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Die Droge der Dschihadisten | VICE | Alps

Die droge des jihads 012 1447837489

Drogen spielen in jedem modernen Krieg eine Rolle. Sie werden verwendet, um Schmerzen zu lindern, die Belastbarkeit zu erhöhen und Müdigkeit zu bekämpfen. Aber auch um Hemmschwellen zu senken. Die Nazis stärkten ihre Soldaten mit Pervitin, die US-Armee experimentierte mit LSD und Speed und Amnesty International weist schon lange auf den erzwungenen Konsum von Drogen wie Kokain und die damit erzielte Brutalisierung von Kindersoldaten hin.

Bei der Befragung eines14-jährigen Kindersoldaten aus Sierra Leone sagte dieser etwa gegenüber Amnesty: „Wenn ich in den Kampf zog, habe ich vorher viel geraucht. Dann hatte ich vor nichts mehr Angst. Wenn du dich geweigert hast, Drogen zu nehmen, dann hieß das ‚technische Sabotage'-und dafür wirst du getötet."

Aufgrund der euphorisierenden und aufputschenden Wirkung ist es wenig verwunderlich, dass auch islamistische Terroristen und dschihadistische Milizen, wie etwa der Islamische Staat, ihre Kämpfer unter Drogeneinfluss auf das Schlachtfeld schicken-trotz aller radikal gepredigten Abstinenz.

Rüdiger Lohlker, Professor für Islamwissenschaften an der Universität Wien, meint dazu: „Es ist nicht verwunderlich, dass solche Mittel in Stresssituationen eingesetzt werden. Wir müssen nur an die Berichte über Heckenschützen im Libanon oder Bosnien denken. Die Auslegung des Islams durch den IS ist auch nicht ,streng' im eigentlichen Sinne, eher selektiv am Nutzen für den IS orientiert. Der Drogenkonsum könnte nicht als Rausch, sondern als eine Art Leistungssteigerung qualifiziert werden."

Wie rasant der Konsum von speziell einer Droge in Syrien seit dem Ausbruch des Bürgerkrieges angestiegen ist, hat bereits die Presse am Montag berichtet. Es geht um das sogenanntem Captagon. Während in Syrien das Blutvergießen weitergeht und als Reaktion auf die Terrorangriffe von Paris die Luftschläge der internationalen Koalition, vor allem aber von Frankreich, massiv intensiviert wurden, gibt es schon seit Monaten Hinweise darauf, dass der Bürgerkrieg vom rapide steigenden Export und Konsum dieser Droge angetrieben wird.

Captagon ist der Name eines Medikaments, das aus Fenetyllin besteht. Ursprünglich wurde das Medikament in den 1960ern zur Behandlung von Hyperaktivität, Narkolepsie und Depression eingesetzt. In den 80ern wurde es jedoch aufgrund seiner gefährlichen Nebenwirkungen und seines hohen Suchtpotentials mit Hilfe einer UNO-Konvention in den meisten Ländern verboten.

Allerdings besteht Captagon zu einem großen Teil aus legalen Substanzen, die einfach zu erwerben und noch einfacher herzustellen sind.

Foto: New Zealand Defence Force | flickr | CC BY 2.0

Während den Menschen im Westen Captagon heute kaum noch ein Begriff ist, erfreut sich die Droge im Nahen und Mittleren Osten seit Jahren großer Beliebtheit. Der libanesische Psychiater Ramzi Haddad beschreibt Captagon gegenüber Reuters als starkes Amphetamin: „Man ist gesprächig, schläft nicht, isst nicht und ist voller Energie."

Laut einem Bericht der UN-Drogenbehörde war Syrien bereits vor dem Bürgerkrieg ein Transitland für den internationalen Drogenhandel. Auch für Captagon, das bis zu Beginn der 2000er vor allem in Bulgarien, aber auch in Serbien und Slowenien hergestellt und über die Türkei und Syrien in arabische Staaten geschmuggelt wurde. Nachdem diese Route zu gefährlich wurde und die Droge in Europa so gut wie ausgestorben war, konzentrierte sich die Produktion zunehmend auf den Libanon.

Mit dem Zusammenbruch des syrischen Staates brach jedoch auch die Produktion von Captagon im Libanon um bis zu 90 Prozent ein, denn bewaffnete Gruppen begannen mit dem Aufbau eigener Labore in Syrien. Bisher konnte niemand nachweisen, dass aus der Produktion und dem Verkauf von Captagon Waffen für syrische Rebellengruppen finanziert wurden, der Verdacht liegt jedoch nahe.

Das im syrischen Bürgerkrieg verwendete Captagon soll potenter als das ursprüngliche Medikament sein und mit anderen Amphetamin-ähnlichen Substanzen gemischt sein. In einer Reportage der BBC beschreibt ein Konsument die Wirkung als stärker als die von Kokain und ähnlich wie die von Morphium: „Du hörst auf, irgendetwas zu fühlen. Es macht dich empfindungslos." Gegenüber dem berichtet ein Drogenfahnder aus Homs ebenfalls von der starken, schmerzreduzierenden Eigenschaft der Droge : „Wir schlagen sie [die Konsumenten], aber sie fühlen keinen Schmerz. Viele von denen lachen, während wir ihnen heftige Schläge verpassen."

Foto: ResoluteSupportMedia | flickr | CC BY 2.0

Syrien hat seit dem Ausbruch des Bürgerkrieges einen enormen Anstieg an Konsum und Export von Amphetaminen erlebt. Dahinter verbirgt sich riesiger Markt, der jährlich Millionen Dollar an Profit erzielt. Neben großen Abnehmern für Captagon in Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten findet die Droge aber vor allem am Schlachtfeld im eigenen Land Verwendung. Kämpfer sowohl von Assads Truppen, als auch von Rebellengruppen sollen die Droge vor Kampfeinsätzen konsumieren, um die Anstrengungen des Krieges zu überstehen und keine Hemmungen vor dem Töten zu haben.

Vor allem den Kämpfern der IS-Miliz wird nachgesagt, unter großem Einfluss von Captagon und anderen Drogen zu stehen. Ekram Ahmet, ein kurdischer Syrer der mit seiner Familie während der Schlacht um Kobane aus der Stadt geflohen war, berichtet gegenüber dem britischen Mirror von IS-Kämpfern, die „viele Pillen dabei hatten, die sie ständig nahmen. Die scheinen sie verrückter als irgendetwas anderes zu machen. Davon werden sie aufgeregt, begeistert und so verzweifelt, dass sie sogar Kinder für die kleinsten Vergehen bestrafen."

Auch der unter dem Namen „Jihadi John" bekannt gewordene, mutmaßlich britische Terrorist soll bei der von ihm durchgeführten Exekution der britischen Geisel David Haines laut einem Stimmexperten unter dem Einfluss der Amphetamin-ähnlichen Droge Khat gestanden haben.

Doch nicht nur dschihadistische Kämpfer in Syrien befinden sich während ihres Einsatzes unter Drogeneinfluss. Auch im Blut des Terroristen, der Ende Juni in Sousse in Tunesien 38 Menschen tötete, wurden spuren von Captagon gefunden. Zeugen berichteten davon, dass er während seines Massakers gelächelt und glücklich gewirkt haben soll.

Die Presse vermutet außerdem, dass auch die Attentäter von Paris unter Drogeneinfluss gestanden haben könnten-eine Vermutung, die seit gestern Abend durch ein Video aus dem Pariser Hotelzimmer der Terroristen, das die Daily Mail veröffentlichte, bestärkt wird. Noch ist nicht einwandfrei geklärt, ob die Spritzen und Nadeln, die in dem Video zu sehen sind, wirklich zum Konsum von Drogen verwendet wurden. Angesichts der bereits bekannten Fälle, bei denen Terroristen der Drogenkonsum nachgewiesen werden konnte, ist es jedoch wahrscheinlich.

Gibt es also tatsächlich eine Droge, die Menschen zu grausamen, gefühlslosen Kampfmaschinen werden lässt? Vielleicht, aber wahrscheinlich heißt sie nicht Captagon.

Wie wahrscheinlich für die meisten Menschen ist es für mich schwer bis gar nicht vorstellbar, was in einem Menschen vorgeht, der über Stunden hinweg andere Menschen foltert und tötet und sich schließlich selbst in die Luft sprengt. Und doch bin ich mir sicher, dass es eine Erklärung geben muss.

Denn diese Menschen, die vergangenes Wochenende in Paris sich selbst und über 130 Menschen in den Tod gerissen haben, waren keine Dämonen einer anderen Welt. Sie entstammten der selben Welt wie wir. Sie mögen vollgepumpt mit Drogen gewesen sein und doch erklärt das nichts.

Captagon mag Hemmschwellen senken können, einen emotionslos werden lassen und vielleicht verliert man auch ein bisschen die Angst vor dem Tod. Doch der Versuch, die Anschläge von Paris mit dem Drogenkonsum der Terroristen zu erklären, schlägt in dieselbe falsche Kerbe, wie wenn man jene Menschen, die sich dem „Islamischen Staat" freiwillig anschließen, als psychisch krank oder entmenschlichte Wesen darzustellen versucht.

Vielmehr muss man die Logik der IS-Terroristen verstehen, auch wenn sie für uns irrational und pervertiert klingen mag: Wer nicht für sie ist, ist gegen den Islam. Und wer gegen den Islam ist, ist ein Kufr, ein Ungläubiger, der das Leben nicht verdient hat. Das kann jeden Treffen, auch Muslime. Diese Logik ist weder neu, noch eine Erfindung des modernen Dschihads.

Wie Christoph Prantner bereits in einem Kommentar im Standard dargelegt hat, folgt die Logik des Dschihads mit frappierender Ähnlichkeit der Logik der französischen Revolution. Wenn radikale Islamisten auch andere Ziele verfolgen mögen, so wird doch die dschihadistische Ideologie, eben wie schon die Ideologie der Jakobiner, als eine unantastbare, gegenüber jedem Zweifel erhabene Wahrheit angesehen. Christoph Prantner folgert aus dieser Erkenntnis, dass die IS-Terroristen in ihrer pervertierten Rechtschaffenheit sich als „ultimative Blasphemie über Gott" stellen und damit genau das tun, was sie der westlichen Gesellschaft vorwerfen: „Sie treiben den absoluten Individualismus auf die Spitze-ohne göttliches Maß und ohne irdisches Ziel."

Die Anhänger der dschihadistischen IS-Ideologie verfallen der selben Droge, wie unzählige Anhänger von anderen Ideologien vor ihnen, die ebenfalls vermeintlich allumfassende Wahrheiten propagierten. Jener Droge , die es einem unter Umständen ermöglicht, zum Massenmörder zu werden und sich gleichzeitig von jeder Verantwortung und Schuld zu befreien. Jene Droge, die nicht auf chemischen Verbindungen aufbaut, sondern dem menschlichen Intellekt entspringt. Sie heißt nicht Captagon, sie heißt Nihilismus.

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