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Folter und Mord: In Eritrea ist die Pressefreiheit am wenigsten wert

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Nachts kriecht die Kälte durch das Metall, tagsüber verwandelt die Sonne den Schiffscontainer in einen Backofen. Licht dringt nur durch die Ritzen in den 14 Quadratmeter großen Kasten. Die Organisation Reporter ohne Grenzen (RoG) weiß: „In dem Container werden keine Waren gelagert. Dennoch ist er nicht leer. Ein Journalist ist seit zwölf Jahren darin eingesperrt.“


Von Eritreas Hauptstadt scheint das Gefangenenlager Eiraeiro weit entfernt. Das Leben in den mit Blumen verzierten Straßen von Asmara mag süß wirken, meint RoG. „Doch tatsächlich ist es ein Albtraum, vor allem in den dunklen Korridoren des allmächtigen Informationsministeriums." Für das Land im Osten Afrikas hält die Aktivistengruppe zum Welttag der Pressefreiheit am Sonntag ein verheerendes Zeugnis bereit. Eritrea landete 2015 auf dem letzten von 180 Plätzen in der „Rangliste der Pressefreiheit"- zum achten Mal in Folge. In Eritrea werden Reporter überwacht, gefoltert und getötet. RoG bezeichnet das Land als „größtes Gefängnis für Journalisten".


Wer hier für immer aus den Redaktionen verschwindet, entscheiden ein Mann und sein Informationsministerium: Präsident Isaias Afwerki. 1993 führte er Eritrea nach einem dreißigjährigen Freiheitskampf in die Unabhängigkeit. In Asmara tanzten und besangen die Menschen den Vater der Demokratie. Doch der ehemalige Rebellenführer hatte andere Pläne. Eritrea besitzt keine Verfassung, bis heute gilt das Kriegsrecht. Neben dem Militärdienst, der einige Eritreer schon im Alter von 15 Jahren erwartet, prangert die Organisation Human Right's Watch vor allem den „Staatsdienst" an: Männer und unverheiratete Frauen verbringen oft den Großteil ihres Lebens mit Zwangsarbeit.


Am härtesten traf Afwerkis Faust die Journalisten. 2001 stürmte Eritreas Sicherheitsdienst die Redaktionen unabhängiger Zeitungen und Radiosender, verhaftete ihre Reporter und verbot fortan jede weitere Berichterstattung. Die staatlichen Medien stehen unter strenger Zensur. Dawit Isaac, Chefredakteur der Tageszeitung „Setit", war einer der Journalisten, die 2001 verhaftet wurden. Bis heute ist er ohne Anklage oder Prozess in einer Container-Zelle eingesperrt, ohne Kontakt zu seiner Familie oder seinem Anwalt. Da Isaac eine Doppelstaatsbürgerschaft von Eritrea und Schweden besitzt, trugen Menschenrechtler seinen Fall 2014 vor ein Stockholmer Gericht. Dort wurde die Klage gegen Eritreas Machthaber jedoch abgewiesen. Begründung: das Regime würde ohnehin nicht kooperieren. Damals kritisierte RoG: „Beharrlichkeit durch die internationale Gemeinschaft ist der einzige Weg, Eritreas Regierung von ihren kriminellen Aktivitäten abzuhalten. Für westliche Demokratien ist es inakzeptabel, so einfach aufzugeben."


Wer kann, verlässt das Land. Allein 2014 stellten 36 000 Eritreer einen Asylantrag in Europa, die meisten davon in Schweden, Deutschland und der Schweiz. Laut RoG seien in den vergangenen vier Jahren auch mehr als 30 Journalisten aus Eritrea entkommen und hätten die Organisation um Hilfe gebeten. So auch Biniam Simon. Simon arbeitete für das eritreische Staatsfernsehen. Als ihn das Informationsministerium 2006 für eine Fortbildung nach Japan schickte, entschied er sich zur Flucht. RoG-Mitarbeiter halfen, ihn bis nach Paris durchzuschleusen. Hier gründete Simon den Radiosender Erena („Unser Eritrea"). Dem Regime ist Radio Erena ein Dorn im Auge. Denn im Gefängnis Eritrea bildet der Sender die letzte unabhängige Stimme - ein Hoffnungsschimmer für Millionen.


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