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Mit Kompromissen die Welt verbessern

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Während ihres Freiwilligendiensts in Indien lernte Jeanine Glöyer die patriarchalischen Strukturen des Landes kennen. Schnell begriff sie, dass Arbeit die beste Hilfe für die indischen Frauen darstellt. Also gründete sie ein Modelabel. In Indien fair hergestellte Stoffe, eine kleine Näherei und der Verkauf aus Berlin. 

Von den grauen Wolken und dem Nieselregen scheinbar völlig unbeeindruckt schiebt Jeanine Glöyer gut gelaunt ihr Fahrrad in den Coworking-Space in Berlin-Neukölln. In ihrem freundlichen Gesicht fällt besonders ihr breites Lächeln auf, mit dem sie die Kaffee-trinkenden Jungunternehmer begrüßt. Die ehemaligen Gewerberäume teilen sich verschiedene Startups, darunter auch Jyoti - Fair Works. „Das hier ist unser Bereich, den haben wir uns hart erkämpft", sagt die 26-Jährige stolz und deutet auf zwei zusammengeschobene Holztische, Ikea-Stühle und eine Kleiderstange im Schaufenster. Hier hängen Blazer, Top und Hose der neuen Kollektion. Jyoti - Fair Works produziert faire Mode in einer Nähwerkstatt in Indien, der Vertrieb findet online aus Berlin statt.

Das Modelabel soll benachteiligten Frauen in Indien helfen

Die Gründungsgeschichte des kleinen Labels begann mit einer fixen Idee der damals 19-jährigen Jeanine. Sie machte nach dem Abitur einen Freiwilligendienst bei einer Hilfsorganisation in Chittapur, Indien. Dort lernte sie die patriarchalischen Strukturen der indischen Gesellschaft kennen, sah wie schwer es für Frauen ist Arbeit und Anerkennung zu bekommen. Zurück in Deutschland ließ sie der Gedanke an die benachteiligten Frauen nicht los, sie wollte helfen. Doch noch eine Hilfsorganisation gründen? Bereits zu diesem Zeitpunkt wusste Jeanine, dass das Leben von Spendengeldern weder nachhaltig noch befriedigend ist. Und ihre Freunde fanden die indischen Stoffe so schön. Also warum nicht ein Modelabel starten? Ein Telefonat mit der Organisation in Chittapur und eine Woche später standen elf Näherinnen bereit. Der Haken: keine von ihnen konnte nähen. „Es war mehr so Zufall", resümiert Jeanine und streicht sich kopfschüttelnd und lächelnd eine Strähne ihres haselnussbraunes Haars aus dem Gesicht. Aber zurück ging nicht, denn die Frauen hatten Räucherstäbchen-Drehen bereits gekündigt. Also gründete Jeanine noch während ihres ersten Jahrs im Studium Jyoti. Spendengelder ermöglichten den Kauf von Nähmaschinen und deckten die anfänglichen Investitionen.

Nach ihrem Bachelor in „Internationalen Beziehungen" nahm Jeanine das Projekt in beide Hände. 2014 trugen sie und ihre neue Partnerin Caroline Jyoti als gemeinnütziges Unternehmen ein, damit die Näherinnen durch eine Satzung geschützt sind. Seitdem wechseln sich die beiden in der Rolle als Geschäftsführerin ab. Erst konnte Jeanine für ihren Master in „Labour and Social Movement" ein Jahr nach London gehen, nun studiert Caroline in Oslo.

Die Mitarbeiter in Berlin arbeiten ehrenamtlich

Doch die Verantwortung bleibt und wächst. In Berlin zählt das Startup mittlerweile drei Vollzeit-Mitarbeiterinnen, alle ehrenamtlich. Hinzu kommen Verantwortliche für Bekleidungtechnik und Kommunikationsdesign. In Chittapur arbeiten elf Näherinnen, zwei weitere Frauen kümmern sich um den Postverkehr nach Deutschland und die Finanzen. Neben den täglichen Hürden, die Jeanine als Managerin in Berlin bewältigen muss, trägt sie durch die enge Verbindung zu ihren Mitarbeiterinnen in Indien eine emotionale Last. In regelmäßigen Abständen besucht sie die Näherei, isst mit den Frauen zu Abend, lernt die Familienverhältnisse der indischen Musliminnen kennen. Viele werden zuhause geschlagen oder haben Alkohol-abhängige Ehemänner. In der Nähwerkstatt können sie ihre Ganzkörperverschleierung ablegen, sie kichern und quatschen viel. Jeanine zufolge begegnen sie und die indischen Mitarbeiterinnen sich auf Augenhöhe. Sie sei nicht ihre Chefin, sondern Business-Partnerin. Auf die Frage, ob es nicht manchmal auch schwer ist, antwortet sie: „Ich denke das ist, wie wenn man Kinder kriegt, Drillinge mindestens". So gleichberechtigt Jeanine die Beziehung zu den Näherinnen auch wahrnimmt - die Frauen schauen zu ihr auf. Und die junge Managerin stillt ihr Bedürfnis zu helfen und die Welt ein kleines bisschen besser zu machen.

Jyoti hatte hohe Ziele: faire Arbeitsbedingungen, Englischunterricht, Workshops in Frauenrechten und die Ermutigung der indischen Mitarbeiterinnen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Allerdings musste Jeanine sich bereits nach kurzer Zeit eingestehen, dass die von Männern dominierte Gesellschaftsstruktur zu streng und gefestigt ist, um aufbegehrende Frauen zu tolerieren. Glücklich ist sie nicht darüber, aber anstatt zu resignieren, konzentriert sie sich auf die positive Wirkung, die Jyoti im Leben der Musliminnen hat. Viele der Frauen haben durch ihre Sprachkenntnisse und das geübte Rechnen mehr Autorität in ihrer Familie gewonnen. Das Geld, das die Unverheirateten mit nach Hause bringen, wird für die Mitgift gespart. Auch das ist positiv, denn eine hohe Mitgift erhöht die Chance auf einen gebildeten und oftmals liberaleren Ehemann.

"Heute wird's mir eher schlecht, wenn ich im Einkaufszentrum bin"

Anfangs fiel Jeanine der Spagat zwischen der Realität in Indien und der in Deutschland schwer. Mittlerweile hat sie sich daran gewöhnt. Was sie jedoch mitgenommen und konsequent umgesetzt hat in ihrem Alltag, ist eine bewusste und von materiellen Werten gelöste Lebensweise. Bio-Lebensmittel, gebrauchte Möbel und natürlich ein kontrollierter Kleidungskonsum. „Früher bin ich auch gerne shoppen gegangen, heute wird's mir eher schlecht, wenn ich im Einkaufszentrum bin." Das Überangebot an Waren, die schlechten Arbeitsbedingungen, die chemische Aufarbeitung von Stoffen, all das hat sie dazu bewogen mit Jyoti dem Textilbündnis beizutreten, wo sie mit den meist männlichen, alten Vertretern der großen Marken an einem Tisch sitzt. Ihre Aufgabe in dieser Runde sei einfach zu stören, kommentiert sie lachend. Ihrer Meinung nach wollen die Unternehmen nichts ändern, sondern sich mit angeblicher Nachhaltigkeit ein besseres Image verschaffen. Aber Jeanine sieht auch das positiv: „zum Beispiel H&M mit ihrer Conscious Collection - sie wundern sich immerhin schon mal". Sie kauft ihre Kleidungsstücke auf Flohmärkten. Und wenn es dann doch mal eine neue Hose sein muss, dann wurde sie auf jeden Fall nachhaltig produziert.

Jeanines Eltern sind von der Arbeit ihrer Tochter nicht immer begeistert, besonders ihr Vater tut sich schwer die Hingabe zu dem jungen Unternehmen zu unterstützen. Er denke ökonomisch und unter diesem Gesichtspunkt sei Jyoti eben keine echte Arbeit, erklärt Jeanine. Sie hofft ihren Mitarbeiterinnen in Berlin und sich selbst bald ein Gehalt auszahlen zu können, doch bisher ist sie froh, dass die Kosten gedeckt und die Frauen in Indien abgesichert sind. Auch Jeanines Mutter macht sich Sorgen, denn ihre Tochter verdient trotz der vielen Arbeit bei Jyoti kaum Geld und ihr Nebenjob beim Bio- und Fair-Trade-Laden „Supermarché" bezahlt gerade mal den Lebensunterhalt.

Jeder sollte nur das konsumieren, was er oder sie braucht

Jeanine aber ist zufrieden, auch wenn es nicht leicht ist. Sie glaubt, der Kapitalismus werde irgendwann ein Ende finden, wie jedes System in der Vergangenheit. Geld habe als Tauschwährung durchaus seine Berechtigung, jedoch sollte jeder nur das konsumieren, was er oder sie wirklich braucht. In Bezug auf Kleidung ist sie der Meinung, dass bereits ausreichend vorhanden ist: „Wenn man jetzt gucken würde, wie viele Klamotten in unserer Welt unterwegs sind, würde es für die nächsten 100 Jahre reichen und niemand müsste als Nackidei rumlaufen." Dass Jyoti als Modeunternehmen zusätzlich Ware auf den Markt bringt und diese durch Marketing-Maßnahmen bewirbt, stört sie prinzipiell. „Wir produzieren am Ende auch nur und versuchen Leute davon zu überzeugen unsere Produkte zu kaufen, obwohl sie die eigentlich nicht brauchen." Sie hat einen Kompromiss mit sich selbst geschlossen: faire Kleidung herstellen und damit den Frauen in Indien helfen. Dafür gibt sie sogar dem kapitalistischen Konsum-Teufel die Hand.


Foto: Jyoti - Fair Works

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