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Können die Kundgebung?

Am Samstag fand in Hannover der zweite Großaufmarsch von "Hooligans gegen Salafisten" (Hogesa) statt. In der niedersächsischen Landeshauptstadt hatte man zuvor befürchtet, es würde zu rechten Krawallen kommen, wie Hogesa sie schon Ende Oktober in Köln veranstaltet hatte. Doch es kam anders. Die Hooligans und Neo­nazis hatten keine Chance zu randalieren und erlebten einen langweiligen Tag. Für Hogesa dürfte Hannover so zum Wendepunkt werden. Mit Redebeiträgen und Parolenrufen werden sich die erlebnis­orientierten Teilnehmer wohl nicht lange zufrieden geben.

Bereits auf den Autobahnabfahrten stehen am Morgen Hundertschaften der Polizei bereit, um Teilnehmer der Hogesa-Kundgebung zu kontrollieren. Und die Kontrollen bei der Anfahrt sind nicht die letzten, die die Hooligans und Neonazis an diesem Tag über sich ergehen lassen müssen. Auch der Zentrale Omnibusbahnhof hinter dem Hauptbahnhof, an dem die Hooligans sich versammeln dürfen, ist mit Kontrollstellen versehen. Die meisten der Teilnehmer reisen mit Zügen an. In kleinen Gruppen werden sie zur Kundgebung geführt, wer alkoholisiert wirkt, muss ins Röhrchen pusten. Müllcontainer stehen bereit, um Glasflaschen und andere verbotene Gegenstände aufzunehmen. Ein Hooligan-Festival wie in Köln soll in Hannover nicht stattfinden.

Gegen zehn Uhr ist der Platz der Hooligan-Kundgebung noch fast menschenleer. Eine kleine Gruppe von etwa 20 Personen steht verloren auf dem großen Platz. Der Wind pfeift ihnen um die Ohren, was sie sehen, wirkt nicht unbedingt einladend: Hamburger Gitter, Wasserwerfer, Räumpanzer, ein verlassenes, mit Holzplatten abgesperrtes Hotel, ein geschlossener Supermarkt und viele Polizisten. Eine kleine Gruppe der anwesenden Hooligans würde den Platz gerne verlassen, unter ihnen ein junger Mann, zerschlagenes Gesicht, olivgrüne Bomberjacke und eine Deutschland-Fahne. Er schwankt und lallt den Polizisten am Gitter entgegen, dass er etwas zu essen kaufen möchte. Dass er dies gerne machen könne, dann aber nicht zurück zur Kundgebung komme, wird ihm gesagt. Der junge Mann ist enttäuscht und trollt sich mit seinen Freunden in die Mitte des Platzes.

Die niedersächsische Polizei verfolgt ein repressives Konzept gegen die Hooligan-Demonstration. Das Versammlungsrecht wird nicht zugunsten der rechten Hooligans ausgelegt. Wären nicht die bei den Rechten so verhassten Medien da, ginge die Außenwirkung der Kundgebung gegen null. Um zwölf Uhr beginnt die Kundgebung von ­Hogesa. Der Moderator trägt eine Lonsdale-Jacke, die mit einem Dynamo-Dresden-Aufnäher versehen ist. Außer dem hooligantypischen "Ahu, Ahu, Ahu" und Parolen gegen "Salafistenschweine" kommt nicht viel von ihm. Immerhin, die Anwesenden brüllen mit. Kurz darauf ergreift Michael Stürzenberger, der Bundesvorsitzende der rechtspopulistischen Partei "Die Freiheit", das Wort. Stürzenberger schwadroniert über den Koran als "Betriebsanleitung" der Muslime, die bald anfangen würden, Europa zu unterjochen. Er warnt die Anwesenden, die Zeit zum Kampf sei noch nicht gekommen, aber man müsse bereit sein. Für die anwesenden Neonazis hat der Münchner Rechtspopulist noch eine interessante Botschaft. Der Nationalsozialismus sei eine "linke Diktatur" gewesen, erzählt er. In den Augen mancher Neonazis ist zu diesem Zeitpunkt die pure Abscheu zu erkennen.

So verwundert es auch nicht, dass bereits um 13 Uhr Hunderte Teilnehmer wieder abreisen wollen. Die Polizei lässt allerdings nur kleine Gruppen wieder zum Bahnhof gehen. Wäre nicht gegen 14 Uhr die Gegendemons­tration in Sichtweite gekommen, hätten die Hogesa-Veranstalter ihre Kundgebung wahrscheinlich von alleine beendet. Wie erst zwei Tage später bekannt wurde, griffen nach Beendigung der Veranstaltung Dutzende Vermummte vier Männer aus Bielefeld an, die an der Hogesa-Kundgebung teilgenommen hatten. Dem Polizeibericht zufolge trieben 30 bis 40 Personen die vier Männer durch Hannovers Innenstadt und griffen sie mit Pfefferspray und Schlagwerkzeugen an. Die Polizei ermittelt wegen gefährlicher Körperverletzung und versuchter Tötung.

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