1 subscription and 0 subscribers
Article

Raus aus der Anonymität

54451703 2f0df84b afb0 4d63 87a0 a6e4d05c4abf 4vrhqc0yef

Eine Prostituierte wartet in ihrem rot beleuchteten Zimmer auf einen Freier. Foto: dpa

Ein neues Gesetz soll Prostituierte schützen und aufklären. Im Gegenzug müssen sie sich ab sofort beim Ordnungsamt registrieren - mit Klarnamen, Foto und Adresse. Was zu Protesten seitens der Sexarbeiter führte, belastet Offenbachs Ordnungsamt personell. Eine Offenbacher Prostituierte glaubt nicht, dass so die Kriminalität in der Branche eingedämmt wird. 


Sie heißen „Flora - von zart bis hart", „orientalische Aaliyah" oder „Christina - reife Verführung". Nackt räkeln sich die Frauen auf den Fotos aus der Kartei „Hostessen in Offenbach" einer Frankfurter „Erotik Online Zeitung" auf weißen Laken oder schwarzen Ledersofas. Prostituierte in Offenbach zu finden, geht heutzutage leicht über das Internet. In der Öffentlichkeit sind sie nicht sichtbar - im Gegensatz zu anderen Städten im Rhein-Main-Gebiet, wie auf dem Straßenstrich in Frankfurt nahe der Messe. „In Offenbach ist kein offenes Milieu analog dem Bahnhofsgebiet Frankfurt existent. Bis auf einen Club gibt es nach unseren Erkenntnissen kein Etablissement mit Außenwirkung im Stadtgebiet Offenbach", erklärt ein Sprecher der Polizei.

Häufig bieten die Frauen und Männer in Offenbach ihre Liebesdienste in sogenannten Tagesterminwohnungen oder Studios an, die sie extra dafür gemietet haben, wie Ordnungsamtschef Peter Weigand erklärt: „In Offenbach gibt es nicht viele klassische Betriebe - wir wissen von vier bis sechs, aber die werden uns deutlich mehr Arbeit machen."

Mehr Arbeit hat das Amt ohnehin. Denn seit Anfang November müssen sich Menschen, die in Offenbach mit „erotischen oder sexuellen Dienstleistungen" Geld verdienen, offiziell bei der Behörde anmelden - mit Klarnamen und Foto. So will es das Prostituiertenschutzgesetz, kurz „ProstSchG", das seit Juli 2017 in Kraft ist. Zu den Dienstleistungen zählen auch Tantra-Massagen oder Escort-Leistungen. Das Gesetz zielt darauf ab, Sexarbeiter über gesundheitliche Risiken aufzuklären, sie vor Ausbeutung und Gewalt zu schützen und Bordellbetreiber stärker in die Verantwortung zu ziehen. Für ihre Arbeit brauchen beide Parteien nun eine offizielle Erlaubnis. Die bekommen sie nach Beratungsgesprächen beim Ordnungs- und Gesundheitsamt.

„Oft muss da ein Dolmetscher dabei sein, dann dauert das Gespräch fast eine Stunde. Wir haben vor acht Wochen angefangen und seitdem etwa 100 Personen beraten, das sind zwölf Damen pro Woche", sagt Ordnungsamtsleiter Peter Weigand und klingt dabei genervt. „Wir versuchen erst einmal, die Anmeldeflut zu bewerkstelligen: die Vordrucke, die Beratungen. Wir sind personell schlecht besetzt." Zusätzliches Personal für die Registrierung von Prostituierten wurde der Behörde bisher noch nicht gestellt. Verstärkung kommt wohl Mitte des Jahres. „Dann fangen wir an, systematisch zu kontrollieren, um die Betriebe in den Griff zu bekommen", kündigt Weigand an. „Bisher läuft das nicht organisiert ab."

Während sich das Ordnungsamt laut dessen Leiter noch in der „Anlaufphase" befindet, protestieren die Prostituierten, wie zuletzt Anfang Dezember in Berlin, bereits seit Monaten gegen die Registrierungspflicht. Sie befürchten den Missbrauch gespeicherter Daten und sprechen von „Zwangsouting" und „Stigmatisierung".

Dass ihre persönlichen Informationen bei den Behörden landen und sie damit in einer Kartei aufgelistet wird, stört die Offenbacher Prostituierte Natascha nicht: „Ich stehe zu dem, was ich tue." Die 43-Jährige, die ihre Dienste in einem SM-Studio in der Innenstadt anbietet, hat ihren Termin beim Ordnungsamt kommende Woche. Ihre Kolleginnen haben ihren „Hurenpass", wie er in der Szene genannt wird, bereits bekommen. „Das lief reibungslos, Offenbach ist da sehr vorbildlich", sagt sie.

Das neue Gesetz schafft ihrer Meinung nach keine besseren Arbeitsbedingungen. „Grundsätzlich finde ich es positiv. Was Menschenhandel angeht, wird man so jedoch schwer was erreichen." Wegen der Registrierungen verlagern sich die Aktivitäten zunehmend in den Untergrund, erzählt Natascha. „Es soll ja ein Schutzgesetz sein. Aber wenn man an die Frauen nicht rankommt, kann man sie auch nicht beschützen."

Bilder: Party im Bahnhofsviertel

Viele ihrer Kunden schreckten die angekündigten Kontrollen der Polizei und des Ordnungsamts zudem ab, befürchtet sie. „Das ist der einzige Punkt, der nervt, weil mir Geld verloren geht."

Das Beratungsgespräch beim Gesundheitsamt ist für Natascha Pflicht, aber keine Notwendigkeit. „Ich bin ziemlich aufgeklärt", sagt sie. Gleichermaßen hinterfragt sie die Erfolgsaussichten bei Kolleginnen, die kein oder kaum Deutsch verstehen. „Sich beim Gast durchzusetzen ist schwierig, wenn man die Sprache nicht kann. Da nützt mir auch keine Beratung vom Amt."

Durch das Gesetz sollen die Betreiber verpflichtet werden, etwas zu tun, wenn der Verdacht besteht, dass eine Frau nicht freiwillig in ihr Bordell gekommen ist. „Aber wie denn?" fragt Natascha. „Kein Mädchen sagt offen: Ich bin verkauft worden."

Bundesregierung will härter gegen Zwangsprostitution vorgehen

Theorie und Praxis gehen weit auseinander, findet die Domina. „Ich glaube, dass Leute das Gesetz gemacht haben, die vom Job nicht viel Ahnung haben." Sie wünscht sich, dass der Menschenhandel endlich eingedämmt wird. Das wird sich jedoch nicht so schnell ändern, befürchtet sie. „Die, die Dreck am Stecken haben, finden immer einen Weg, diese Geschichte zu umgehen."

Original