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It's Erdoğan. Stupid!

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Demokratie oder Diktatur? Großmacht oder Bergvolk? Erdoğan oder nicht? Eigentlich soll in der Türkei am Sonntag ein neues Parlament gewählt werden. Doch auf den Straßen von Istanbul geht es um viel mehr

Ein Sturm zieht auf über dem Gezipark. Nein, kein politischer. Es regnet einfach. Aber das ziemlich heftig. Zwei japanische Touristen rennen mit grimmigem Gesicht über den Taksim-Platz. Die Straßenbahn klingelt sich den Weg durch eine Gruppe junger Männer, deren Frisur bis eben noch perfekt gegelt war. Händler versuchen ihre Plastikschalen mit Melonen und gekochtem Mais vor dem Wind zu retten. Und Burgerking wird zum Notquartier.

Zwei Jahre, nachdem im und um den Gezipark zehntausende Türken erst für Bäume, dann gegen Polizeigewalt und schließlich für eine völlig neue Türkei demonstrierten, herrscht auf Istanbuls Straßen längst wieder Alltag. Auch wenn eine Wahl stattfindet, bei der es für die meisten Türken um weit mehr als die Sitzverteilung im Parlament von Ankara geht.

Zum Beispiel um "die Frage, wollen wir Demokratie oder Diktatur"? Wer dem 32-jährigen Can nach seiner Meinung zur Wahl fragt, der braucht an diesem Nachmittag nicht nur einen Regenschirm, sondern vor allem Geduld und Oropax. "Welche Wahl? Das hier ist Faschismus, Nazismus." Can sitzt auf den Stufen des Gezi-Parks. Von der Hausfassade gegenüber strahlt einer der Kandidaten der regierenden AKP im Großformat.

Hat auf jeden Fall die meisten Wimpel: Die nationalistische CHP wird voraussichtlich die zweitmeisten Stimmen bekommen. Bild: F. Köhler

Am Sonntag will er HDP wählen. Und nein, er sei nicht links. "Und Kurde schon gar nich." Die neue Partei avanciert dieser Tage zu so etwas wie einer Anti-AKP. Nicht nur weil sich Kurden, Linke und Liberale gleichermaßen hinter ihr versammeln. Sondern vor allem, weil in Sprung über die Zehnprozenthürde wohl die einzige Chance besteht, der AKP den Wahlsieg zu vergeigen. Oder wie Can sagt: "Sie ist die letzte Hürde vor Erdoğans Diktatur."

Nie war Erdoğan so mächtig wie heute

Vielleicht geht es bei dieser Wahl um so viel wie noch nie. Und dennoch geht es eigentlich nur um einen, der von Amtswegen gar nichts mit dieser Wahl zu tun haben dürfte: Recep Tayyip Erdoğan. Das Parlament will er entmachten, die Verfassung ändern, die Exekutive auf den Präsidenten, also auf ihn übertragen. "Er tut nicht einmal so, als schere er sich um die Verfassung", sagt Cen, dessen Wutanfall nur gelegentlich vom Zug an der Zigarette unterbrochen wird.

Rund 30 Sekunden Sprint über den Taksim und eine nasse Unterhose entfernt steht Metin in seinem Laden für Damenbekleidung. "Schau dich doch einfach mal um, was Erdoğan erreicht hat", sagt er und meint das wörtlich: Auf dem Platz, der durch seinen Tränengasorgien weltweite Berühmtheit erlangte, sind selbst bei Gewitter die Cafés gut gefüllt. Ein paar hundert Meter entfernt wartet eine riesige Baugrube darauf, mit dem nächsten Hochhaus gefüllt zu werden. "Erdoğan ist der einzige mit einer Vision für unser Land", sagt Metin. "Vor 20 Jahren waren wir noch alle Bauern. Ich will diese Zeit nicht zurück, keiner will das", sagt der 34-Jährige.

Dreimal in Folge hat Erdoğan die AKP nun schon zum Wahlsieger gemacht, jedes Mal gewann sie mehr Sitze im Parlament von Ankara. Auch an diesem Sonntag gibt es keinen Zweifel, dass die AKP ein viertes Mal gewinnen wird. Irgendetwas um die 40 Prozent lauten die Prognosen. Nie war Erdoğan so mächtig wie heute, wohl auch weil es nie so einsam um ihn war. Der gemäßigte Ex-Staatspräsident Abdullah Gül, die Milli-Görüs-Bewegung, sein früherer Widersacher Fethullah Gülen, die einst allmächtigen Militärs, PKK-Chef Öcalan, die Gezi-Park-Bewegung: Sie alle spielen in diesem Wahlkampf kaum noch eine Rolle.

Erdoğan-Fans wie Metin sind davon überzeugt, dass mit Erdoğans persönlicher Macht auch jene der Türkei steigen wird. 2001 kratzte das Land noch am finanziellen Kollaps, heute liegt die Türkei auf Platz 17 der größten Wirtschaftsnationen. "Think Big" lautete in den 1980ern eine Wirtschaftsstrategie, die vor allem auf prestigereiche Großprojekte setzt. "Wir bauen den größten Flughafen der Welt", steht auf einem der AKP-Wahlplakate. Der Großmachtanspruch Erdoğans für die Türkei scheint viele seine Anhänger zu elektrisieren. Die anderen lässt sie kopfschüttelnd zurück. Vor einem Jahr wurde Erdoğans neuer Präsidentenpalast eröffnet. Mehr als 400 Millionen Euro soll das Gebäude gekostet haben, das 30 Mal so groß ist wie das Weiße Haus. Selbst das Wahlkampfplakat, auf dem ausnahmsweise neben Erdoğan auch einmal Ministerpräsident Ahmet Davutoğlu zu sehen ist, steht im Guinness-Buch der Rekorde. "Die neue Türkei" nennen AKP-Anhänger nennen das neue Lebensgefühl. Es ist, wovor Kritiker Erdoğans am meisten Angst haben.

Ministerpräsident Ahmet Davutoğlu wirbt für die U-Bahn. Beide spielen in diesem Wahlkampf - vorsichtig gesagt - eine eher untergeordnete Rolle. Bild: F. Köhler

"Wir Türken stehen leider auf starke Führer"

Erdoğans größte Angst hingegen heißt Selahattin Demirtaş. Er ist so etwas wie der Anti-Erdoğan der türkischen Politik: jung, charismatisch, redegewandt. Bei der Präsidentschaftswahl im August letzten Jahres holte er schon die zehn Prozent, die seine Partei jetzt braucht. Als Can von Demirtaş erzählt, wird seine Stimme zum ersten Mal etwas leiser. "Die Sache mit den Kurden" fände er "auch nicht so gut" und spielt damit auf die Verbindungen der Partei den kurdischen Guerillas der PKK an, die die Partei für viele Türken suspekt macht.

"Aber sie haben sich geändert", sagt er. Es seien nicht nur die "Leute aus den Bergen" (so nennt Erdoğan die Kurden abfällig), die für die HDP stimmen. "Und außerdem hast du doch gesehen, was er in Kobane gemacht hat." Auch Erdoğans Weigerung im vergangenen Jahr, den kurdischen Kämpfern in der nordsyrischen Stadt im Kampf gegen den Islamischen Staat beizustehen, habe der HDP viele Anhänger eingebracht, die sich sonst nicht für die Interessen Kurden interessieren.

Viele HDP-Anhänger werfen der AKP vor, den Einzug der HDP sogar mit Gewalt verhindern zu wollen: Mehr als 70 Übergriffe habe es gegenüber seiner Partei bereits gegeben, sagte Demirtas am Donnerstag gegenüber CNN Turk. Im Mai waren bei Anschlägen auf Parteibüros sechs Menschen verletzt worden. Der Fahrer eines Wahlkampf-Busses starb am Mittwoch dieser Woche. Der bisherige blutige Höhepunkt geschah an diesem Freitag: Bei einer Wahlkampfveranstaltung der HDP kurdischen Diyabarbakir rissen zwei Explosionen mindestens zwei Menschen in den Tod gerissen. Mehr als 100 wurden verletzt.

Wie die Wahl ausgehen wird? "Keine Ahnung, wir Türken stehe leider auf starke Führer", sagt Can auf den Stufen des Gezi-Parks. Zumindest in dem Punkt sind er und Metin vom Klamottenladen dann doch einer Meinung. Erdoğan habe seit 20 Jahren bewiesen, dass ihn niemand stoppen kann, sagt der. Warum er nicht für eine der anderen Parteien stimme? "Entweder bist du mit Erdoğan oder du bist gar nicht." Auf dem Taksim-Platz regnet es noch immer. Vielleicht wird am Sonntag das Wetter besser.

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