatorische Kritik des Islamismus. Für welche Ziele und mit welchen Inhalten geht die Gruppe denn überhaupt auf die Straße?

Das ist eine richtige Beobachtung. Salafisten, die sich selbst aktionistisch geben, sind lediglich ein guter Anlass für Hooligans, sich wieder auf der Straße zu präsentieren. Hooligans brauchen Gegner. Nach vermehrtem Austausch im Internet gab es den Wunsch, nicht nur salafistische Demonstrationen zu stören, sondern auch selbst Demonstrationen zu organisieren. In den auf den HoGeSa-Demos abgehaltenen Reden ging es zwar irgendwie auch um Salafismus, mehr aber um das Klopfen von dumpfen Parolen. So wurden in Köln auch Journalisten und ein chinesisches Restaurant angegriffen, es gab "Deutschland" und "Deutschland den Deutschen, Ausländer raus"-Rufe. Das zeigt: Es geht um Machtdemonstrationen für ein reaktionäres, männliches Weltbild und um Abwehrreaktionen gegen alles, was dagegen spricht. Dabei sollten klare Kontrapunkte beispielsweise gegen Ultras gesetzt werden, die diese althergebrachten Bilder kritisieren.

War das Thema Islamismus auch in früherer Vergangenheit schon Thema für Hooligans?

Es ist vielmehr klassischer Rassismus, den diese Abwehrbewegung eint. Schon in den 80er-Jahren griffen die Hamburger Löwen migrantische Jugendliche an, Teile der Gruppe waren auch wieder bei HoGeSa in Köln dabei. Ein aktuelleres Beispiel: Die Dresdner Gruppe Faust des Ostens zeigte 2011 im Spiel gegen Eintracht Frankfurt abwertend gemeinte Banner, auf denen das Eintracht-Logo mit der islamischen Mondsichel abgebildet war. Zudem wurde zumindest von einem Vorsänger der Ultras Dynamo "Ihr seid nur Dönerverkäufer" angestimmt, auch Hitlergrüße wurden gezeigt und es wurde "Eintracht Frankfurt, Jude, Jude, Jude" gerufen. Dass der Rassismus sich jetzt hinter einer vermeintlichen Kritik des Islamismus verbirgt, ist in dieser expliziten Form etwas Neues für die Hooligan-Szene und knüpft natürlich auch an gesamtgesellschaftliche Entwicklungen an.

Diese gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen zeigten sich auch im Aufkommen von Pegida. Welchen Einfluss hat HoGeSa auf Pegida und welche Folgen hat das Mitwirken von HoGeSa an Pegida-Demonstrationen?

Da besteht ein wechselseitiges Interesse. Ostdeutsche Hooligans traten bei Pegida als Schutzmacht und Ordner auf, ein Legida-Redner bedankte sich explizit bei den Hools, dass sie das "Volk vor der Antifa schützen" würden und sagte, dass "die Ersten, die für die Freiheit in Deutschland auf die Straße gegangen sind" nicht Pegida waren, sondern HoGeSa in Köln. Olaf Sundermeyer hat gezeigt, dass die Hooligans den zwischenzeitlichen Erfolg von Pegida überhaupt erst möglich machten. Sowohl beim Leipziger, als auch beim Chemnitzer Ableger von Pegida liefen rechte Hools mit, was auch eine Vernetzung zwischen ostdeutschen Hooligans ermöglichte, die vorher so nicht gegeben war. Auch in Westdeutschland, vor allem in Nordrhein-Westfalen, haben sich Hooligans in größerer Zahl an Pegida-Demonstrationen beteiligt.

Diese Demonstrationen spielen sich bekanntlich abseits von Stadien ab. In welchen Fanszenen in Deutschland gibt es denn momentan Probleme mit rechten Hooligans?

Der Fanforscher Gerd Dembowski spricht von einer zweistelligen Anzahl von Vereinen, in denen es Auseinandersetzungen zwischen antidiskriminierenden Ultragruppen und rechts geprägten Hooligangruppen gibt. Die bekanntesten Beispiele sind sicherlich die Verdrängungsprozesse in Braunschweig und Aachen.  

Zwar war HoGeSa Ende März wieder bei einer neonazistischen Demonstration in Dortmund aktiv, dennoch scheint die Gruppe deutlich schwächer geworden zu sein und keine eigenen Veranstaltungen mehr zu organisieren. Ist das Problem also beseitigt?

Das Mobilisierungspotential von HoGeSa und Pegida ist durch die verschiedenen Spaltungen sicherlich geringer geworden. Es ist allerdings zu beobachten, dass die neuen kleineren Demos radikaler werden – zum Beispiel beteiligten sich HoGeSa und andere organisierte Neonazis an der Pegida-Demonstration in Wuppertal. Auch die HoGeSa-Abspaltung Gemeinsam Stark muss im Auge behalten werden: Während die HoGeSa-Homepage derzeit aus wirren Verschwörungstheorien besteht, zeigt sich bei Gemeinsam Stark ein höheres Organisationspotential mit führenden Köpfen aktionistisch orientierter Hooligans. Doch auch wenn die Demonstrationen kleiner werden, wird das Machtgefühl bleiben, dass sich aus dem riesigen Erfolg der Köln-Demo ergeben hat. Noch in einigen Jahren werden Hooligans von "Heldentaten" berichten, wie stark sie 2014 auf der Straße waren und die Polizei besiegt hätten. Da fanden die Auseinandersetzungen plötzlich nicht mehr nur bei Wald-und-Wiesen-Schlägereien statt, sondern in der Öffentlichkeit – was die Rekrutierung von Nachwuchs viel leichter macht.

Peter Römer hält Vorträge über HoGeSa und Pegida als gesamtgesellschaftliche Entwicklungen, den Konflikt zwischen Hooligans und Ultras in deutschen Stadien und Patriotismus und Nationalismus während Fußball-Weltmeisterschaften. Er ist unter peter.roemer@uni-muenster.de erreichbar.