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Giga-Klinik: Die Folgen für die Region sind nicht absehbar

Untersuchungsraum im neuen Rhön-Klinikum-Campus in Bad Neustadt.

Vollversorgung, digitale Vernetzung und Spitzenmedizin: Auf dem neuen Rhön-Klinikum-Campus soll der Patient im Fokus stehen. Doch welche Interessen verfolgt der Konzern?

 

Für die Rhön-Klinikum AG (Rhön) ist der am Donnerstag in Bad Neustadt eröffnete Campus ein medizinischer Meilenstein. Vor einigen Wochen hat der Vorstandsvorsitzende Stephan Holzinger im Interview mit dieser Redaktion erklärt, wie er das Gesundheitswesen umkrempeln will. In der Ärzteschaft stießen seine durchaus provokanten Aussagen auf Kritik.

Holzinger erwecke den Eindruck, "dass kleinere Krankenhäuser kaum zukunftsfähig sind", kritisiert etwa Rainer Schamberger, Chefarzt am Klinikum Main-Spessart in Lohr. Zwar sei der geplante Campus ein "absoluter Leuchtturm", doch in der Fläche brauche es weiterhin "Fachärzte und Kliniken, die schnell reagieren können, um Leben zu retten". Für spezialisierte Eingriffe gebe es jetzt schon entsprechende Kooperationsverträge – beispielsweise mit dem Rhön-Klinikum oder dem Würzburger Uniklinikum. "Und da arbeiten wir Ärzte schon tagtäglich auf Augenhöhe!".

Der Ärztlicher Direktor der Uniklinik Würzburg, Georg Ertl, plädiert im ländlichen Raum für flächendeckende Versorgungsnetzwerke, in die auch kleinere Krankenhäuser und selbstständige Praxen mit eingebunden sind. Eine Konkurrenz durch die Rhön-Klinikum AG, die hier einen anderen Weg gehen will, fürchtet er nicht. Im Gegenteil: "Unsere Forschung erlaubt uns immer an der Spitze der Medizin zu bleiben", betont Ertl.

Auch Experten schätzen, dass der Campus eine enorme Sogwirkung verursachen werde - zu Lasten der ärztlichen Versorgung in der Fläche, befürchten Kritiker. Bad Neustadt werde zum medizinischen Dreh- und Angelpunkt der Region - größter Profiteur: Die Rhön-Klinikum AG.

Zentralisierung im Interesse des Patienten?

Seit Jahren wird in Fachkreisen diskutiert, ob eine solche Zentralisierung den Patienteninteressen dient. Doch um die "langfristigen Effekte sauber nachzuweisen", fehle es laut Andreas Schmid an Datenmaterial. Der Bayreuther Gesundheitsökonom warnt jedoch, dass der Campus in Bad Neustadt das Potential habe, die Region "zu dominieren und die derzeitigen Wettbewerbsverhältnisse massiv zu beeinflussen".

Rhön betont dagegen fortwährend, dass es um die "bestmögliche Behandlung des Patienten" und nicht die "Interessen aller anderen Akteure" gehe. Der Tenor in der Führungsetage: die "Patientenperspektive". Welche finanziellen Interessen mit dem Campus in Bad Neustadt verbunden sind, darüber spricht der Konzern nicht so offen.

In einem Statement kritisiert der Vorstand der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern, dass mit dem Campus-Konzept "Krankenhäuser noch weiter in die ambulante Leistungserbringung vordringen". Dies gefährde den medizinischen Grundsatz "ambulant vor stationär" und berge die Gefahr, dass "Gewinnerzielung zum Maßstab ärztlichen Handelns wird."

Enge Anbindung ist Kritikern ein Dorn im Auge

Auch Christian Potrawa, Vorsitzender des Ärztlichen Bezirksverbandes Unterfranken, bereiten die Rhön-Pläne Bauchschmerzen. "Der Campus sendet die falschen Signale aus. Eigentlich sollen die jungen Kollegen doch aufs Land." Besonders die enge Anbindung von Fachärzten an die Klinikstrukturen in Bad Neustadt ist Kritikern ein Dorn im Auge. Allein durch die kurzen Wege und das zentrale Campusmanagement entstünde eine womöglich problematische Nähe zu Gunsten der Rhön-Klinikum AG, kritisiert Potrawa.

 Insgesamt rechnet Rhön jährlich mit bis zu 400000 zusätzlichen ambulanten Kontakten - und entsprechend mehr Zuweisungen durch die Fachärzte - am Campus. Gegenüber dieser Redaktion räumt der Konzern ein, dass man die neue Verteilung der Patientenströme unternehmerisch zu nutzen wissen. Dabei bietet das Vergütungssystem starke Anreize für eine stationäre Behandlung. Rhön betont, dass ein Teil der Fachärzte auf dem Campus ihre Eigenständigkeit behalten und man kooperativ mit ihnen zusammenarbeiten werde.

Von Kommerzialisierung und Gewinnmaximierung will Stephan Holzinger nichts hören. "Einsparungen und bestmögliche Patientenversorgung sind kein Widerspruch. Im Gegenteil: Das ist sogar gesetzlich vorgeschrieben", sagt er. Das Ziel sei nicht, auch noch die letzte Putzfrau zu entlassen, stattdessen will Rhön die Campus-Idee auf weitere ländliche Regionen übertragen. Das sei laut Holzinger das "unternehmerische Element".

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