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Wo die Musiker sich in die Menge mischen

Teuflisch guter Auftritt: Kitty Arabella Austen, Frontfrau der Bluesrocker von Saint Agnes. Foto: Westbrock

Mehr als 7000 Menschen haben beim Trebur Open Air gefeiert und vor allem getanzt. Einem Unwetter sind die Besucher dabei knapp entgangen. Was die Musik angeht, so hat sich wieder einmal mancher Geheimtipp in die Herzen der Gäste gerockt.

Trebur - Das Schlagzeug drückt und drückt. Verzerrte Gitarrenklänge kreischen aus dem Verstärker, vermischen sich mal mit dem Gesang, mal mit dem Gebrüll von Kitty Arabella Austen. „Diablo, take me home", tönt es aus ihrer Kehle beim Trebur Open Air am Samstagabend über das Festivalgelände. Zwischendurch tanzt die Sängerin sogar im Publikum - was für ein Auftritt! Gegen Ende ist die Frage, ob Saint Agnes direkt aus der Hölle kommen, nicht ganz abwegig. Was sie zum Besten geben, ist jedenfalls teuflisch guter Bluesrock. Tatsächlich stammen die vier Mitglieder der Gruppe aus London.

Die Anreise von der Insel haben sie mit dem Auto auf sich genommen haben, nur um am nächsten Tag wieder dort aufzutreten, wie ein Blick auf den Tour-Kalender verrät. Wer solche Strapazen auf sich nimmt, brennt für die Musik. Das musikalische Feuerwerk, das die in Deutschland noch weitgehend unbekannte Truppe in Trebur, noch dazu auf der kleinen Bühne, aus dem Nichts gezündet hat, verrät viel darüber, wie das Trebur Open Air funktioniert. „Zu uns kommt man nicht wegen der bekannten Bands", sagt Jugendpfleger Stefan Kasseckert, der sich seitens der Gemeinde seit knapp zwei Jahrzehnten um das Festival kümmert, das ansonsten ausschließlich von ehrenamtlichen Helfern auf die Beine gestellt wird.


Über 7000 Menschen


Die Helfer, etwa 200 von ihnen sind es in diesem Jahr, motiviere es, etwas auf die Beine zu stellen, das dann „gefeiert wird". Gefeiert haben laut Kasseckert von Freitag bis Sonntag in diesem Jahr übrigens gut 7000 Menschen. Und das zunächst bei äußerst heißen Temperaturen, ehe es in der Nacht von Samstag auf Sonntag regnet und ein Unwetter droht. Ein DJ-Set muss deshalb ausfallen, kurzzeitig sogar der Campingplatz evakuiert werden. Die Besucher werden erst gebeten, in die Großsporthalle zu kommen, können nach anderthalb Stunden aber schon, weil die Wolken weiterziehen, wieder zurück in ihre Zelte. Freiwillige Feuerwehr und Rotes Kreuz lobt Kasseckert für ihren Einsatz als „echte Profis".

Was die Musik angeht, so sind es aufstrebende Bands, die das Trebur Open Air zu etwas Besonderem machen, auch wenn mit Therapy aus Nordirland eine Band mit von der Partie ist, deren Videos in den Anfangstagen von MTV rauf und runter gespielt wurden. Für Neuentdeckungen haben die Organisatoren ein echtes Händchen. Vor zwei Jahren etwa kam Popsternchen Alice Merton, deren Hit „No Roots" die Charts stürmte, just nachdem sie den Vertrag fürs Open Air unterzeichnet hatte.


Bürgermeister Engel am Schlagzeug


Schon zum Inventar des Trebur Open Air gehören Elfmorgen. Die Jungs aus der Wetterau bringen das Publikum mit hausgemachtem Punkrock zum Kochen. Allerdings ist das Zuschauen für Bürgermeister Jochen Engel (Freie Wähler) offenbar nicht genug. Denn beim Auftritt der Band in der Nacht von Freitag auf Samstag stellt Engel, der beim Open Air seit rund einem Jahrzehnt als Helfer im Einsatz ist, kurzerhand selbst sein Können als Schlagzeuger unter Beweis.

Nachdem einige Gäste am Samstagmorgen mit Bier-Yoga in den Tag starteten, ist am Abend der Auftritt der Indie-Popper Chef's Special aus den Niederlanden ein Höhepunkt. Ein ums andere Mal hält es auch Sänger Joshua Nolet nicht auf der Bühne. Stattdessen singt er in der Menge, schafft es sogar manch einen, der sich auf die Wiese nebenan gesetzt hat, zum Tanzen zu animieren. „You don't know me", heißt es in dem Stück „Amigos" der Niederländer. Zumindest hier in der Region dürfte sich das nach dem Auftritt geändert haben. Auch Chef's Special hinterlassen einen bleibenden Eindruck.

Sven Westbrock

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