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Streit um das Nilwasser

Der ägyptische Militärsprecher wollte womöglich nur beschwichtigen. Doch klang es eher wie eine Drohung, als Oberst Ahmed Mohammed Ali jüngst im Staatsfernsehen betonte, dass der Konflikt zwischen Ägypten und Äthiopien „noch“ kein militärischer sei. Zwischen beiden Ländern ist ein alter Streit neu entbrannt: Es geht um den Nil und sein Wasser. Der Fluss gilt seit der Pharaonenzeit als „Geschenk Gottes“ an Ägypten. Ohne den Strom wäre in der dortigen Wüste niemals eine Hochkultur entstanden. Noch heute ist der Nil die Lebensader des Landes.

Doch auch Äthiopien – wo der größte Teil des Wassers entspringt – will den Fluss nutzen und plant schon seit Jahren einen riesigen Staudamm. Der 3,2 Milliarden Euro teure Renaissance-Damm liegt am Blauen Nil an der Grenze zum Sudan und soll nach Bauende 6000 Megawatt Strom erzeugen. Ende Mai hat das ostafrikanische Land damit begonnen, den Flusslauf um mehrere Hundert Meter zu verlegen – eine Maßnahme, die Kairo nicht nur erzürnt, sondern in regelrechte Panik versetzt. Denn es geht um die künftige Wasserversorgung.

Ägypten ist zu 98 Prozent von dem Fluss abhängig. Und Wasser wird in dem bevölkerungsreichsten arabischen Land immer knapper. 1990 lebten rund 53 Millionen Menschen in Ägypten, heute sind es mehr als 80 Millionen. Der verschwenderische Umgang mit dem kostbaren Nass - etwa in der Landwirtschaft - lässt den Bedarf weiter steigen.

Ägypten wacht deshalb mit Argusaugen über den Blauen Nil, der im Tana-See in Nordäthiopien seine Quelle hat und zu 80 Prozent Wasser zum gesamten Fluss beisteuert. Im Sudan vereint sich der Strom mit dem Weißen Nil, der im Victoriasee in Uganda entspringt, aber weniger Wasser trägt. Kairos Angst ums Wasser ist nun in den Mittelpunkt der ägyptischen Politik gerückt. Sie veranlasste Präsident Mohammed Mursi zu der Aussage, dass sein Land „keinen einzigen Tropfen Nilwasser“ verlieren wolle und „alle Optionen offen“ seien.

Äthiopien reagierte darauf vergrätzt. Das Außenministerium sprach von „unkonstruktiver Propaganda“ und „leerer und gewaltsamer Rhetorik“. Die „provokativen Äußerungen“ aus Kairo seien ein Angriff sowohl auf das nationale Interesse Äthiopiens als auch auf den Versuch der Einwohner, ihrer Armut zu entfliehen. Am Sonntag sollte der ägyptische Außenminister Mohammed Amr nach Addis Abeba reisen, um die Wogen zu glätten.

Aber auch die anderen Nil-Anrainerstaaten sind schon lange wütend auf die Position Ägyptens, weshalb Äthiopien bei seinem Staudammprojekt auch Unterstützung erhält - zum Beispiel aus Uganda. Kairo hält verbissen an einem Dokument aus dem Jahr 1929 fest. Damals herrschte noch Kolonialzeit. Es sieht vor, dass Ägypten und dem Sudan mehr als 80 Prozent Wasser aus dem Fluss zustehen, der durch insgesamt elf Länder fließt. Beide Länder haben auch ein Vetorecht, wenn es um Projekte geht, die den Lauf des Flusses beeinträchtigen oder verändern könnten.

Das wollen andere Anrainer ändern. Das äthiopische Parlament beschloss nun die Ratifizierung eines Vertrages, der das alte Abkommen ersetzen soll. Demnach würde künftig ein gemeinsames Gremium der betroffenen Länder über die Nutzung des Nilwassers entscheiden. Doch Ägypten beharrt auf seiner Vormachtstellung.

Langfristig wird Kairo wohl auf die äthiopische Regierung zugehen müssen. Die Möglichkeiten der ägyptischen Armee sehen Militärexperten jedenfalls als „limitiert“ an. Die US-Denkfabrik Stratfor merkte an, dass allein die Entfernung des Staudamms ein Haupthindernis darstelle. Da Ägypten über keine Möglichkeiten verfüge, seine Militärflugzeuge in der Luft aufzutanken, sei das Hassobjekt wohl mit Luftangriffen nicht zu zerstören.

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