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Von Rassisten zusammengeschlagener Mann will Gerechtigkeit

Foto: Zach D. Roberts

Deandre Harris wehrt sich nach dem Angriff in Charlottesville gegen die Opferrolle.

Mit Latten und Stangen bewaffnet prügelt rund ein Dutzend weißer Rassisten am Rande der eskalierten Demonstration auf einen schwarzen jungen Mann ein. Er liegt in Shorts und Jacke am Boden vor einem Tiefgaragen-Eingang, die Täter tragen Helme und Protektoren.

Das Bild des Fotografen Zach D. Roberts wird wohl eines der Fotos werden, die von den Ausschreitungen in der US-Stadt Charlottesville in Erinnerung bleiben. Es hat sich massenhaft im Internet verbreitet, auch ein Video von dem Ausbruch roher rassistischer Gewalt kursiert im Netz. Es zeigt, wie die weißen Angreifer dem Afroamerikaner immer wieder rassistische Beschimpfungen wie "Stirb, Neger, stirb!" entgegenbrüllen, wie der Geschlagene sich mehrmals aufrappelt, niedergeschlagen wird und schließlich flüchten kann. Polizisten sind darauf - anders als filmende Schaulustige - weit und breit nicht zu sehen.

Genau daran nimmt Deandre Harris Anstoß, um dessen Geschichte es sich handelt: "Der Angriff ist direkt neben einer Polizeistation passiert, und es waren überhaupt keine Polizisten da, um mir zu helfen" sagte er dem afroamerikanischen Magazin The Root. Der 20-Jährige war für einen Job als Assistenzlehrer an einer örtlichen Highschool nach Charlottesville im US-Bundesstaat Virginia gezogen. In seiner Freizeit nimmt er unter dem Künstlernamen Dre Harris Rapmusik auf.

Er sei um elf Uhr morgens als Gegendemonstrant zur Versammlung des Ku-Klux-Klans und anderer rechtsextremer und rassistischer Bewegungen am Samstag eingetroffen, erinnert Harris sich. Schon nach wenigen Minuten sei er mit Wasserflaschen beworfen, mit Pfefferspray angesprüht und mit rassistischen Ausdrücken belegt worden.

Keine Stunde nach dem Beginn der Demonstrationen eskalierte die Situation: Weiße Nationalisten hetzten und attackierten Gegendemonstranten, es gab mehr als ein Dutzend Verletzte, schließlich eine Tote, als ein 20-jähriger Mann sein Auto in die Menge der Gegendemonstranten lenkte.

Deandre Harris war da schon auf dem Rückzug in eine Parkgarage: "Wir dachten, die Rassisten seien schon gegangen, aber dann kamen sie zurück", erinnert Harris sich. Die Schläger hätten ihn und seine Freunde in die Enge getrieben und mit Latten auf ihn eingeschlagen. Harris wurde schwer verletzt: "Mein Kopf wurde mit acht Stichen genäht, ich habe ein gebrochenes Handgelenk und einen abgeschlagenen Zahn."

Ein anderes Foto zeigt Harris mit einer blutenden Platzwunde am Kopf - er hat es selbst auf der Crowdfunding-Plattform Gofundme veröffentlicht. Dort will er Spenden für seine medizinische Erstversorgung sammeln - denn die ist in den USA häufig besonders teuer, zudem sind viele US-Amerikaner aus Geldnot nicht oder nur ungenügend krankenversichert. "Meine Verletzungen waren zu schwer, um vor Ort behandelt zu werden, deshalb wurde ich in die Notaufnahme im Martha-Jefferson-Hospital gebracht", erklärt er im Spendenaufruf. Rund 104 000 US-Dollar sind inzwischen zusammengekommen - mehr als das Doppelte des Kampagnenziels.

Obwohl er schwer gezeichnet ist, will sich Harris offenkundig während seiner Genesung nicht ausruhen: "Ich habe so ein Glück, dass ich noch am Leben bin und meine Geschichte erzählen kann, um der Welt zu zeigen, dass Rassismus noch immer lebendig ist", schreibt er. "Die Leute tragen wahrhaftigen Hass gegen die Afroamerikaner im Herzen und ich weigere mich, das einfach so geschehen zu lassen."

Es sei doch "wirklich irre", dass der Ku-Klux-Klan einfach so demonstrieren dürfe, der Schwarze für unterlegen gegenüber weißen Amerikanern hält und sie am liebsten systematisch umbringen möchte. Harris erwägt nun, gegen die Stadt Charlottesville zu klagen, weil ihm die Polizei nicht beigesprungen sei. Seine Mutter arbeitet mit Zach Roberts, dem Fotografen des Bildes, zusammen, um Deandre Harris' Angreifer zu identifizieren.

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