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Kolumbien - Nähen, weiterleben

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Nadeln hämmern, Maschinen rattern, Neonlampen surren Hier im Konfektionszentrum im Viertel Llanaditas in der Comuna 8 im kolumbianischen Medellín sitzt Valentina López, 24, an einer Nähmachine und schließt eine Naht mit einem blauen Faden. Ihre dunklen Haare sind zu einem Zopf zusammengebunden und ihre Wangen rot, es ist stickig und warm in dem fensterlosen Kellerraum. Lopez' Kindheitstraum war es, Modedesignerin zu werden. Jetzt näht sie mit anderen Frauen Stoffe zusammen. Die Gehkrücke der jungen Frau lehnt seitlich an ihrem Tisch.

Rückblende: 1988, Peque, Antioquia, ein kleines Dorf auf dem Land, 200 Kilometer entfernt von Medellín. Valentina ist vier Jahre alt und lebt mit ihrer Mutter, ihrem Bruder und ihren Großeltern auf einem Bauernhof. Sie bauen Gemüse an, haben mehrere Hühner und eine Kuh. Valentinas Mutter führt den Haushalt, den Vater hat das Mädchen nie kennengelernt. Eines Abends will die Mutter die beiden Kinder zu Bett bringen. Aber sie werden nie wieder in ihren Betten auf dem Bauernhof schlafen. Eine Gruppe bewaffneter Männer bricht in das Haus ein und bedroht die Familie. „Ihr habt zwölf Stunden, um das Haus zu verlassen. Sonst seid ihr tot", sagt einer der Männer.

Valentinas Hund bellt die Männer an, einer von ihnen erschießt das Tier. Noch in derselben Nacht leiht sich die Mutter Geld von den Nachbarn, um zu fliehen. Acht Stunden lang ist die Familie auf holprigen Straßen unterwegs, bis sie in Medellín ankommt.

Suche nach einem Schlafplatz

„Wir wussten nicht, wo wir hin sollten, als wir in der Stadt ankamen", erzählt Valentina López heute. Ihre Stimme klingt gebrochen, sie wischt sich die Tränen aus dem Gesicht. Sie ist eine sogenannte „desplazada", eine Vertriebene. So heißen jene Menchen, die innerhalb Kolumbiens geflüchtet sind vor den Kämpfen, die sich Paramilitärs, staatliche Truppen, Drogenkartelle und Guerilla-Gruppen bis heute in den Provinzen liefern. Dem Nationalen Zentrum zur historischen Erinnerung (CNMH) zufolge sind von zehn getöteten oder verschwundenen Opfern des bewaffneten Konflikts neun Männer. Zurück bleiben die Frauen, sie müssen die Folgen des Krieges tragen. Sie ziehen mit den Kindern durchs Land, auf der Suche nach einem sicheren Schlafplatz. Nach Angaben der Vereinten Nationen sind etwa 80 Prozent der Vertriebenen in Kolumbien Frauen und Kinder.

Ins Konfektionszentrum in Llanaditas kommen hauptsächlich vertriebene Frauen. Sie absolvieren hier einen sechsmonatigen Nähkurs, dafür bekommen sie umgerechnet etwa 100 Euro im Monat, die Hälfte des gesetzlichen Mindestlohns in Kolumbien. Fransury Gonzáles leitet das Ausbildungsprogramm der Nichtregierungsorganisation (NGO) Las Golondrina s, die den Nähkurs mit Unterstützung der deutschen Johanniter-Unfall-Hilfe und des Nationalen Dienstes für Berufsausbildung in Kolumbien organisiert.

„Hierher kommen viele misshandelte Frauen. Viele sind alleinstehende Mütter, andere flüchten vor ihren Männern, die ihnen nicht erlauben, das Haus zu verlassen", sagt Gonzáles: „Wir wollen ihnen mit dem Nähkurs die Möglichkeit geben, etwas zu lernen, unabhängig zu sein und sich ihres eigenen Lebens zu bemächtigen."

Valentina López schneidet mit einer großen Schere einen kobaltblauen Stoff zurecht. 2014 stieß sie zu Las Golondrinas und absolvierte den Nähkurs. Seitdem näht sie die Schuluniformen für die örtliche Schule, die ebenfalls von der NGO betreut wird. „Es war nicht einfach für mich, Arbeit zu finden", sagt sie: „Viele haben mir die Türen verschlossen aufgrund meiner körperlichen Behinderung." Sie saß fünf Jahre lang im Rollstuhl, mittlerweile kann sie mit einer Gehhilfe laufen. 45 Minuten lang läuft sie jeden Tag eine steile Treppe hinauf und hinunter, um von Zuhause zur Arbeit und wieder zurückzukommen. Medellín besteht aus Hügeln, die Armenviertel liegen hoch oben in den Hängen.

López ist behindert, seit sie 14 ist, ihr bester Schulfreund hatte sie damals eine Teppe hinuntergeschubst. Ihr rechtes Bein brach in drei Teile, ihre Wirbelsäule verkrümmte. „Ich weiß bis heute nicht, warum er das getan hat. Ich habe ihn danach nie wiedergesehen", sagt sie. Nach dem Unfall konnte sie die Schule nicht beenden, ihr Traum von der Modedesignerin zerplatzte. Seither ist López' Leben stärker als zuvor geprägt von Widrigkeiten.

Acht Monate später starb die Mutter an einem Herzinfarkt, ihr Bruder heiratete und zog weg, ein Cousin zog zu ihr, ebenfalls vom Land vertrieben. Kaum ein Jahr später wurde er ermordet, er war 20 Jahre alt. Er hatte sich geweigert, sich einer kriminellen Drogenbande anzuschließen.

López blieb allein zurück, musste sich nicht nur um sich selbst, sondern auch noch um ihren Großeltern kümmern. „Damals war es gefährlich in der Comuna 8", sagt López: „Jugendliche wurden von kriminellen Banden verfolgt, viele Frauen vergewaltigt. Vor allem oben in den Hügeln, wo ich wohne."

Die Freundin verschwand

Aus einer von mehreren Menschenrechtsorganisationen herausgegebenen Studie über sexuelle Gewalt im kolumbianischen Konflikt geht hervor, dass zwischen 2000 und 2015 über 875.000 Frauen Opfer sexueller Gewalt geworden sind. Am meisten betroffen seien junge Mädchen zwischen 15 und 24 Jahren, schwarze Frauen und Frauen aus niedrigen sozialen Schichten. Ein Fünftel der Befragten gab an, während der Tat mit einer Waffe bedroht worden zu sein.

78 Prozent der missbrauchten Frauen erstatten der Studie zufolge keine Anzeige. Zu den Tätern zählen sowohl Mitglieder paramilitärischer Gruppen als auch Guerilla-Kämpfer. Es ist die erste Studie zum Thema, sie weist daraufhin, dass vor allem die Paramilitärs sexuelle Gewalt als strategisches Mittel einsetzen, um Angst und Schrecken in den ehemals von der linksgerichteten FARC-Guerilla kontrollierten Gebieten zu verbreiten.

In einem Bericht des Nationalen Zentrums zur historischen Erinnerung schildert eine Frau ihr Erlebnis mit den Paramilitärs: „Eines Abends kam ich mit meinem Freund nach Hause und wir trafen auf eine Gruppe von 9 Männern. Sie gaben sich als Paramilitärs zu erkennen. Sie banden meinen Freund fest und zogen mich vor ihm aus. Sie schlugen mich und sagten, ich sei eine Prostituierte der Guerilla. Einer nach dem anderen vergewaltigte mich. Sie schlugen mir mit ihren Penissen ins Gesicht und führten ihre Pistolen in meine Scheide ein. Sie sagten, dass sie mich nur am Leben ließen, damit ich mich an sie erinnern würde und mich niemals der Guerilla anschließen würde."

Wie in nahezu allen bewaffneten Konflikten und Kriegen wird sexuelle Gewalt auch im kolumbianischen Konflikt als Waffe eingesetzt. Carolina Betancur, Politikwissenschaftlerin aus Medellín, sagt: „Den bewaffneten Gruppen geht es darum, die Würde dieser Person und ihres Dorfs zu zerstören. Sexuelle Gewalt, Zwangsprostitution und Frauenhandel sind Folgen des bewaffneten Konflikts, aber auch des Drogenhandels." Doch die Frauen seien nicht nur Opfer, sondern vor allem „supervivientes", Überlebende. „Die Rolle der Frauen im Friedensprozess ist fundamental. Sie tragen die historische Erinnerung unseres Landes in sich", sagt Betancur: „Sie suchen nach der Wahrheit, sie haben eine Resilienz entwickelt und leisten Widerstand gegen die Gewalt." Gleichzeitig können sie vergeben, haben ihre Fähigkeit gezeigt zu vergeben. „Es sind die Frauen, die den Frieden in Kolumbien aufbauen."

Valentina López ist fertig für heute mit ihrer Näharbeit. Seit dem Friedensabkommen zwischen der kolumbianischen Regierung und der FARC-Guerilla, erzählt sie beim Aufräumen des Arbeitsplatzes, seien vier neue vertriebene Familien in ihre Nachbarschaft gezogen. Diese seien vor den Paramilitärs geflohen, die in den ehemaligen Guerilla-Gebieten die Macht übernommen haben.

Zu Hause warten die Großeltern und ihre vierjährige Tochter auf Valentina López. Das Mädchen ist nicht ihre leibliche Tochter, eine Freundin hatte sie vor drei Jahren gebeten, auf das Kind aufzupassen, sie müsse kurz weg. Die Freundin kam nie zurück. López sagt: „Für mich ist sie meine Tochter und für sie bin ich ihre Mutter."

Sie hofft, dass die Tochter eines Tages ohne Angst durch die Straße laufen kann. Das wäre Frieden für sie, wahrer Frieden. Sie faltet die blauen Schuluniformen, die sie genäht hat, zusammen, legt sie auf einen Stapel und klemmt sich die Gehkrücke unter den Arm.

Die Farbe Blau steht für Frieden.

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