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torial Blog | Warum Google und Facebook Storyful brauchen

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Social News Agenturen wie Storyful haben binnen kurzer Zeit den Journalismus verändert. Soziale Netzwerke spielen in der Berichterstattung heute eine viel wichtigere Rolle als zuvor. Facebook und Google haben dadurch das Potential ihrer Netzwerke für die Medienhäuser erkannt. Damit sie ihre Inhalte aber zu Geld machen können, brauchen sie die Expertise von Unternehmen wie Storyful.


Soziale Netzwerke wie Facebook, Youtube, oder Twitter haben längst einen wichtigen Platz in unserem Alltag erobert. Täglich teilen Millionen von Nutzern weltweit darüber nicht nur belanglose Statusmeldungen mit der Öffentlichkeit, oft berichten sie bewusst oder unbewusst über aktuelle Vorkommnisse. Was früher ein Privileg von Journalisten war, ist nun jedem möglich, der einen Zugang zum Internet hat.


Eines der Probleme ist dabei, dass die sozialen Netzwerke nicht wie ursprüngliche Redaktionen als Wächter und Kontrolleure der Meldungen auftreten. Sie überprüfen die geteilten Videos und Statusmeldungen über Naturkatastrophen, Unfälle, oder Konflikte nicht auf ihren Wahrheitsgehalt. Auch die eventuelle Intention des Verfassers wird nicht überprüft.

Social News Agenturen ersetzen Redaktionsarbeit

Seit ein paar Jahren übernehmen diese Aufgabe sogenannte Social News Agenturen. Eine der erfolgreichsten davon ist das irische Unternehmen Storyful. Im Jahr 2010 vom ehemaligen Anchorman des irischen öffentlich-rechtlichen Rundfunks Mark Little gegründet, war der Aufstieg des Unternehmens rasant. Inzwischen betreibt Storyful Büros in Dublin, Hong Kong und New York. Große Medien wie das Wall Street Journal, die New York Times, BBC oder Youtube arbeiten mit Storyful zusammen und bezahlen für dessen Inhalte.

Ende 2013 wurde Storyful eine Art Ritterschlag zuteil, als mit der News Corporation von Rupert Murdoch, eines der größten Medienkonglomerate der Welt, das Unternehmen übernahm. 25 Millionen US-Dollar war Storyful Rupert Murdoch wert. Er versprach, dass das Unternehmen trotz der Übernahme eigenständig weiterarbeiten würde.


Storyful überprüft nach eigenen Angaben rund 1.000 Videos im Monat nach ihrem Wahrheitsgehalt. Die Themengebiete sind dabei weit gefächert: Sport, Nachrichten, Entertainment, Wetter, Technologie oder virale Internetvideos, werden von Storyful geprüft und an Redaktionen weltweit verkauft.


Twitter, Facebook, Instagram: Das ganze Netz wird analysiert

Die Mitarbeiter von Storyful, zum größten Teil selbst ehemalige Journalisten, versuchen soviel Material wie möglich aus den Videos zu überprüfen. „Wir versuchen zuerst, den Ort der Aufnahme rauszufinden. Facebook und Instagram machen es uns leichter als viele andere soziale Netzwerke, weil sie Ort und Datum gleich mitliefern. Kennen wir den Ort nicht, versuchen wir, uns über Bildabgleiche mit Google Maps anzunähern. Dann prüfen wir, ob das Wetter auf der Aufnahme mit den Wetterberichten des angeblichen Aufnahmetags übereinstimmt. Manchmal können wir über Straßenschilder oder Autokennzeichen genau rausfinden, wo die Szene stattgefunden hat", sagte Mark Little im Interview mit dem Magazin Journalist.


Die rund 50 Mitarbeiter können dabei nach eigenen Angaben auf eine sehenswerte Erfolgsbilanz zurückblicken. Zahlreiche Videos, Tweets oder Statusmeldungen aus dem Netz wurden von ihnen als Fälschungen identifiziert und somit ihre Verbreitung in Redaktionen größtenteils verhindert.

Ein Beispiel: Vor zwei Monaten teilten Nutzer ein Video bei Twitter, das einen Angriff der US-Armee auf vermeintliche Mitglieder der Terrororganisation Islamischer Staat zeigen sollte. Die Mitarbeiter von Storyful überprüften das Video und fanden eine Version des selbigen von 2010. Jahre vor den eigentlichen Angriffen der USA und des im aktuellen Video angegebenen Datums. Damit wurde das Video falsifiziert, die Ergebnisse veröffentlichte Storyful zuerst über Google+. Wie viel Redaktionen für die Arbeit von Storyful bezahlen, hängt von ihrer Reichweite ab. Je nach Umfang sollen die Dienste von Storyful zwischen 750 und 15.000 US-Dollar kosten, manchmal wohl auch mehr.


Journalisten alter Schule zeigen sich skeptisch

Viel Geld für Redaktionen, vor allem weil Storyful viele seiner Techniken zur Überprüfung der Inhalte auf Vorträgen oder im Internet öffentlich macht und die Redaktionen diese Arbeit so eigentlich auch selbst übernehmen könnten. Vorausgesetzt natürlich die Ressourcen und der Wille sind gegeben.

Nur ist der Wille für die Einbindung der sozialen Netzwerke in die journalistische Arbeit auch heute nicht immer gegeben. Ein bekanntes Beispiel dafür ist der andauernde Streit zwischen dem Pulitzer-Preisträger Seymour Hesh, einem Journalisten alter Schule und Eliot Higgins, einem der bekanntesten Social Media Journalisten.


Beide streiten sich im Fall der Giftgasangriffe von Ghuta über die Identität des Angreifers. Während Seymour Hesh auf klassische Methoden setzt und hochrangige Informanten ausfindig gemacht hat, setzt Higgins auf die Auswertung von Material wie Bildern, die er im Netz gefunden hat. Beide streiten sich darüber, wer hinter den Angriffen steckte. Der Konflikt der beiden Journalisten zeigt gut, wie wichtig heute die sozialen Netzwerke im Alltag der Journalisten geworden sind: Man kann die neuen Medien nicht mehr ignorieren, ohne journalistische Überprüfung sollte man deren Inhalte aber nicht als Wahrheit verkaufen.

Auch wenn Storyful einen rasante Entwicklung hinter sich hat, ist dem Unternehmen doch klar, dass es eigentlich ersetzbar ist. „Ich glaube nicht, dass Storyful jahrelang als Service funktioniert. Stattdessen wollen wir ein Paket an Werkzeugen entwickeln, mit dem Redaktionen in der ganzen Welt Social Content selbst verfolgen können. Das wollen wir natürlich verkaufen", sagte Mark Little im Interview mit dem Journalist.


Facebook und Google wollen Storyful instrumentalisieren

Dass dürfte im Interesse der Medienhäuser und Redaktionen sein, nicht aber im Interesse von Google und Facebook. Beide Unternehmen haben sich an Storyful angenähert und versuchen aus dem Unternehmen Kapital zu schlagen. Google, als Eigentümer von Youtube, hat zusammen mit Storyful die Plattform Open Newsroom gestartet. Facebook arbeitet mit Storyful im Rahmen seines Projektes FB Newswire zusammen.

Beiden Unternehmen ist es daran gelegen, ihre jeweiligen sozialen Netzwerke aufzuwerten und, mithilfe ihrer eigenen Inhalte, verwertbare Nachrichten und Informationen für Medienhäuser bereitzustellen. Für sie zählen in erster Linie nicht die Werkzeuge, denn dafür ist Storyful zuständig. Facebook und Google geht es um die Inhalte, die sich gegebenenfalls eines Tages auch zu Geld machen lassen. Doch bislang sind beide mit genannten Diensten noch weit davon entfernt, als Nachrichtenagenturen aufzutreten. Das Potential hätten sie aufgrund ihrer zahlreichen Mitglieder und deren täglich kostenfrei geteilten Informationen natürlich schon.

Wie sich Storyful künftig entwickeln wird, hängt zum einen vom Unternehmen selbst und zum anderen von den genannten Spielern ab: Rupert Murdoch, Google und Facebook möchten sich gerne im Ruhm von Storyful sonnen, Storyful selbst möchte nach eigenen Angaben mit seinen Werkzeugen den Journalismus verändern. Von wem das Geld dafür kommt, scheint dabei egal zu sein.

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