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„Warum ich mir meine eigenen Spielfelder erschaffe.“

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Nina Juric

Wer bin ich und wenn ja, wie viele? "Berufe ändern sich so schnell wie ihre Branche, und schlussendlich bist du, was du tust." Mithilfe ihrer Pseudonyme Truede Noizer und Bärbel Bold steuert Nina Juric durch die Untiefen exakter Berufs-Definitionen. Wozu sich festlegen auf (Motion) Designerin, konzeptionelle Denkerin, Digital-Künstlerin oder Dozentin?

Nina Juric sitzt in ihrer Küche in Kreuzberg und nimmt einen Schluck Kaffee aus ihrer Tasse. Wie sie erkläre, was sie beruflich mache? „Designer und Kreativer, der im Bewegtbild arbeitet, mit einer Spezialisierung auf die Animation von Buchstaben", sagt sie. Das Portfolio von Nina ist enorm und deshalb schwer zu greifen. Den „fetten Fächer" ihrer Fertigkeiten vor Auftraggebern zu öffnen, davon ist Nina abgekommen. Um ihr Gegenüber nicht zu verwirren, überlegt sie sich genau, welche Kompetenzen sie präsentiert. Dazu hat sich Nina zwei Alter Egos zugelegt - eine Art Eselsbrücke, um ihre beruflichen Rollen abzugrenzen. Unter dem Pseudonym Truede Noizer kümmert sich Nina in ihrem Studio Nindustrict um alles, was sie als Einzelunternehmerin leisten kann: Motion Design, Art-Direction, Creative-Direction und Konzeption. Für Letters Are My Friends, ein Gestalter-Kollektiv, das sich der angewandten experimentellen Designforschung rund um Typografie in Kombination mit neuen Technologien verschrieben hat, schlüpft Nina regelmäßig in die Rolle der Bärbel Bold. Sie leitet das Studio von Letters Are My Friends, zu dem auch ein Ladenlokal gehört, in dem sich Berlins einziger typografischer Concept Store für "Type & Tech" befindet. „Unsere Arbeit ist ein Spiel, das viel mit Selbstwahrnehmung zu tun hat. Ganz egal, wie du heißt - der Inhalt ist das entscheidende", sagt Nina alias Bärbel alias Truede.

1980 in Tübingen geboren, wächst Nina in Esslingen und Umgebung auf. Ihr Bauchgefühl sagt ihr früh, dass sie etwas mit Kunst machen, allerdings auch, dass sie nicht Kunst studieren will. Nina interessiert sich für Theater, beschäftigt sich mit Animationsfilm und jobbt neben der Schule in einer Kunstgalerie. „Ich hatte nicht die eine Sparte, zu der ich mich speziell hingezogen gefühlt habe." Nina reizt alles, was mit Gestaltung zu tun hat, ganz besonders hat es ihr jedoch Schrift angetan: „Ich hatte alle Tintensorten, die du dir vorstellen kannst und eine Sammlung von ungefähr 20 Füllern. Für jedes Schulfach habe ich eine eigene Schrift entwickelt. Und ich habe Unterschriften gefälscht - nicht, weil ich in irgendeine Disco reinkommen wollte, sondern weil es mir Spaß gemacht hat und ich es ästhetisch interessant fand." Nach dem Abitur studiert Nina Mediendesign an der FH für Gestaltung in Schwäbisch Hall, arbeitet nebenbei für eine Medienagentur und verbringt ein Semester am Cleveland Institute of Art in Ohio, USA, bevor sie 2003 ihren Bachelor of Media Design in der Tasche hat. „Danach hätte ich gleich in eine Festanstellung gehen können. Aber das hat sich nicht richtig angefühlt, damals. Vor allem, weil ich schon am freelancen war und mir die Freiheit gefiel. Ich war erst 23, wollte nochmal eine Spezialisierung drauflegen und etwas machen, das Kommunikationsdesign, Raum, Szenografie und Film verbindet." Also studiert Nina bis 2007 TV & Filmdesign (heute: Motion Design) an der Filmakademie, entdeckt währenddessen ihre Liebe zu animierten Buchstaben, dem digitalen dreidimensionalen Raum und Geschichten und lernt, dass es immer auch um die Verwertung, die Sichtbarkeit von Inhalten geht: „Wenn dein Film in der Schublade landet, bringt dir das nichts. Er muss schon wahrgenommen werden können!"

Wieviel Mehrwert die Kommunikationsstrategie hinter einem Film ausmache, hätten viele Filmemacher noch nicht verstanden, sagt Nina. „Dass man die Kommunikationsmaßnahmen möglichst früh mit reindenken muss, wurde uns an der ‚Aka' vom ersten Moment an gepredigt." In der Praxis fehle allerdings immer noch oft das Verständnis für diese gewerklichen Schnittstellen; auch an Struktur mangele es. Ob Plakat, Opener oder Erscheinungsbild, meist werde man erst angefragt, wenn der Film bereits unter Dach und Fach und noch Budget übrig ist. „Dadurch geht viel inhaltlich-gestalterisches Potenzial verloren", sagt Nina. Positives Gegenbeispiel: ihre Zusammenarbeit mit Regisseur Nikias Chryssos für das abgründig-groteske Drama DER BUNKER um die Themen Erziehung und Familie, das 2016 erfolgreich auf der Berlinale lief. „Das war eine Zusammenarbeit, die auf Augenhöhe stattgefunden hat. Weil Nikias schätzt und verstanden hat, was ich mache, und ich verstanden habe, was er macht. Wir hören uns zu und schwingen auf den gleichen Frequenzen. Ich glaube, es geht auch darum, dass man Passungen findet. Nicht jeder, der für seine Produkte braucht, was du kannst, passt auch zu dir. Es geht auch darum, wer mit wem wie arbeitet und wer wem welchen Platz einräumt - egal, woran man arbeitet. Wir haben so viele Möglichkeiten! Ein 'Nein' an der richtigen Stelle hat etwas unheimlich Positives! Ich bin ein sehr optimistischer Nein-Sager geworden!"

Neben Kulturbereich und Filmbranche ist Nina inzwischen vorwiegend in der Werbeindustrie tätig: „Das Kommunikationssegment ist mein Spielfeld. Aber auch dort gibt´s Missstände - es gibt keinerlei Qualitätskontrolle oder Mindestlohn, und das ist auch der Grund, warum ich mir meine eigenen Spielfelder erschaffe und in die Lehre gegangen bin." Seit 2013 arbeitet sie als Dozentin für Type ´n´ Motion & interdisziplinäre Designpraxis an der Züricher Hochschule der Künste. Von 2015 bis Frühjahr 2016 teilte sich Nina mit ihrem ehemaligen Filmakademie-Kommilitonen Gregor Kuschmirz eine Vertretungsprofessur für Bewegtbild und Mediendesign im Fachbereich Design an der FH in Münster. Ab April 2016 wurde sie für den Lehrstuhl "Image and Motion" an der Köln International School of Design berufen. „Lehre ist sinnstiftend, da bekommt man wieder den Freiraum, um Dinge auszuprobieren, zu forschen, reflektieren und geistigen Input zu liefern - nicht zuletzt: den Nachwuchs zu fördern und auszubilden!"

Fifty-fifty ist Ninas Devise, nach der sie ihren beruflichen Alltag strukturiert. Eine Hälfte ihrer Arbeitszeit verwendet sie auf kommerzielle Projekte, die andere auf unkommerzielle, wie die angewandte experimentelle Designforschung bei LAMF. „Da findet etwas Neues, Unvorhergesehenes statt, was mir auch für den kommerziellen Part ganz viel bringt." Gerade aus den freien Projekten ziehe sie wahnsinnig viel Energie und Wissen, wovon die kommerziellen Projekte wiederum profitierten, sagt Nina. Ob sie sich das Attribut ‚erfolgreich' zuschreiben würde? „Die Definition von erfolgreich ist sehr subjektiv. Ich versuche mir selbst treu zu bleiben. Und das gelingt mir erstaunlicherweise seit fast zehn Jahren verhältnismäßig gut. Ich liebe, was ich tue und kann selbstbestimmt mein Spektrum erweitern und ein gutes Leben damit führen. Es macht mir Spaß, mit der Vielfalt der Möglichkeiten zu improvisieren. Ein wichtiger Faktor ist die Motivation, die einen antreibt. Mal ist es das Projekt, mal sind es die Menschen dahinter, mal das Geld oder die Sache. Da tummeln sich spannende Fragen..."

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