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Ein Himmel aus Holz

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Alte Bautradition und eine moderne Konstruktion: Kengo Kumas meditativer Rückzugsort bringt CAD-Technologie auf eine bayerische Waldlichtung.


Im Herbst 2018 eröffnete Kengo Kuma sein erstes dauerhaftes Objekt auf deutschem Boden: Das sogenannte „Meditation House“ liegt rund 90 km von München entfernt auf einem Hochplateau am Fuß der Zugspitze. Auftraggeber ist Jakob Edinger, Tourismus-Unternehmer und Inhaber des Hotel-Resorts „Das Kranzbach“. Errichtet hat Kengo Kuma den Bau in seinem Lieblingsmaterial Holz und in Zusammenarbeit mit dem Innsbrucker Büro Studio LOIS.


Kengo Kuma, geboren 1954 in Yokohama, zählt zu den besten Architekten Japans und damit zur Top-Liga weltweit. Nach einem Studium an der Universität Tokio arbeitete er als Gastdozent an der Columbia University und gründete 1990 sein eigenes Büro Kengo Kuma Associates (KKAA). Das Portfolio: Egal ob Teehaus, Spa, Schulgebäude, Hotel, Kultur- und Kongresscenter oder Sportstadion –  derzeit das Olympiastadion Tokio für die Sommerspiele 2020 – oder zuletzt das neu eröffnete V&A Designmuseum in Dundee, Kumas Entwürfe knüpfen an heimische Traditionen und, wo immer möglich, an natürliche Materialien wie Holz.   

Ein echter Kuma in Kranzbach? Das klingt nach einem so gelungenen wie ungewöhnlichen Joint Venture. Das 1915 erbaute, denkmalgeschützte Schloss Kranzbach liegt in spektakulärer Alleinlage in rund 1000 Metern Höhe auf einem Plateau bei Klais/Krün. Drumherum nichts als Wiesen und unverbaute Alpenkulissen von Karwendel bis Wetterstein. Das von der englischen Aristokratin Mary Isabel Portman aus London beauftragte Schloss im Arts-and-Crafts-Stil orientiert sich stilistisch an schottischen Country Houses. Nach schwierigen Jahrzehnten kaufte es 2004 der Unternehmer Jakob Edinger und verwandelte es 2007 in ein Fünf-Sterne-Wellness-Hotel nebst modernem Anbau –  „Das Kranzbach“. Das USP: Ruhe, Relaxen und unberührte Natur. Letztere ist Stichwort und Schnittmenge zu Kumas Arbeit, der seine Inspirationen aus der Natur bezieht, vorzugsweise mit Stahl, Glas und Holz arbeitet, mit Bezügen zu Landschaft, Licht, Luft und Wasser. 

„Für unser Gäste wollten wir einen besonderen Rückzugsort schaffen, einen Tempel oder eine Kapelle“, sagt Edinger. Er suchte gezielt nach einem japanischen Architekten, weil Meditation in Fernost eine bedeutende Rolle spielt. Kuma suchte höchstpersönlich eine Lichtung im Wald aus, für die er das besagte „Meditation house“ konzipierte. Nur die nötigsten Bäume wurden hierfür gefällt und wie in alten Zeiten von einem Rückepferd abtransportiert. Umgesetzt wurde der Entwurf vom Innsbrucker Studio LOIS unter Federführung von Architektin Barbara Poberschnigg. 

Im Fokus: „Ein Haus, das hierher passt, das mit der Umgebung verschmilzt“, sagt Kuma. Erstellt wurde das Objekt mit Hilfe von CAD und CAM – und von 40 überwiegend heimische Betrieben. Am Computer erstellte Architektur hilft, die Schönheit des Materials darzustellen, findet der Architekt: „Die CAD-Technologie und 3D-Tools haben längst einen festen Platz im architektonischen Entwerfen und eröffnen eine neue Fokussierung auf die Materialien. Computertechnologie hilft sehr dabei, organische Materialien in der Architektur einzusetzen.“

Das Ergebnis: Ein Pavillon mit einer komplexen Gebäudestruktur, mit einem Stahlbau als Grundgerüst und großflächig bodentiefen Glasplatten, die den Bau auf drei Seiten fast nahtlos nach außen öffnen. Das gesamte Gebäude umfasst 160 qm, der Meditationsraum 80 qm, darüber liegt ein mit Zinkblech gedecktes Dach. Das Besondere? Ist die Deckengestaltung des Raums: Wie bei einem Steckspiel wurden hier gleichartige Tannenbretter ineinander gesteckt, in unzähligen kleinen Einheiten und mit scheinbar unsichtbaren Verbindungen. Zusammen ergeben sie eine Skulptur, die von der vierten Wand hinauf zur Decke zieht. Ein hölzerner Himmel also, aus in sich verschränkten Elementen, mit einer Struktur, die die Decke gestaltet und staffelt. Das verlangt perfekte Planung und präzises Arbeiten. „Nach Zirbe und Lärche haben wir uns schließlich für  Weißtanne entschieden, „weil das ein so sanftes und gleichmäßiges Material ist“, sagt Edinger und: „1550 Schindeln steirischer Weißtanne wurden hier zu einem ,piece of art' verwoben“. 
  

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