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Rechtsrock-Veranstaltung: Alle auf Ostritz

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Ostritz, Sachsen: Blick über die polnisch-deutsche Grenze ©Sebastian Kahnert/dpa-Zentralbild/dpa

Natürlich hat niemand Ostritz gefragt. Die sächsische Kleinstadt, 2.400 Einwohner, liegt ziemlich genau in der Mitte zwischen Zittau und Görlitz und ziemlich nah an der Grenze zu Polen. Ein idyllischer Ort, der sich sein Schicksal nicht aussuchen durfte: Tausende Neonazis wollen am 20. April hierherkommen, wohl nicht zufällig an Adolf Hitlers Geburtstag, um auf dem Gelände des Hotels Neißeblick ein Festival namens Schild und Schwert zu feiern. Ostritz kann wenig für die Schlagzeilen, die dieses Festival gerade macht. Kann nichts dafür, dass gefühlt ganz Sachsen aufgeregt nach Ostritz schaut: Nachdem im vorigen Jahr Themar in Thüringen Tausende Neonazis erdulden musste, die dort Rechtsrock-Veranstaltungen abhielten, ist nun Ostritz dran.

Themar brachte es zu bundesweiter Berühmtheit: Den Ort, 3.000 Einwohner, überfielen 2017 reichlich 6.000 Fremde zum Rock gegen Überfremdung. Es wurde das größte Neonazi-Konzert seit über zehn Jahren. Die Rechtsextremen feierten relativ ungestört, inklusive "Sieg Heil"-Rufen vor den Augen der Polizei. Die ließ das damals geschehen, weil sie Eskalationen fürchtete. "Heute aber würden wir die Veranstaltung in so einem Fall nach Möglichkeit beenden", sagt Thüringens Innenminister Georg Maier (SPD).

Wie ernst sollte man solche Festivals nehmen? 2017 fanden nach Angaben des Bundesinnenministeriums 289 rechtsextreme Musikveranstaltungen in Deutschland statt, ein Drittel mehr als 2016, die meisten und größten davon in Thüringen und in Sachsen. Immer traf es Orte, die beinahe zufällig Schauplatz wurden. Weil die Veranstalter dorthin gehen, wo sie eine Wiese, einen Saal mieten können oder sogar eigene Immobilien besitzen. Thüringens Innenminister Maier sagt deshalb: Man könne solche Festivals nicht ernst genug nehmen.

Während Themar noch überrumpelt wurde, ist Ostritz vorbereitet - man rechnet mit allem am 20. und 21. April. Seit die Großveranstaltung beim Landratsamt angemeldet wurde, schlafen viele in Ostritz schlecht. Denn als Veranstalter ist Thorsten Heise eingetragen, Mitglied des Thüringer Landesverbandes der NPD. Heise ist eine zentrale Figur in der rechtsextremen Szene, mehrfach vorbestraft. Aktuell verkauft er über seinen Onlineshop die Tickets für Schild und Schwert (45 Euro pro Person), angepriesen werden einschlägige Bands wie Die Lunikoff Verschwörung, Kategorie C und Oidoxie.

Wie Ostritz sich fühlt? "Überrannt", sagt Manuela Golde, Verwaltungsleiterin im Ostritzer Rathaus. "Vor allem von den Rechten. Wir rechnen mit dem größten Polizeieinsatz der letzten Jahre in der Region."

Schild und Schwert ist als politische Versammlung auf einem Privatgelände angemeldet, genießt deshalb den Schutz der Versammlungsfreiheit. Aber muss auch mit aktivem Widerstand rechnen: In einer "Oberlausitzer Erklärung" haben sich 40 Bürgermeister der Region zusammengeschlossen. Darin heißt es: "Wir wollen und wir brauchen in der Oberlausitz kein rechtsextremes Festival! Nicht in Ostritz, nicht anderswo!" Die Bürger von Ostritz wollen ein "Friedensfest" auf dem Marktplatz veranstalten, die Schirmherrschaft hat Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) übernommen, er ist selbst ganz in der Nähe, in Görlitz, aufgewachsen. Der Prinzen-Sänger Sebastian Krumbiegel plant zudem gemeinsam mit Linken-Politikern ein Protestkonzert direkt gegenüber dem Hotel Neißeblick. Dort werden 750 bis 1.000 Gegendemonstranten erwartet, unter anderem aus Dresden, Leipzig und Berlin. Sachsens Polizei will mit mehreren Hundertschaften - auch aus anderen Bundesländern - vor Ort sein, die Bundespolizei wird anreisende Züge kontrollieren. Auch die polnische Polizei führt eigene Polizeieinsätze durch, denn es werden Neonazis aus Osteuropa erwartet: Die Rechtsextremen wollen sich international vernetzen. Dabei freuen sich die Veranstalter über die Aufmerksamkeit, auch den medialen Aufruhr im Vorfeld. Professionell organisierte Rechtsrock-Festivals über mehrere Tage wie Schild und Schwert und das Themarer Rock gegen Überfremdung seien ein relativ neues Phänomen, sagen Rechtsextremismus-Experten: Die Szene sei auf der Suche nach Einnahmequellen, insbesondere seit die NPD aus den Landtagen geflogen und von der staatlichen Finanzierung abgeklemmt sei. Weil Veranstaltungsorte von Gleichgesinnten gemietet werden, etablieren sich Hotspots. Das Hotel Neißeblick in Ostritz könnte so ein Hotspot werden: Der Eigentümer, Hans-Peter Fischer, war früher selbst in der NPD. Nach einschlägigen Veranstaltungen, auch einem NPD-Parteitag in seinem Haus, hat Fischer offenbar Probleme, sein Hotel an normale Gäste zu vermieten - so sagte er der Sächsischen Zeitung, dass er jedes Geld nehme. Und sein Hotel im Zweifel auch an die NPD verkaufen würde.

Wie friedlich kann dieses Ostritzer Wochenende bleiben? Die Polizei ist besorgt, die Veranstalter des Rechtsrock-Festivals sind es weniger. Sie nennen Ostritz für zwei Tage "den sichersten Ort Sachsens, ohne Diebstahl und Einbrüche". Sicher ist, dass der Ort so schnell nicht zur Ruhe kommen wird. Es soll ein zweites Großfestival der rechten Szene in Sachsen geben, noch dieses Jahr. Am 2. und 3. November. Vielleicht sogar wieder in Ostritz.

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