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Mit Hiphop und Rap gegen Rassismus - Festival der Kulturen in Bern

Bern, 18.3.18 (kath.ch) Zum zweiten Mal fand am Samstag in der Heiliggeistkirche in Bern das "Festival der Kulturen" statt. Daran beteiligten sich Künstlerinnen und Künstler aus unterschiedlichen Sparten und Herkunftsländern. Sie sorgten für ein Fest für alle Sinne und starke künstlerische Statements gegen Rassismus.

Vera Rüttimann

Passanten am Bahnhof Bern wundern sich. Aus der gegenüberliegenden Heiliggeistkirche leuchtet es grün, blau und rot. Sie hören Trommelklänge, Scheppern und Gelächter. Es sind die Geräusche der Kunstschaffenden, die mit einer geballten Ladung an Tanz, Musik und Theater in dieser Kirche die 8. Aktionswoche der Stadt Bern gegen Rassismus eröffnen. Das Festival der Kulturen trägt den Titel "Hier. Jetzt. Unbedingt" und es bringt die Heiliggeistkirche zum Beben.

Flüchtlinge machen Ethnopop

Zwölf Tanzgruppen, neun Bands und zwei Theatergruppen messen sich in ihrer Sparte in einem Wettkampf und zeigen dabei ihren kulturellen Reichtum. Die Profis und Amateure können Preise im Gesamtwert von über 5000 Franken gewinnen, die von mehr als zehn Berner Firmen und Persönlichkeiten gesponsert wurden.

Zu Beginn des Abends treten Gruppen wie "Soul Move Dance School", "Duo Siams" und "Inti raymi" auf. Die Eltern der Jugendliche stehen in den Bänken und zücken ihre Smartphones.

Ganz besonders berührt ist Andreas Nufer, Pfarrer an der Heiliggeistkirche, von der Gruppe "Alizarin". Sie besteht aus einer Gruppe von Flüchtlingen, die sich einst im Asylzentrum "Bäregg" kennen gelernt hat, später eine Band gründeten und nun hier auf der Bühne stehen.

Andreas Rufer erzählt begeistert: "Einige von ihnen kamen einst als unbegleitete Minderjährige zu Fuss oder per Bus aus Ländern wie Afghanistan und Eritrea zu uns in die Schweiz. Und heute machen sie Ethnopop."

15 künstlerische Positionen gegen Rassismus

Ein weiterer Höhepunkt erreicht die Nacht mit der Vernissage. Auf einer grossen Leinwand erscheinen die Werke der 15 Malerinnen und Fotografen, die an den Wänden der Heiliggeistkirche aushängen. Sie erzählen von ihrer alltäglichen Auseinandersetzung mit Rassismus und ihren Lebenswegen.

Die Besucher erfahren so etwa von der brasilianischen Künstlerin Eva, die ein Bild mit einem Patua-Motiv zeigt. Das Amulett ist ein magisches Schutzelement für Körper und Geist. Die Besucher sehen die Bilder der Mexikanerin Raquel Lopez, die mit ihrer Kamera das Leben der Menschen an den Rändern der Welt zeigt. Und sie erfahren von René Maviaki, der mit Artafrikswiss die Afrikanische Künstlergesellschaft der Schweiz mitbegründet hat.

Der Fall Alan Miro bewegt viele besonders: Der Syrer hatte in Al Dirbasiya ein eigenes Atelier. Da er immer wieder Themen aus der kurdischen Kultur und der syrischen Politik in seinen Werken darstellte, wurde er verfolgt und inhaftiert. 1998 gelang ihm die Flucht nach Zypern. 2001 kam er schliesslich in die Schweiz, wo er eine Familie gründete.

Multireligiöses Bern

Während Rapper wie die "J-roume" die Bühne in rotem Licht entern, berät sich erneut die Jury. Die Veranstalter konnten so versierte Leute wie Monika Nagy, Pianistin und Dozentin an der Hochschule der Künste Bern, die Sängerin und Bandleaderin Shirley Grimes und den Regisseur und Schauspieler Robin Andermatt gewinnen.

Auch Andrea Meier wuselt den ganzen Abend in der Kirche auf und ab. Sie kümmert sich um die mehreren hundert Gäste, die mit ihren Zetteln Bewertungen für die jungen Künstler hochhalten. Die junge Theologin, die in der Fachstelle für Kinder und Jugend der katholischen Kirche Bern arbeitet, ist Mitglied des interkulturellen OKs, das das Festival der Kulturen organisiert.

"Ich finde es super, dass es erneut die Woche gegen Rassismus eröffnet", freut sich Andrea Meier. Sie fühle sich an diesem Abend als Katholik wohl, weil die katholische Kirche Bern auch in ihrem Alltag sehr multireligiös daher komme.

Ein Fest der Sinne auf der Empore

Während unten auf der Bühne weiterhin Tanzgruppen ihr Können zeigen, verwandelt sich die Empore der Heiliggeistkirche in eine bunt-fröhliche Parallelwelt. In den knarrenden Bänken sitzen christliche, muslimische und buddhistische Tänzerinnen und Tänzer und veranstalten ein grosses Palaver.

Einige tragen Hüte mit Pfauenfedern, andere Pailletten-verzierte Gewänder in exotischen Farben. Aus Tüchern und Wäscheleinen ist eine provisorische Umkleidekabine für die Frauen entstanden.

Speisen in der Kirche

Auf der Empore dampft es mittlerweile aus einem grossen Topf. Männer schnippeln Zwiebeln zu Kleinstücken und schütten Reis ins kochende Wasser. Andere haben ihr eigenes Essen mitgebracht und packen aus Alufolie gefüllte Datteln mit Baumnüssen aus.

Das "Festival der Kulturen" wird in den späten Stunden zu einem kulinarischen Fest, das alle Sinne berührt. Es gibt zugleich auch Einblick in die Essenskulturen und Riten eines Landes. Für Pat Santschi vom Organisationskomitee ist Essen ein Instrument, "damit sich Menschen unterschiedlicher Kulturen näher kommen können".

Die Eritreer, Somalier, Syrer und Afghanen, die an den Tischen speisen, kennen sich von Veranstaltungen in der Heiliggeistkirche. Die Angebote dieser Offenen Kirche, die Brücken bauen will zwischen den Religionen, werden von den Tänzerinnen und Tänzern geschätzt.

"Interreligiöser Dialog", das ist hier nicht bloss ein Begriff aus der Bürokratensprache. Die "Woche gegen Antirassismus" findet auch Pfarrer Andreas Rufer ein "tolles Instrument", um Begegnungen dieser Art zu ermöglichen.

Guter sozialer Kitt

Imca ist eine der letzten Frauen, die die Heiliggeistkirche in dieser Nacht verlassen. Die Mexikanerin strahlt. Das interkulturelle Festival hat ihr gut gefallen. Die Mutter zweier Kinder hat zusammen mit ihren Freundinnen aus Bern die ganze Palette unterschiedlicher Religionen und Kulturen erleben können.

Die 48-jährige freut sich darüber, dass auch unter den Frauen mit Migrations- und Fluchthintergrund neue soziale Kontakte entstanden sind. Imca sagt: "Das gemeinsame Tanzen, Musizieren und Feiern schafft einen guten Kitt untereinander."

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