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50 Jahre nach Festival: Warum junge Leute Woodstock heute noch feiern

50 Jahre ist das Festival Woodstock her. Und trotzdem hat es bis heute Einfluss auf unsere Reporterin Verena Fücker, obwohl sie erst gut 25 Jahre nach Woodstock geboren worden ist. 



Ich sitze im Gymnasium und gehe gerade in die 5. oder 6. Klasse - so genau weiß ich das nicht mehr. Da bin ich 10 oder 11 Jahre alt. Ich sitze im Musikraum. Gleich wird mein Lehrer mein Leben verändern. Er weiß es nur noch nicht. Er zeigt Ausschnitte aus einer Doku über Woodstock.


Meine Klasse - und besonders ich, wir sind geflasht, von den Menschenmassen, der Liebe, die da aus dem Fernseher kommt, vom Schlamm, von den Drogen, die wir da noch gar nicht begreifen können. Woodstock hat mich geprägt - obwohl ich es nie live erlebt habe.


Warum Woodstock immer noch wichtig ist - Diese verdammte Musik

Ich würde sagen, meine musikalische Emanzipation hat so richtig mit 10 oder 11 Jahren angefangen - die 90er waren gerade vorbei, Kinderlieder fand ich uncool. Ich höre schon ein bisschen Indie und Alternative. Und dann höre ich in der Schulstunde diesen Song: Jefferson Airplanes "Volunteers" - eine Offenbarung. Diese Kraft. Diese Wut. Diese Gitarren. Und vielleicht auch diese Pubertät, in die ich da langsam komme.


Ich will mich auflehnen, zum Beispiel gegen meine damaligen Freunde, die mir zu langweilig sind. Habe ich zu der Zeit aber nicht. Zumindest nicht nach außen. Aber wenn ich "Volunteers" höre, dann bekomme ich wenigstens das Gefühl, dass ich rebellisch bin.

Die Musik in Woodstock hat einfach genau dazu gepasst, was ich plötzlich als Sound mag. Genauso geht es übrigens auch meinem Kumpel Till, den die Bands einfach nicht loslassen: "Jefferson Airplane, Santana, allen voran Jimi Hendrix und Janis Joplin. Das ist wirklich meine Lieblingsmusik geworden. Und die haben ja wiederum ganz viele Bands von heute beeinflusst, die ich total gerne höre. Vor allem, weil dann auch so viele von diesen ganzen Künstlern auch so früh gestorben sind und man niemals die Chance hatte, die überhaupt sehen zu können." Till, Woodstock-Fan


Ich kann Till voll verstehen, denn diese Musik hat mich geprägt - auch als Mensch. Und irgendwann dachte ich mir: Fuck it! Mach, was du willst. Mach das, wovon die Leute da singen. Etwas rebellisch und laut bin ich dann doch noch geworden, würde ich mal sagen.


Warum Woodstock immer noch wichtig ist - Diese verdammte Politik

Ein paar Jahre später. Ich bin 13 oder 14 Jahre alt. Und wahnsinnig sauer: Meine Generation und ich, wir haben als Kinder den 11. September und die Kriege in Afghanistan und im Irak miterlebt. Wir hatten nicht Jimi Hendrix, der mit seiner Version des Star Spangled Banners bei Woodstock gegen den damals tobenden Vietnamkrieg protestiert hat. Mit seiner Gitarre hat er sterbende Soldaten und fallende Bomben imitiert.


Bei uns klingt das eher so: American Idiot von Green Day. Wir sind verwirrt von der Weltpolitik. Und wir wollen etwas dagegen tun. Unser Vorbild: Woodstock. Das Festival ist und war für mich der Inbegriff von Frieden, von Protest - und in dem Zusammenhang viel präsenter als zum Beispiel die Ostermärsche in Deutschland.


Auch meiner Freundin Elena geht es so. Was für mich Woodstock ist, war für sie das Musical Hair, das auch von der Hippie-Bewegung erzählt: "Für uns war dieser Lebensstil, dieses wirklich zelebrieren der Liebe, der Freundschaft und der Solidarität der Ausdruck, dass wir für Frieden und Freiheit und gleiche Rechte sind." Elena, Woodstock-Fan


Nachhaltigkeit, Umweltschutz, die Gleichberechtigung - über das alles wurde schon in Woodstock diskutiert. Und das sind alles Themen, über die wir uns heute noch aufregen. Und vielleicht ist meine Generation den Hippies von damals gar nicht so unähnlich. Nehmen wir mal Richie Havens, der erste Künstler, der in Woodstock die Bühne betritt: "Am Ende sagte ich mir: 'Wir haben es getan. Wir haben es der Welt bewiesen. Es war das klar vernehmbare Statement einer Generation, die immer nur schlecht geredet wurde. Das war Woodstock für mich. Jeder hat das Beste aus sich herausgeholt und jeder einzelne hat dazu beigetragen, die Welt zu verändern.'" Musiker Richie Havens, trat bei Woodstock auf


Eine Generation, die immer nur schlecht geredet wurde? Ganz ehrlich: Das kommt mir persönlich heute irgendwie sehr bekannt vor. Wir gelten als faul, lethargisch, verantwortungslos. Aber: Was für mich in der Schule die Prostete gegen die Bush-Politik waren, ist heute Fridays For Future. Voll verantwortungslos, oder?


Warum Woodstock immer noch wichtig ist - Dieser verdammte Mythos

Eine halbe Million Menschen feiern 1969 in Woodstock. Und ja, ich wäre gerne dabei gewesen. Es ist über die Jahre zum Mythos geworden. Zum Mythos für freie Liebe, freies Leben, freies Denken. Zum Mythos für friedliche Menschen. Zum Mythos für die alternative Szene und zum Mythos für die Drogenszene. Oder wie meine Freundin Svety sagt: "Woodstock ist für mich die Godmother aller Festivals." Svety, Woodstock-Fan


Dabei war Woodstock eigentlich ein großes Chaos: Viel zu viele Menschen, zu wenig Essen, Schlamm ohne Ende. Die Hollywood-Reporterin Frances Schoenberger war damals dabei - ist aber nach einem Tag wieder abgereist - weil es ihr zu voll und zu schlammig war. Verrückt und echt unglaublich, wie ich finde, weil ich ja so gerne dabei gewesen wäre. "Damals war sich niemand bewusst, dass so viele Menschen kommen, dass es so friedlich abgeht. Es wurde erst legendär, nach Altamont, als da die Stones gespielt haben und plötzlich jemand umgebracht wurde. Es wurde legendär erst hinterher." Hollywood-Reporterin Frances Schoenberger, hat Woodstcok besucht


Warum zur Hölle verkläre ich das Festival dann so sehr? Warum romantisiere ich diese brutale Anarchie? Einen großen Anteil daran hat auf jeden Fall die Doku, die uns mein Musiklehrer damals gezeigt hat. "Woodstock - Three Days of Peace and Music" hat einen Oscar gewonnen. Mit ikonischen Bildern. Das ist die Quelle des ganzen Mythos.


Die Bilder haben mir ein einmaliges Gefühl gegeben: Für ein Wochenende sind wir alle Freunde und gehören zusammen. Svety und ich gehen bis heute gerne auf Festivals - Klein-Woodstock quasi. 3, 4 Tage mit meinen Freunden campen, obwohl ich zelten eigentlich hasse. Den ganzen Tag und die ganze Nacht Musik hören, tanzen und den Moment abfeiern.


Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen verklärt, aber seit Woodstock sind Festivals für das Versprechen von grenzenloser Freiheit, vom Ausbrechen aus dem Alltag. Und wenn's schlammig wird? Come on! Schlamm ist seit Woodstock legendär.

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