Article

Von Liebesboten, Satansbraten und Höllengespenstern

Freiburg, 12.11.17 (kath.ch) Engel sind in. Das hat auch der Grossandrang an der Vernissage der Ausstellung "Engelwelten" im Museum für Kunst und Geschichte (MAHF) in Freiburg gezeigt. Die Ausstellung dokumentiert die faszinierende Welt der Flügelwesen, indem sie ihren vielfältigen Ausprägungen und Herkunftsgeschichten nachgeht.

Vera Rüttimann

Freiburg ist eine Stadt der Engel. Auf den Schwingen der antiken Mythologie und des christlichen Glaubens sind sie auch hier an der Saane gelandet und wurden zu Marmor, Stein und Metall. Sie zieren Brunnen, Kirchen und Kapellen. Sie sitzen auf Erkern und tragen Namen von Schulen. Einige Engel wirken, als müssten sie sich ausruhen oder schliefen schon. Andere scheinen auf jemanden zu warten. Sie sind bedeckt mit Moos und vom Staub der Gezeiten.

Doch was sind Engel überhaupt? Die Vorstellungen darüber, wo Engel herkommen, wie sie aussehen und was sie tun, gehen stark auseinander: Den einen sind sie schakalsköpfige Begleiter der Toten ins Jenseits, anderen geflügelte Überbringer göttlicher Botschaften und Schutzschilder gegen das Böse.

Ahnenforschung der Engel

Die Ausstellung "Engelwelten" im Museum für Kunst und Geschichte (MAHF) will Licht ins Dunkel bringen. Sie entstand in enger Zusammenarbeit mit dem Bibel- und Orient-Museum, das an der Universität Freiburg (Schweiz) angesiedelt ist. Das MAHF führt zudem einen Dialog mit der Ausstellung "Mein Schutzegel ist ein Vogel: Gut und Böse im Werk von Niki de Saint Phalle" im Espace Jean Tinguely-Niki de Saint Phalle. Insgesamt werden 150 Werke präsentiert. Darunter sind Skulpturen, Reliefs, Gemälde, Amulette, Rollsiegel und Münzen.

Das Konzept der Ausstellung "Engelwelten" fusst auf einer Idee von Othmar Keel, emeritierter Professor der Universität Freiburg (Schweiz). Stephan Gasser, Konservator im MAHF, sagte am Donnerstag an der Vernissage vor dem zahlreich erschienenen Publikum: "Ihm verdanken wir auch den schönen Katalog, der die vielgestaltigen Engelerscheinungen präsentiert."

Die Ausstellung biete zudem ein Novum: "Sie versucht, in einer Art Ahnenforschung erstmals eine Genealogie der unterschiedlichen Engelvorstellungen der abendländischen Kultur zu erstellen." Dabei steuerte laut Gasser das Bibel- und Orient-Museum die heidnischen Vorfahren der Engel bei, die bis in die griechisch-römische Antike, oft gar bis ins alte Vorderasien und Ägypten zurückreichen, während sich das Museum für Kunst und Geschichte auf die Welt der christlichen Engel konzentriert.

Gesandte, Beschützer, Liebesboten

Wie kam es, dass Engel Flügel bekamen? Wie wurden aus Engel weibliche Wesen? Und: Wie kam es, dass kleine Knaben zu Boten der Liebe wurden? "Das Thema Engel hat mich über viele Jahre beschäftigt", sagte Othmar Keel zu Beginn seines Lichtbild-Vortrages im MAHF. Anhand von ausgewählten Bildern führte er durch die acht Abteilungen der Ausstellung, die die zahlreichen Gesichter der Engel zum Thema hat.

Als erstes Flügelwesen präsentierte der Alttestamentler zunächst den Gesandten. Bekannt sei er als flügelloses Wesen und Verkünder der Heils, Wächter über das Paradies und Mittler zwischen Gott und Mensch. Weiter sprach Othmar Keel, der an der Universität Freiburg (Schweiz) bis 2002 als Professor für Alttestamentliche Exegese und biblische Umwelt lehrte, über den Schutzengel, der sich häufig als weibliche Engelsgestalt in wallenden Gewändern zeige. Der Vernissage-Besucher erfuhr von tierähnlichen Engeln wie Kerubim und Serafim. Mischwesen, die das Beunruhigende verkörpern. Othmar Keel zeigte schliesslich auf, wie die christlichen Engel durch die antike Siegesgöttin Nike beziehungsweise Victoria zu ihren Flügeln kamen.

Gute und Böse Himmelsflügler

Die Ausstellung zeigt mit eindrücklichen Exponaten, weshalb Engel mit "guten" und "bösen" Eigenschaften in Verbindung gebracht werden. Mit Eros, Amor und Putti ging Othmar Keel auch auf jene Engelsgestalt ein, die keine biblischen Ahnen aufweisen kann und heute wohl die populärste Engelsgestalt ist. Der Bibeldeuter betonte: "Kein anderes vorchristliches geflügeltes Wesen dürfte das christliche Engelbild so direkt und intensiv geprägt haben wie der griechisch-römische Gott Eros/Amor."

Keel ging auch auf den Drachenkampf-Mythos ein. Der Kampf zwischen guten und bösen Mächten, bei dem das Dunkle überhand nimmt, sei im Lauf der Geschichte in unterschiedlichsten Gestalten gefeiert worden. Der Engel-Experte nannte als Beispiel die Figur des mehrköpfigen Drachens auf nationalsozialistischen Propagandaplakaten, der Züge eines Engels trage. Diese Plakate gehören zu den interessantesten Stücken in der Ausstellung "Engelwelten".

Freiburgs irdische Engel

Engel, das wird beim Hinaustreten aus dem Museums klar, sind nicht nur Mittler zwischen dem Göttlichen und dem Irdischen, die in einem Zwischenbereich leben, sondern oftmals auch Erdlinge aus Fleisch und Blut. Sie tragen Alltagskleidung, arbeiten an der Supermarktkasse, putzen oder erklären dem fremden Gast in der Stadt den Weg zum Hotel. Seit diesem Sommer sind in Freiburg drei Engel auf E-Bikes unterwegs, die Touristen ihre Hilfe anbieten und mit ihnen Erinnerungsfotos knipsen.

Bundesrätin Simonetta Sommaruga, die als Gastrednerin an der Vernissage zur Ausstellung "Engelwelten" sprach, sieht ihre Arbeit ebenfalls als eine sehr irdische Angelegenheit. Die Justizministerin hielt fest: "Nicht jeder Mensch hat einen Schutzengel, also müssen wir, die Politik, die Gesellschaft, dafür sorgen, dass niemand ohne Schutz bleibt."

Würde Simonetta Sommaruga doch mal im "Engel" vorbeischauen. In diesem Restaurant, das sich entlang der Saane in der Altstadt befindet, trifft man gleich im doppelten Sinne auf Engel. Im "Engel", das als eines der ältesten Gasthäuser Freiburgs gilt, glauben viele Gäste an die Himmelsgeschöpfe. Ein Gast dort ist überzeugt: "Die Welt braucht Engel. Es gibt eine Sehnsucht nach einem Kontrast zur heutigen Verweltlichung."

Subversiver als der Teufel

Die Ausstellung "Engelwelten" wird von einer Reihe von Vorträgen über spezifische Aspekte von Engeln begleitet. Hinzu kommt eine Filmreihe zum Thema "Engel", die das Museum für Kunst und Geschichte in Zusammenarbeit mit dem Angebot "Cinéplus" der Kantons- und Universitätsbibliothek vorbereitet hat. Gezeigt wird auch Wim Wenders Kultfilm "Himmel über Berlin" aus dem Jahr 1987. Der deutsche Regisseur sagte über einmal über die Flügelwesen: "Engel sind subversiver als der Teufel, Satansbraten und Höllengespenster. Die machen nur Angst, und Angst kann man abschütteln. Engel hingegen zeigen uns die besseren Menschen, die wir sein könnten."

Trailer "Himmel über Berlin":

Rétablir l'original