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Schutt wird zu Terrazzo

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Terrazzo findet sich auf italienischen Bürgersteigen und auf dem Walk of Fame, wo der Kompositboden die Sterne der Hollywoodstars umrahmt. Und er kommt in so manchem bundesdeutschen Hauseingang oder Keller vor, denn in günstiger Version erlebte der Bodenbelag im Nachkriegsdeutschland einen kleinen Boom.

Sasa Weber und Luisa Rubisch haben das jahrhundertealte Handwerk der Granit- und Marmorsplitter, im Grunde hochwertige Natursteinabfälle in Bindemittel, zeitgenössisch interpretiert: In ihrem „Urban Terrazzo“ findet sich fein aufgeschnitten, was sich Jahrzehnte bis Jahrhunderte lang in Mauern, Decken und Wänden versteckt hat – Naturstein, Beton und Synthetik, aber auch Partikel vom Kupferrohr, die den Terrazzo plötzlich in Metallic-Glam schimmern lassen.

Die Idee zum Produkt startete mit einer simplen Frage: Was passiert eigentlich mit den Unmengen an Bauschutt, die jährlich in Deutschland anfallen? Baumaterial, erklärt Weber, stelle den Bärenanteil aller Abfälle in der Bundesrepublik. „Allein in Berlin werden im Schnitt fünf Millionen Tonnen jährlich produziert.“

Im Schutt erkannten beide aber noch mehr als ein Abfallproblem: „Wenn man genauer hinschaut, haben wir es hier mit einer wunderschönen Sammlung an architektonischen Spuren und Hinterlassenschaften zu tun, “ erklärt Weber. Eine Stadtgeschichte in Baumaterialien, die das Designerinnen- und Stadtplanerinnen-Duo in Schatzsucher-Modus versetzte.

In Berlin, erklärt Weber, sei dabei typischer Weise alter Beton zu finden. „Wenn man den aufschneidet, dann ist er oft extrem bunt, hat eine sehr schöne Färbung – weil ja viel Nachkriegsschutt in Berlin verbaut wurde. Genauso übrigens wie Lausitzer Granit.“ 2017 starteten sie ihr Projekt, zunächst noch mit bescheidenen Mitteln. Lachend erinnert sich Sasa Weber an die ersten Besuche auf dem örtlichen Bauhof: Bauschutt, was wollen `Se n damit?

Heute ist Urban Terrazzo preisgekrönt: Als „Kreativpiloten Deutschland“ wurden die Gründerinnen bereits ausgezeichnet, ebenso mit dem Bundespreis Eco Design, und aktuell ist das Duo unter den Newcomer Finalisten für den German Design Award, der am 8. Februar in Frankfurt verliehen wird.

Technisch orientiert sich das Duo mit seinem Produkt am italienischen Original. Die Zusammenarbeit mit der Handvoll Experten, die es dort noch gibt, sei eng: Für die Produktion in Serie greift man auf Spezialisten und Werkstätten dort, aber auch in Kassel zurück, wo ein besonders feiner Beton als Bindemittel gegossen wird, der dann auch sehr unterschiedliche Materialien in einer Bodenplatte aufnehmen kann – bei traditionellem Terrazzo wäre das kaum möglich.

Oft werden die beiden gefragt, ob sie nicht noch viel nachhaltiger arbeiten könnten. Wieso nicht mehr Bauschutt ins Produkt hineinpacken? „Wir machen nicht viele Quadratmeter,“ räumt Weber ein. Selbst wenn die Beläge noch dichter mit Bauschutt gefüllt würden, könnten sie kaum nur annähernd die jährlich über 200 Millionen Tonnen mineralischer Bauabfälle in Deutschland aufnehmen.

Es geht also natürlich auch um den Symbolgehalt dieses Vorgangs: Zunächst die Sichtbarmachung eines sonst wörtlich verschütteten Reichtums an Materialien und Rohstoffen. Und erst im zweiten Schritt um ein Recycling, das ästhetisch und sogar emotional ansprechend umgesetzt werden soll.

Weber und Rubisch, die ihr Kollektiv „They Feed Off Buildings“ als „experimentelle Denkmalforschung“ beschreiben, in der Urban Terrazzo ein wichtiges Aushängeschild darstellt, treffen damit natürlich den Nerv der Zeit. Recycelt wird auch anderswo. Doch im Gegensatz beispielsweise zum wiederverwerteten Beton, bei dem aus Grau im Normalfall ein möglichst ebenmäßig neues Grau entstehen soll, liefert der urbane Bodenbelag eine fast schon poetische Qualität.

Aus einem sperrigen Vorhaben wie „die Kreislauffähigkeit eines Gebäudes konsequent durchdenken“ entwickeln Luisa Rubisch und Rasa Weber so ortsspezifischen Terrazzo für Institutionen, aber auch für Architekturbüros und Privatleute, die sich freuen, wenn sie aus dem abgerissenen Haus ihrer Großmutter einen kleinen Teil im eigenen Zuhause wiederfinden.

Am liebsten ist es beiden derweil, wenn sie direkt vor Ort arbeiten können. So wie für die Kunsthalle Prag, deren Umbau aus einem alten Elektrizitätswerk mit einer mobilen Produktionsstraße zum Anlegen von Samples, Materialproben also, begleitet wurde. Dabei konnten Luisa Rubisch und Sasa Weber noch einen besonderen Schatz heben: Die alten Transformatorenteile aus Keramik beispielsweise, die nun ihren Weg in den künftigen Prager Terrazzo finden werden.

 

 

 

 

[Leicht gekürzt auf Spon.]

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