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Die Gipfelstürmerin

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«Ohne Erfrierungen heimzukommen, noch dazu als Freunde – das ist ein Erfolg»: Edurne Pasabán bei der erfolgreichen Besteigung des K2 im Sommer 2004. Bild: PD

Die Spanierin Edurne Pasabán hat als zweite Frau alle 14 Achttausender der Welt bezwungen. Nach einer schweren Depression hat sie inzwischen auch gelernt, die Freiheit der Berge in den Alltag zu retten.

"Bin ich eine Siegerin?" Diese Frage stellt sich Edurne Pasabán manchmal, auch in den letzten Zeilen ihres Buches "Vierzehn mal Achttausend" (2011). Vielleicht ja, schreibt sie dann. Doch sie weiss: "Der wirkliche Triumph ist ein anderer." Zur Siegerin machten sie nicht jene Gipfelerfolge, für die sie heute weltweit bekannt ist, sondern vielmehr das Überwinden einer tiefen Lebenskrise.


Das erste Mal treffe ich Pasabán im Herbst 2011 in ihrer spanischen Heimat, gut ein Jahr nachdem sie sich mit der "Himalayan Crown", dem Erreichen aller 14 Gipfel über 8000 Meter, zur Superbergsteigerin gekrönt hat. Gemeinsam besteigen wir den Pico de Aneto, den höchsten Gletscherberg der Pyrenäen. Edurne, das heisst übrigens "Schnee" auf Baskisch, zeigt sich temperamentvoll und nachdenklich zugleich.


Ruhe bewahren

Sie ist ein Star, wird gefeiert, unentwegt klicken die Kameras. Im Abstieg schlägt die Stimmung urplötzlich um, als ein nachfolgender Bergsteiger tödlich abstürzt. Ohne Zeichen von Panik oder Nervosität sichert Edurne ihr Team, hilft, die Bergung des Verunglückten zu organisieren. Im Schatten dieses Unfalls gerät das Interview am Tag darauf zu einem frappierend persönlichen Statement. 


"In extremen Situationen muss man Ruhe bewahren und funktionieren", beginnt sie. Und erzählt vom einschneidenden Erlebnis im Januar 2007, als direkt neben ihr die Seilschaft von drei guten Freunden inmitten einer Nordwandroute 600 Meter in die Tiefe stürzt. Als sie darauf dem Vater eines der Freunde begegnet, sagt sie: "Ich frage mich, warum ich noch lebe, während die anderen tot sind." Doch jener Vater beruhigt sie: "Mach weiter, das ist dein Weg, mein Sohn hätte das auch gewollt." Das Weitermachen, das Finden des eigenen Weges wird zur Lektion ihres Lebens.


Freiheit in der Kletterwand

Edurne kommt als erstes Kind einer Unternehmerfamilie in Tolosa in der baskischen Provinz Gipuzkoa zur Welt, später folgt Bruder Eneko. Als Sechsjährige ist sie häufig krank, hat Magenprobleme, wird überbehütet und findet kaum Kontakt zu Gleichaltrigen. "Ohne meine Mutter ging ich nirgendwo hin." Das Gefühl der Unselbstständigkeit und Abhängigkeit von den Eltern prägt sie bis ins Erwachsenenalter. Mit 14 entdeckt sie einen eigenen Bereich: Sie beginnt im örtlichen Alpenverein zu klettern. Der Leiter entpuppt sich als Cousin, den sie bis dato nicht kannte, seine und Edurnes Eltern sind zerstritten. Er heisst Asier Izaguirre, wird ihr Vertrauter und bester Kamerad auf vielen Expeditionen. "Niemand kennt mich so gut wie er", sagt sie.


Sie studiert Maschinenbau, fängt in der Firma des Vaters an. Und ist todunglücklich. Sie will allen alles recht machen, jederzeit. Sie schmeisst alles hin. Eröffnet ein kleines Landhotel namens Abeletxe ("Silberdistel"). Edurne putzt, kocht, arbeitet rund um die Uhr, ist dabei glücklich, denn nun kann sie selbst entscheiden. Das hatte sie auf ihren Expeditionen gelernt. "Was suchst du dort oben am Berg?", fragten die Leute verständnislos. "Freiheit", sagte sie. Sie braucht das schwierige Territorium, das Niemandsland: "Dorthin kann mir kaum jemand folgen."


Wahl zwischen Bersteigen und normalem Leben

Sie trifft den italienischen Bergsteiger Silvio Mondinelli, der zum Katalysator ihrer Bergkarriere wird, Einladungen zu neuen Expeditionen folgen. Als die Beziehung zerbricht, zieht sie selbst los, leitet eigene Expeditionen. Sie steigt immer weiter, höher, während die Freundinnen heiraten und Kinder bekommen. Sie ist im Clinch, glaubt, entscheiden zu müssen: Kind oder Kletterkarriere. Da trifft sie einen neuen Mann, geht mit ihm nach Andorra, plant die gemeinsame Zukunft. Doch auch diese Beziehung zerbricht und damit ein Lebensplan. Noch ein Berg: Der Nanga Parbat ist ihr achter Achttausender - dann fällt sie 2006 in eine tiefe Depression. Wo andocken? Zurück zu den Eltern? Nein, das ist vorbei. Sie geht nach Barcelona, beginnt ein Masterstudium in Business-Administration.


Die Depression hält an. Sie ist jetzt 32. Noch immer glaubt sie, zwischen Bergsteigen und einem "normalen", gesellschaftlich anerkannten Leben wählen zu müssen. Der Konflikt scheint unlösbar. Sie versucht, sich das Leben zu nehmen, wird knapp gerettet. Fragt sich danach: "Warum reise ich Tausende Kilometer, durchsteige steile Blankeiswände, tue alles für meine physische Sicherheit - um dann in meiner Wohnung in Barcelona alles wegzuwerfen?" Sie beginnt eine Therapie, lernt, eigene Ziele und Massstäbe zu definieren. Und vor allem: Sie lernt, die Freiheit aus den Bergen in den Alltag zu retten. Zum ersten Mal entwickelt sie echtes Selbstvertrauen.


Topriege der Alpinistinnen

"Edurne, du lebst für die Berge, mach weiter", sagt Cousin Asier. Das Jahr darauf, 2007, plant sie drei neue Expeditionen, besteigt den Broad Peak, ihren neunten Achttausender. Zum ersten Mal denkt sie daran, die 14 vollzumachen. Ein historischer Platz in der Alpin-geschichte lockt. Ein Wettlauf bahnt sich an, zwischen Pasabán, der Österreicherin Gerlinde Kaltenbrunner und Oh Eun-sun aus Korea, doch keine gibt das gerne zu. Sie plant professionell, gewinnt grosse Sponsoren wie Endesa und Gore-Tex, geht Verpflichtungen ein. Das erhöht auch den Druck durch die Medien. Sie wird kritisiert, auch dafür, dass sie häufig den Normalweg wählt, statt technisch schwierigere Routen anzugehen. Doch sie steht zu ihren Vorhaben. "Das fällt in der spanischen Machismokultur nicht immer leicht", sagt die 1,80 Meter grosse Frau grinsend. Am 17. Mai 2010 ist es geschafft - im fünften Anlauf erreicht sie den letzten Prüfstein, den Gipfel des Shisha Pangma. Damit gehört sie endgültig zur Topriege der Alpinistinnen.


"Gestritten wird noch immer auf Baskisch"

Das grosse Ziel ist erreicht, damit fällt auch der Medienhype weg. Doch für die Leere danach ist sie gewappnet: Aktuell lernt sie für einen zweiten Master in professionellem Coaching. Bereits jetzt gibt sie ihre Erfahrungen an Studenten einer Madrider Business-School weiter, hält Vorträge, spricht mit Politik- und Wirtschaftsgrössen. Gerade in der Krise braucht Spanien Menschen wie Edurne: motivieren und analysieren, das kann sie. 2012 diskutierte sie am International Mountain Summit (IMS) in Brixen mit Kollegen wie Reinhold Messner über die Aspekte des Scheiterns - sei es als Unternehmer, als Bergsteiger oder als Mensch. "Ohne das Scheitern wäre ich nicht geworden, was ich bin. Wie definiert man überhaupt Erfolg? Ohne Erfrierungen heimzukommen, noch dazu als Freunde, das ist ein Erfolg."

Auch neue Bergprojekte stehen auf dem Programm, in China oder Pakistan. Die Ziele im vergleicht sie gern mit unternehmerischen Aufgaben, für beides brauche man Strategien und Visionen. Auch Asier ist am IMS dabei, schliesslich haben sie sechs Achttausender gemeinsam bestanden. Über die berühmte Cousine sagt er: "Sie ist starrköpfig, aber sie hat innere Kraft. Wenn wir am Berg zweifelten, war sie der Motor, der uns am Laufen hielt - im Himalaja entscheidet zu 90 Prozent die mentale Stärke, ob du oben ankommst." Als sie ihm ins Wort fällt, ihn an der Schulter packt, sagt er grinsend: "Und gestritten wird noch immer auf Baskisch."


(Tages-Anzeiger, erschienen am 25.04.2013)





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