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Gläubig, aber nicht religiös – wie junge Menschen ihren Glauben verstehen

Tübinger Studie hat Haltung junger Menschen zu Glaube, Religion und Kirche untersucht:


»Ich glaube halt auf meine Art und Weise griechisch-orthodox an Gott«. So einfach klingt es bei Tim, 18 Jahre alt. Dennoch hält sich das Vorurteil hartnäckig, dass Glaube und Religion heute nicht mehr zum Leben junger Menschen gehören. Auch die Jugendforschung, etwa in den viel beachteten Shell-Studien, kommt regelmäßig zu diesem Schluss. Die neue Studie »Jugend-Glaube-Religion« der Universität Tübingen (siehe Kreis unten) zeichnet ein anders Bild: Religion ist für junge Menschen zwar ein kontroverses Thema, aber den Glauben finden sie gut. 

 

Mehr als die Hälfte glaubt an Gott

 

»Die Jugendlichen in unserer Studie sind erstaunlich sensibel für die Begriffe, mit denen sie sich selbst einordnen; sie trennen ganz bewusst zwischen gläubig und religiös «, sagt Reinhold Boschki, Professor für katholische Religionspädagogik. »Die bisherige Forschung wird ihnen in dieser Hinsicht absolut nicht gerecht.« 

Mehr als die Hälfte der befragten Schülerinnen und Schüler glaubt an die Existenz Gottes, elf Prozent sind unentschieden. Ein 17-jähriges Mädchen erklärt: »Für mich ist mein Glaube nicht einfach nur Religion, er ist eine Beziehung mit meinem Schöpfer (…). Ich habe begriffen, dass man Glaube nicht einfach mit Religion abstempeln sollte. Für viele Gläubige steckt viel mehr dahinter.«

 

Jugendliche wollen ernst genommen werden

 

Die direkte Beziehung ist wesentlich für das Gottesbild der Jugendlichen. Sie lehnen Gott ab, wenn sie sich von ihm persönlich enttäuscht fühlen. Er wird wichtig, wenn sie das Gefühl haben, sich ihm anvertrauen zu können. Fast die Hälfte glaubt, dass der Glaube in schwierigen Situationen helfen kann; drei Viertel der Jugendlichen gaben an, gelegentlich oder sogar häufig zu beten. Anlass seien nicht nur Krisen, sondern vor allem Dankbarkeit.

Als religiös würde sich nur gut ein Fünftel der Schüler bezeichnen. Andererseits glauben selbst diejenigen, die sich Atheisten nennen, oft an »irgendeine höhere Macht«. Friedrich Schweitzer, Professor für evangelische Religionspädagogik, erklärt die Widersprüche so: »Jugendliche befinden sich in einer Phase des Umbruchs, der Veränderung. Ihr Glaube ist deshalb nicht immer absolut logisch, sie schwanken zwischen spontanen Glaubensbezeugungen und Zweifeln.« 

Die Unbeständigkeit sollte auf keinen Fall belächelt werden – Glaube ist für junge Menschen etwas sehr Intimes und Individuelles. Sie möchten ihn sich nicht von einer Religion oder den Erwachsenen diktieren lassen. Sie fordern, dass man ihnen keine vorgefertigte Haltung aufzwingt und ihnen die Kompetenz zur eigenen Meinungsbildung zugesteht. 

Hier sehen junge Erwachsene eine große Veränderung gegenüber ihrer Kindheit. Die 18-jährige Agnes sagt: »Je älter man wird, desto mehr fängt man an, über Dinge nachzudenken und zu reflektieren: ist das überhaupt das, was ich möchte, was ich selber denke oder nicht.« Das Fragen nach der Sinnhaftigkeit, nach Gott und dem eigenen Glauben nimmt bei allen Schülern im Lauf der Jahre zu. Besonders interessiert sind sie am Leben nach dem Tod, der Weltentstehung und der Frage nach Gerechtigkeit angesichts des Leidens auf der Welt.

 

Kirche muss sich für die Zukunft ändern

 

So sagt etwa Mark, 17 Jahre alt: »Das Barmherzige und Allmächtige schließt sich in dieser Welt eigentlich aus. Weil ein barmherziger, allmächtiger Gott würde so vieles, was hier auf dieser Welt passiert, nicht zulassen.« Jungen Menschen ist es sehr wichtig, dass man ihre Zweifel, Fragen und Meinungen ernst nimmt. Manche erzählen, wie das Hinterfragen zu Glaubenskrisen geführt hat; andere, wie sie auf diese Weise zu einem tieferen Verständnis für den Glauben gekommen sind.

Der Gottesglaube bleibt also in vielen Fällen auch in der Zeit des Erwachsenwerdens stabil; die kritische Haltung gegenüber der Kirche nimmt jedoch zu. Jugendliche identifizieren sich nur ungern mit der institutionellen Seite einer Religion. Drei Viertel der Schüler sagen, dass sich die Kirche ändern muss, um überhaupt eine Zukunft zu haben. Sie soll offener werden, toleranter und vor allem jugendfreundlicher. Trotzdem findet es mehr als die Hälfte prinzipiell gut, dass es sie gibt – hauptsächlich wegen der Meinung, die Kirche tue Gutes für die Menschen.

 

Große Mehrheit will den Religionsunterricht

 

Gegenüber anderen Religionen und Kulturen sind die Jugendlichen größtenteils sehr aufgeschlossen und interessiert. Allerdings stimmt ein Viertel mit der Aussage überein, dass es in Deutschland zu viele Muslime gibt. Auch 18 Prozent der muslimischen Befragten stimmen dem zu. Die Tübinger Theologen sehen hier bestätigt, dass junge Menschen sich in der Schule intensiv mit religionsbezogenen Vorurteilen beschäftigen sollten. 

Die Frage nach der Unterrichtsform erhält eine klare Antwort: Ungefähr zwei Drittel der Schüler möchten den Religionsunterricht unbedingt als Alternative zum Ethikunterricht behalten. Friedrich Schweitzer rät aber davon ab, zu erwarten, dass sich die Aussagen der Jugendlichen in der Studie genau so im Unterricht widerspiegeln. Im Einzelgespräch darüber zu reden sei etwas völlig anderes, als seinen Glauben vor einer ganzen Gruppe Gleichaltriger zu thematisieren.

Die Studie hat gezeigt, dass viele Ethikschüler nicht so stark religiös verwurzelt sind und seltener eine vertrauensvolle Gottbeziehung haben als ihre Mitschüler im Religionsunterricht. Aber die pauschale Annahme, im Ethikunterricht säßen generell alle nicht gläubigen Jugendlichen, greift ebenfalls zu kurz. In Ethik gehen etwa Angehörige der Freikirchen und Muslime, bei denen es tendenziell einen starken Gottesglauben und weniger Zweifel an Glaubensinhalten oder der Gerechtigkeit Gottes gibt. »Wichtig ist also in beiden Unterrichtsformen eine offene Atmosphäre; Lehrer sollten nicht als bloße Agenten einer Kirche oder Glaubenshaltung wahrgenommen werden«, so Reinhold Boschki. 

 

Alle fragen nach dem Sinn

 

Zwischen beruflichen Schulen, beruflichen Gymnasien und allgemeinbildenden Gymnasien gibt es kaum Unterschiede im Blick auf Glaube und Religion. Mädchen und junge Frauen haben in verschiedenen Bereichen ein größeres Vertrauen und positivere Haltungen als ihre männlichen Altersgenossen. Eine der der wichtigsten Erkenntnisse für Reinhold Boschki: »Alle Jugendlichen haben die Kompetenz zu Religiosität und Sinnfrage.«  

Claudia Kohler


 

Die Studie 

Die Studie der Lehrstühle für katholische und evangelische Religionspädagogik an der Universität Tübingen ist in ihrem Umfang einmalig in Europa. Mehr als 7000 Jugendliche aus Baden-Württemberg im Alter von 16-24 Jahren (der Großteil war 16-18 Jahre alt) wurden speziell zu Glaube und Religion befragt. Sie füllten zweimal im Abstand eines Jahres Fragebögen aus und wurden interviewt. Eine dritte Befragungsrunde wird 2018 durchgeführt. Auf diese Weise kann eine für das Bundesland repräsentative Probe genommen werden, die auch Schularten, Geschlecht und Religionszugehörigkeit berücksichtigt. Erstmals können Veränderungen im Laufe der Zeit abgebildet werden. 

 

                                                                                                                    

Das Buch

Die Ergebnisse der Studie sind im begleitenden Buch  anschaulich zusammengefasst, es enthält viele übersichtliche Grafiken und Originalzitate aus den Schülerinterviews. Das Buch ist vor allem für Verantwortliche des Religionsunterrichts gedacht, etwa Ausbildungsleiter und staatliche Stellen. Aber auch für Lehrer und interessierte Eltern lohnt sich die Lektüre.

Schweitzer, Wissner, Bohner, Nowack, Matthias und Boschki: Jugend-Glaube-Religion. Eine Repräsentativstudie zu Jugendlichen im Religions- und Ethikunterricht, Waxmann Verlag, Münster 2018, 284 Seiten, 24,90 €.