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NSU-Ausschuss: Verwirrung um "Krokus"

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NSU-Untersuchungsausschuss

Seltsame Blüten der V-Frau "Krokus" Der U-Ausschuss zum NSU beschäftigt sich heute mit der V-Frau "Krokus", die dem Verfassungsschutz weitreichende Hinweise zum Mordfall Kiesewetter geliefert haben will. Dazu wird der Quellenführer von "Krokus" als Zeuge vernommen.

Von Patrick Gensing, tagesschau.de

Eigentlich hatte der NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestags seine Zeugenbefragung bereits abgeschlossen. Doch nun wollen die Mitglieder doch noch einen Verfassungsschützer befragen. "Wir wollen wirklich jeder Spur nachgehen", sagte der Vorsitzende des Gremiums, Sebastian Edathy, gegenüber tagesschau.de.

Als Zeugen vorgeladen haben die Abgeordneten einen ehemaligen Quellen-Führer des Verfassungsschutzes Baden-Württemberg. Rainer Öttinger - so sein Deckname - soll Fragen zu der V-Frau "Krokus" beantworten.

"Krokus" will Zschäpe 2006 gesehen haben

Hinter dem Decknamen "Krokus" steht Petra S. aus Baden-Württemberg, die sich mit ihrem Lebensgefährten seit etwa einem Jahr in Irland aufhält. Angeblich sei sie in Deutschland in Lebensgefahr, sagte "Krokus" gegenüber tagesschau.de. Sie behauptet, Beate Zschäpe im Jahr 2006 bei einer Rechtsextremistin, die sie beobachten sollte, gesehen zu haben. Diese Information will "Krokus" umgehend an Verfassungsschützer Öttinger weitergegeben haben.

Zudem sagt "Krokus", sie habe die Information erhalten, dass Neonazis den schwer verletzten Kollegen von Michelle Kiesewetter, die im Jahr 2007 mutmaßlich vom NSU ermordet worden war, im Krankenhaus ausspioniert hätten. "Krokus" und ihr Lebensgefährte behaupteten gegenüber tagesschau.de zudem, ein bekannter Neonazi aus Baden-Württemberg habe den Anschlag auf die Polizisten in Heilbronn verübt. Ein ehemaliger NPD-Kader habe dies ihm gegenüber gestanden, so der Lebensgefährte.

Zweifel an der Glaubwürdigkeit

Allerdings zweifeln die Mitglieder des Untersuchungsausschusses offenbar an der Glaubwürdigkeit der Informanten. Und tatsächlich werfen die Behauptungen viele Fragen auf: An dem Besuch Zschäpes, den Krokus ihrem Quellenführer gemeldet haben will, sollen nämlich weitere weibliche Personen teilgenommen haben - doch auch auf wiederholte Nachfrage nannte "Krokus" keine Namen der angeblichen Zeugen. Auch die Frage, woher "Krokus" im Jahr 2006 eigentlich Zschäpe gekannt haben will, blieb unbeantwortet.

Im Mai behauptete der Lebensgefährte von "Krokus" auch noch, er habe "zwei Kommunikationssysteme" eines NSU-Netzwerkes enttarnt, indem er geheime Codes in gehackten Thor-Steinar-Kundenlisten entschlüsselt habe. Der Lebensgefährte von "Krokus" ist bereits mehrfach mit dubiosen Geschichten aufgefallen: In einem Netzforum suchte er "Spezialkräfte" für einen Einsatz in Ghana, zudem wollte er 110.000 Langzeitarbeitslose in die USA vermitteln. Auch bei einigen Medien ist er als Selbstanbieter von Informationen bekannt, wie Kollegen bestätigten. Außerdem behauptete er, bei der Entführung von zwei im Iran entführten "BILD"-Reportern vermitteln zu können.

Der ehemalige Grünen-Politiker Rezzo Schlauch hatte bei einem dieser angeblichen Projekte mit dem Lebenspartner von "Krokus" zu tun. Im Gespräch mit tagesschau.de sagte er, der Informant habe offenbar tatsächlich gute Kontakte ins Ausland, bausche seine Geschichten aber so auf, dass nicht mehr zu erkennen sei, was Wahrheit und Fiktion sei. Ähnlich verhält es sich offenkundig im NSU-Komplex: "Krokus" und ihr Partner verfügen über Detailwissen zur Neonazi-Szene in Baden-Württemberg und über die Arbeit der Geheimdienste - doch viele Behauptungen erscheinen schlicht abwegig.

Verfassungsschutz hat Angst um Öttinger

Die "Stuttgarter Zeitung" berichtete vor wenigen Tagen, der Geheimdienst sorge sich nun um den Ex-Quellenführer Öttinger, da der Lebensgefährte von "Krokus" nach dessen Leben trachten könnte. Dies ist dahingehend erstaunlich, dass sich die Informanten offenkundig weiterhin in Irland aufhalten - und nach eigenen Angaben auch nicht vorhaben, wieder nach Deutschland zu reisen.

Die Verwirrung im Fall "Krokus" vergrößerte sich auch deswegen noch, weil der Verfassungsschutz selbst die Informantin als "zuverlässig" eingestuft hatte. Zudem passt der Mord an der Polizistin Kiesewetter überhaupt nicht zu den anderen neun Morden des NSU: Weder Tatwaffe noch das Motiv stimmen offenkundig überein.

Der Untersuchungsausschuss hofft daher, von Quellenführer Öttinger doch noch einige belastbare Informationen aus Baden-Württemberg zu erhalten. Keine leichte Aufgabe: Trotz der zahlreichen Spuren, die vom NSU-Netzwerk in den Südwesten führen, fielen die bisherigen Zeugen des Landesverfassungsschutzes vor allem dadurch auf, dass sie über keine Detailkenntnisse verfügten - oder sich angeblich nicht erinnern konnten.

Stand: 24.06.2013 09:46 Uhr

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