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Wahlkampf der US-Strategen: Schachmatt in 40.000 Zügen

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US-Wahlen sind ein Strategiespiel. Es geht darum, die richtigen Menschen, in den richtigen Staaten zum richtigen Zeitpunkt zu kriegen. Barack Obama beherrscht diesen Stellungskrieg wie kein Zweiter. Von Nora Schmitt-Sausen, Washington


In Barack Obamas Schaltzentrale brennen dieser Tage bis tief in die Nacht die Lichter. Mitarbeiter des Demokraten stecken ihre Köpfe zusammen, klicken sich durch unzählige Datenmengen, werfen immer wieder einen Blick auf die politische Landkarte der USA. Wie entwickelt sich das "early voting" - die oft demokratisch abstimmenden Frühwähler? Wo stecken die Unentschlossenen? Wie erreichen wir sie noch? Kurz vor Ende des monatelangen Polit-Strategos setzt das Obama-Team auf Power und Effizienz.


Jeder neu gespendete Dollar wird sofort dort eingesetzt, wo er am nötigsten gebraucht wird. Für spanischsprachige TV-Werbung in Florida, für einen weiteren hauptamtlichen Wahlkampfhelfer in Ohio, für personalisierte Google-Werbung in Iowa. Bis zur allerletzten Wahlkampfminute läuft die Operation Wiederwahl.


Das Rennen wird eng. Jeder hat das gewusst. Niemand im Obama-Lager hatte sich auf einen unantastbaren Start-Ziel-Sieg des Chefs eingestellt. Dafür war Obamas Ausgangslage zu schlecht. Umso akribischer wurde das Wahljahr vorbereitet: Seit Monaten analysieren Obamas Strategen im Hauptquartier in Chicago die Politlage, füttern Datenbänke mit Wählerinformationen, werben Wahlkampfhelfer an und schmieden Pläne für die Eroberung des Schlachtfeldes USA. Vor allem im Blick: Die wichtigen Battleground-Staaten, wo der Teil der Bevölkerung sitzt, der über Sieg und Niederlage entscheidet. Bevölkerungsstruktur, Einkommensverhältnisse, Wahlneigung - wer mit Wählerdaten umzugehen weiß, hat in den USA den Schlüssel zum Sieg in der Tasche. Eine Präsidentschaftswahl ist unterm Strich nichts anderes als kühle Mathematik.


Obamas Armee marschiert seit Monaten


Obamas großer Vorteil: Schon vor anderthalb Jahren hat er seinen Truppen den Marschbefehl erteilt. Während sich Mitt Romney noch mit den Bachmanns, Gingrichs und Santorums dieser Welt rumschlagen musste, hatten die Strategen des Demokraten schon längst das Territorium für die Wahl im November abgesteckt. Und damit begonnen, ihre Ressourcen aufzubauen. Seit Frühsommer 2011 betreibt das Obama-Lager in den entscheidenden Bundesstaaten aktiven Wahlkampf.


Überall im Land hat der Präsident in diesen 18 Monaten seine Spuren hinterlassen. Allein beim Blick auf die lokalen Wahlkampfbüros vor Ort wird die Übermacht Obamas überdeutlich: 63 (Obama) zu 32 (Romney) in Virginia. 106 zu 52 in Florida. 39 zu 24 in Wisconsin. In Ohio, bei dieser Wahl von Analysten jeder Couleur als "must win"-Staat eingestuft, sind die Romney-Camps schier hoffnungslos in der Unterzahl: 137 zu 39. Kein Wunder, dass Obamas Büros wie Pilze aus dem Boden schossen. In machen Bundesstaaten nutzt er die Struktur aus dem Wahlkampf 2004. Obama hat viele Büros nach seinem Wahlsieg nie geschlossen.


Die Bodentruppen führen aus, was Chicago ausbrütet. Sie klopfen in den richtigen Vierteln an die richtigen Häuser, wählen zur richtigen Zeit die richtige Telefonnummer. Das Wahlkampfteam des Demokraten setzt "genauso viel Vertrauen in die Multimillionen-Dollar-Maschinerie, die sie für das Rennen erbaut hat wie in den Präsidenten selbst", schreibt die "New York Times".


Romney hechelt hinterher

Sicher, auch Romney mischt an der Basis mit. Häuserwahlkampf, Telefonaktionen, Wahlpartys. All das gibt es auch auf republikanischer Seite. Kurz vor Schluss brüsten sich die Konservativen mit ihren Erfolgen. Ende Oktober verkündete das Romney-Lager allein für Ohio die Zahl von mehr als 2.000.000 direkten Wählerkontakten an der Haustür, welches "die wertvollsten Interaktionen in der amerikanischen Politik" seien. Dank dieses "Grassroots-Wahlkampfs", der den Menschen den Eindruck vermitteln soll, unmittelbar an der Politik teilzunehmen, wurde Barack Obama 2008 zum Präsidenten gewählt. Seitdem kann und will kein Kandidat mehr auf die Basisarbeit verzichten.


Doch Romney war von Beginn an klar, dass er nach dem langen, teuren Vorwahlkampf nicht in der Lage sein wird, Obamas perfektionierter Kampagne das Wasser abzugraben. Er musste andere Wege gehen. Und so ist seine grundsätzliche Strategie eine andere als die des ehemaligen Sozialarbeiters Obama, der schon als junger Mann in Chicagos Schwarzenvierteln für Bill Clinton von Haustür zu Haustür wanderte. Der Republikaner kämpft klassisch: Er konzentriert sich mit seinen Millionen auf den Fernsehwahlkampf und sorgt für eine politische Dauerberieselung in Amerikas Wohnzimmern.


Romneys Problem: Es ist wohl das "Ground Game", der Kampf an der Basis, der diese enge Wahl entscheiden wird. Die Wählermobilisierung, die intensive Überzeugungsarbeit, auf die kommt es an, wenn so wenige Stimmen in einem durch und durch aufgeputschten Land überhaupt noch zu holen sind.


Analysten greifen zum Rechenschieber


Schon seit Monaten begleiten Analysten den Wahlkampf mit ihren Rechenschiebern und malen in blau (Demokraten) und rot (Republikaner) die verschiedenen Szenarien der Wahlnacht aus. Die "New York Times" berichtet, dass sie in den finalen Tagen vor dem Wahltag bis zu 40.000 verschiedene Simulationen durchspielt. Täglich. Obama gewinnt Ohio, Virginia und Florida. Romney Wisconsin, Iowa, Colorado. Oder: Obama gewinnt Ohio, Iowa und Colorado. Romney Wisconsin, Virginia und Florida. Und so weiter und so weiter.


Wie auch immer die Kombination ausfällt: Meistens sehen die Rechenschieber Obama vorn.

Keine Frage: Romneys Momentum nach Obamas Totalausfall in der ersten TV-Debatte hat dem Wahlkampf eine neue Dynamik verpasst. Der "moderate Mitt" kommt bei den Wählern an. Doch bislang konnte das viel beschriebene Romney-Momentum der "Firewall", die Obama um Obamaland aufgebaut hat, nichts anhaben. Man muss wissen: Die landesweiten Umfragen und die Situation in den Battelground-Staaten sind immer zwei verschiedene Geschichten. Denn das Wahlsystem erlaubt es, dass ein Kandidat zwar die Mehrheit der Stimmen bekommt, aber trotzdem nicht Präsident wird, weil er die "falschen" Bundesstaaten verloren hat. Das erging zuletzt Al Gore im Jahr 2000 so.


Und dann natürlich noch "Sandy": Nicht einmal eine Woche vor der Wahl kam der Hurrikan und ermöglichte es dem Präsidenten sich als hervorragender Katastrophenmanager zu profilieren.


Der Washingtoner-Insiderdienst "Politico" zitiert einen namenlosen "Top-Analysten Obamas" mit den Worten: "Wir haben uns die ganze Zeit auf ein sehr schmales Territorium konzentriert. Wir haben die Landkarte immer auf unserer Seite gehabt. Wir werden gewinnen." Bewahrheitet sich diese Aussage, heißt es am 6. November: game over, Romney.

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