1 subscription and 0 subscribers
Article

Collage aus 63 Einzelbildern: Kunst aus Waldenbuch

Mit "Erde unrund" beschäftigt sich der Waldenbucher Künstler Christian Günther mit dem aktuellen Zeitgeschehen - von Trump über Brexit bis Klimawandel. Die Botschaften verbergen sich hinter Malerei und Collagen - kein politisches Statement, dafür Kunst mit Interpretations-Spielraum.


Artikel vom 02. Oktober 2019 - 18:36


Von Tabea Günzler


WALDENBUCH. "Wir leben in einer Zeit, in der wir wissen, dass wir die Welt überfordert haben", beginnt der Maler und Autor Christian Günther seine Rede im "ArtWalden". Zur Eröffnung seiner Kunstausstellung mit dem Titel "Erde unrund" fanden sich vergangene Woche rund 50 interessierte Besucher in der Galerie ein.

Das Wohnhaus mit Atelier und kleinem Museum von Christian und Beate Günther befindet sich mitten im Wald östlich des Waldenbucher Stadtteils Liebenau. Seit das Ehepaar die ehemalige Militäreinrichtung renovierte, ist es für die Allgemeinheit zugänglich. Bereits 2001 kaufte Christian Günther mit seiner ersten - 2012 verstorbenen - Ehefrau und Künstlerin Dorothee Ziegler das Anwesen. Bis heute ist ihre Malerei in "ArtWalden" präsent und immer wieder Teil aktueller Vernissagen.

"Es gibt derzeit viele junge Menschen, die auf die Straße gehen und sagen, so geht es nicht weiter. Dabei wissen wir über die Missstände, auch in der Vergangenheit, längst Bescheid", setzt der Maler seine Ansprache fort. "Dabei können wir eigentlich nichts machen, außer solche Bewegungen zu unterstützen."

Für "Erde unrund" lässt Günther deshalb seinen Beobachtungen und Eindrücken, über das, was um uns gerade passiert, freien Lauf. Dafür brachte er seine Gedanken und Gefühle über dunkle Farben, Lithokreide und Ausschnitten aus alten Zeitungen auf die Leinwand. Sein Hauptwerk zieht den Betrachter in diese Gedankenwelt hinein. Die Collage ist gut zweieinhalb Meter hoch und besteht aus 63 Einzelbildern, die unabhängig voneinander entstanden sind. "Frida-Freude-Eiersuchen" nennt er die Arbeit.

Die Suche beeinflusst tatsächlich den Blick des Betrachters: Große und kleine Buchstaben, Fotos von Politikern und Symbolen, ausgeschnitten aus Zeitungen, mehrfach übermalt und zusammengeklebt, ergeben ein Gesamtbild, das zu beschreiben versucht, was in dieser Welt vor sich geht: "In meinem Tempo" steht auf einem der quadratischen Bilder, "BREXIT" springt dem Betrachter auf einem relativ mittig platzierten Bild entgegen und "Wohnraum" macht gar nachdenklich. Mit Wortspielen wie "Greed Again" neben dem Abbild des US-Präsidenten Donald Trump, der den erhobenen Mittelfinger entgegenstreckt, setzt Günther eine provokante Note oben drauf. Nur drei Reihen darüber dreht sich die Erdkugel zwischen zwei Zeigefingern einer Frau, deren Gesicht dem Betrachter verborgen bleibt - Mutter Erde?


Erst in der Gesamtbetrachtung zeigt das Werk seine ganze Stärke

Die Themen Politik und Klima scheinen zu dominieren. Das Werk wirkt kritisch, mal politisch, gleichzeitig inhaltlich provozierend und rebellierend. Erst als Gesamtkunstwerk zeigt das zusammengesetzte Bild seine ganze Stärke. "Ich wollte Unterschiedliches aufzeigen und wie wir das Verschiedene in der Welt interpretieren können", unterstreicht Günther und stellt relevante Fragen: "Wer sind wir eigentlich in dieser Zeit? Was machen wir? Wie gehen wir mit unserer Umwelt um? Und wieviel Denken wird einem noch wie lange ermöglicht?" Der an das Sprichwort angelehnte, flapsig-augenzwinkernde Titel verdeutlicht, dass die Welt nicht nur aus Friede und Freude besteht, sondern weitaus komplexer ist.

Selbst die Besucher sehen in der Multi-Collage immer wieder etwas Neues: "Unglaublich, wie er sich die Zeit nimmt, die verschiedenen Themen weiterzuentwickeln und einzubinden", sagt Jutta Rößner. "Je länger ich mich darauf einlasse, desto mehr fällt mir ins Auge", setzt die Besucherin fort und amüsiert sich über so manches Einzelbild. "Aufbruch Gulasch" oder die Papstfigur findet Rößner besonders gelungen.


Künstlerische Verarbeitung von gesellschaftspolitischen Themen

Mit gesellschaftspolitischen Themen und Fragestellungen beschäftigt sich Christian Günther nicht erst seit gestern. Eines der hier präsentierten Bilder stammt von 1990, aus der Zeit der Balkankriege. Er nennt es "Schatten (Kosovo)". Und in einer großen Mappe finden sich weitere Malereien aus dieser Zeit, die sich mit Flucht und Vertreibung auseinandersetzen. "Fluchtlinien" heißt ein mit breiten Linien gemaltes Bild.

Von "E pluribus unum" - "Aus vielen Eines" spricht bei der Vernissage auch Kunsthistoriker Dietrich Heißenbüttel in seiner Laudatio auf das Hauptwerk. Den Spruch, der auf dem Staatssiegel der USA prangert, hatte Heißenbüttel sofort im Kopf, als Günther ihn anrief und fragte, ob er für die derzeit erkrankte Kunsthistorikerin Katharina Neuburger einspringen könnte. "Im Christentum bedeutet die Taufe den Eintritt in die Gemeinschaft und so sind auch die Vereinigten Staaten eine Nation, die erst durch die Bundesstaaten eins werden - genau wie dieses Bild am Ende eines wird."

Christian Günther ist ein Künstler, der zwar politisch interessiert ist, sich aber niemals selbst als politischen Künstler bezeichnen würde. Seine Kunst gibt reichlich Spielraum für Interpretationen, die das politische Denken des Malers offenlegt und gleichzeitig verbirgt.


Künstlerhaus "ArtWalden" im Sonnenrain 1 in Waldenbuch besucht werden.

Mehr unter http://www.artwalden.de

Original