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Organspende: Ein Verlust von 1000 Lebensjahren

S. wartet auf eine Spenderniere - seit acht Jahren. Die Nieren der 41-jährigen aus Frankfurt (Oder) sind durch Zysten irreparabel beschädigt. Die einzige Heilungsmöglichkeit: eine Organtransplantation. Bis es soweit ist, ist S. auf die Dialyse angewiesen.


Jede Nacht schließt sich S. an einen sogenannten "Cycler" an. Das Gerät von der Größe eines Druckers unterstützt ihren Körper beim Reinigungsprozess. "Ohne dieses Gerät könnte ich nicht leben", sagt S. Sie lebt - aber mit Einschränkungen. Abends kann S. nicht ausgehen, weil sie an die Dialyse muss. Fluggesellschaften lehnen es ab, ihr Gerät zu transportieren, weshalb sie vor allem in Deutschland Urlaub macht.


Eine Organspende würde alles verändern: "Ich würde dann einfach wieder ein ganz normales Leben führen können", sagt S. Allerdings ist eine Lebendspende im Familienkreis riskant. S.' Schwester wäre dazu bereit - aber was, wenn sie eines Tages ebenfalls Zystennieren bekommt? Die Alternative: die Niere eines Verstorbenen. Doch postmortale Spenderorgane sind rar.


Jeden dritten Tag stirbt ein Patient, der wartet


Weil in Deutschland nicht genügend Spenderorgane zur Verfügung stehen, warten viele Menschen vergeblich - und sterben. Rund an jedem dritten Tag ist im vergangenen Jahr ein Patient gestorben, weil es nicht rechtzeitig eine passende Niere, Leber, Lunge oder ein Herz gab. Während in Deutschland 10.000 Menschen auf ein Spenderorgan warten, sinkt die Zahl der postmortalen Organspender. 2017 lag sie deutschlandweit bei 797. Laut der Deutschen Stiftung für Organtransplantation (DSO) ist das der niedrigste Stand seit 20 Jahren.


Im gesamten Bundesland Brandenburg gab es im Jahr 2017 lediglich 18 postmortale Organspender. Im Jahr zuvor waren es noch 35. Dr. med. Detlef Bösebeck, Geschäftsführender Arzt der Region Nord-Ost der DSO, sagt dazu: "Das ist ein Verlust von 1.000 Lebensjahren: Weil jeder Spender im Schnitt drei Organe spendet, die etwa 50 Jahre halten."


Gründe für die niedrigen Zahlen


Als Grund für niedrige Spenderzahlen wird vielfach die Bereitschaft der Patienten gesehen. In diesem Kontext wird auch oft der Spendenskandal von 2012 genannt, der viel Vertrauen gekostet haben soll. Laut DSO-Mann Bösebeck spielt der Skandal aber keine Rolle mehr: Die Spendenbereitschaft sei hoch, insbesondere in Ostdeutschland: "Wir erleben in Brandenburg, und auch in den anderen neuen Bundesländern, eine höhere Bereitschaft zur Organspende als in den alten Bundesländern. Weil das Verständnis der Mitbürger für Leid und Krankheit groß ist und der Gedanke der Organspende auch an die Solidarität appelliert", sagt Bösebeck.


Vielmehr seien mangelhafte Krankenhausstrukturen der Grund. Natürlich gebe es von Jahr zu Jahr Schwankungen bei den Organspenderzahlen in den einzelnen Krankenhäusern, das sei normal. Trotzdem müsse man fragen: "Sind die Krankenhäuser auf die Organspende unterschiedlich gut vorbereitet? Gibt es genügend Zeit für Gespräche mit den Angehörigen? Gibt es genügend fachlich qualifiziertes Personal, das in der Lage ist, sich auch noch um die Organspende zu kümmern neben der allgemeinen Patientenversorgung?"


Ein weiteres Problem sieht Bösebeck im sogenannten Bettendruck. Dabei gehe es weniger um finanzielle Aspekte als vielmehr um den Wegfall von Kapazitäten: "Wenn ein Organspender 48 Stunden lang die Intensivstation blockiert, und ich da in der Zwischenzeit drei operierte Hüften unterbringen könnte, dann ist natürlich der Druck vonseiten der operierenden Abteilung, die ja ein Intensivbett braucht, enorm", sagt Bösebeck. "Dann hat es natürlich der Leiter der Intensivstation schwer zu sagen: Na hier liegt aber ein Toter und wir brauchen noch ein bisschen Zeit, bis wir die Organentnahme gemacht haben."


"Gespräche am Lebensende sind ganz wichtig"


Eine Voraussetzung der Organspende ist der diagnostizierte Hirntod. Dieser kann infolge schwerer Hirnverletzungen eintreten, die in neurochirurgischen Zentren behandelt werden. Daher ist die Wahrscheinlichkeit für potenzielle Organspender hier am höchsten. In Brandenburg gibt es sieben Kliniken mit einer Neurochirurgie. Darunter sind auch das Carl-Thiem-Krankenhaus in Cottbus und das Klinikum Frankfurt (Oder). Beide konnten im vergangenen Jahr keinen einzigen Organspender realisieren.


Das Klinikum Frankfurt (Oder) will sich lediglich schriftlich äußern. Grund für die niedrigen Spenderzahlen sei die mangelnde Bereitschaft der Patienten zur Organspende. In Cottbus ist man gesprächiger: "Den sogenannten Bettendruck haben wir sicherlich hin und wieder auch", sagt Jens Soukup, Chefarzt und Transplantationsbeauftragter. Bei Entscheidungen ließe man sich aber weder durch Zeit noch durch Kosten beeinflussen. Soukup betont, seine Mitarbeiter seien ausreichend geschult und es gebe auch genügend Zeit für Gespräche: "Gerade auch wenn es um Gespräche am Lebensende geht. Das sind ganz, ganz wichtige Gespräche, unabhängig von Organspende oder nicht", sagt Soukup.


Patientenverfügungen als Hinderungsgrund


Soukup sieht einen anderen Grund für die gesunkenen Spenderzahlen: die Patientenverfügungen. "Sie nehmen zu einem überwiegenden Teil gar nicht Bezug auf eine Organspende", erklärt Soukup. "Und die Angehörigen wollen dann, gerade wenn Aussichtslosigkeit besteht, und genau die Dinge zutreffen, die auch der Patient verfügt hat, dass das auch umgesetzt wird. Und da ist es dann sehr schwierig, zumindest für uns, auch in den Gesprächen, diese in Richtung Organspende zu bringen."


Um das zu verstehen, muss man sich die typische Situation im Vorfeld einer Organspende vergegenwärtigen. Ein Beispiel: Nach einem Unfall mit Kopfverletzung kommt der Patient im Krankenhaus auf die Intensivstation. Er leidet unter einer schweren Hirnblutung, ist nicht ansprechbar. Die Prognose der Ärzte ist "infaust": Das bedeutet, dass der Patient aufgrund seiner Verletzungen keine nennenswerten Heilungschancen hat.


Zwei Szenarien bei infauster Prognose


Entweder wird dann eine sogenannte Therapielimitierung eingeleitet. Das bedeutet, dass die Behandlung eingestellt wird. Es werden insbesondere keine Medikamente mehr gegeben, von Schmerzmitteln abgesehen. In der Regel verstirbt der Patient dann an Kreislaufversagen. Die andere Möglichkeit ist eine Fortführung der Behandlung.


Aber warum sollte diese erfolgen, wenn der Patient aufgrund der infausten Prognose ohnehin keine Heilungschancen mehr hat? Einerseits, weil der Patient ja noch immer lebt - wenn auch ohne nennenswerte Heilungschancen. Und andererseits, weil mit Blick auf einen möglichen Hirntod eine Organspende infrage kommen könnte.


Patientenverfügungen ohne Bezug zur Organspende


Grundlage für die Entscheidung zwischen Therapielimitierung und Fortführung der Behandlung ist der Patientenwille. Dieser geht im Idealfall aus einer Patientenverfügung samt Organspendeausweis hervor. Aber ein Organspendeausweis ist meist nicht vorhanden. Und die Patientenverfügung enthält oft keinen Hinweis auf den Spenderwillen. Dann müssen die Angehörigen entscheiden.


Doch im privaten Umfeld wird kaum über Organspende gesprochen, etwaige Sonderwünsche des Patienten sind selten bekannt. Wenn eine Patientenverfügung keinen Spielraum lässt, fordern die Angehörigen oft einen Abbruch der Behandlung, sobald keine Aussicht mehr auf Heilung besteht. Die Folge dieser Entscheidung ist, dass es entweder gar nicht zum Hirntod kommt - oder dieser nicht mehr festgestellt werden kann, weil die Hirntoddiagnostik ebenfalls abgebrochen werden muss. Dann fällt der Patient als potenzieller Organspender weg.


Große Unterschiede bei Spenderzahlen der Kliniken


Wenn aber die Patientenverfügungen so relevant sind - warum ist dann ein anderes Krankenhaus in Brandenburg besonders erfolgreich, was die Organspenderzahlen angeht? Am Ernst-von-Bergmann-Klinikum in Potsdam waren es im Jahr 2017 insgesamt acht Organspender - beinahe die Hälfte aller Organspender in ganz Brandenburg. Dirk Pappert ist hier Transplantationsbeauftragter und Chefarzt für Anästhesie. Die Einstellung der Führungskräfte sei entscheidend, sagt er - "bei den operativen Kollegen angefangen bis hin zur Geschäftsleitung, dass sie die Organspende unterstützen." Grundsätzlich halte er es für eine "Frage des ärztlichen Engagements, da das Maximale rauszuholen".


Eine Frage des Engagements scheint häufig auch eine Frage der Zeit zu sein. In vielen Gesprächen mit anderen Brandenburger Transplantationsbeauftragten kristallisiert sich heraus, dass Zeitdruck eine große Rolle spielt. "Wir arbeiten alle am Anschlag", sagt einer und meint damit das System im Allgemeinen. "Da läuft vieles in die falsche Richtung". Ein anderer: "Die Zeittaktung ist eng. Es muss immer und immer mehr gemacht werden." Zugleich werden die Akteure nie müde zu betonen, dass im eigenen Haus alles in Ordnung sei und der Bettendruck für die Organspende keine Rolle spiele.


Es kommt auf die Gespräche an


Zwar betonen die Transplantationsbeauftragten, dass die Gründe für die niedrigen Organspendezahlen "multifaktoriell" seien - ein Ärztewort für " kompliziert": Die Therapien seien besser geworden, mehr Menschen würden geheilt. Zudem gebe es schlichtweg weniger einschlägige Patienten, da durch die bessere Sicherheitstechnik in Autos weniger schlimme Unfälle passierten. Auch würden die Patienten immer älter, so dass ihre Organe nicht mehr verwendet werden könnten.


Aber eines wird deutlich: Die Kommunikation ist entscheidend. Das ärztliche Gespräch mit denjenigen, die im Zweifel über die Organspende entscheiden: den Angehörigen. Wenn diese mit einer Patientenverfügung kommen, die nicht auf Organspende Bezug nimmt, kann der behandelnde Arzt großen beratenden Einfluss nehmen. Für solche Gespräche braucht es aber vor allem eines: Zeit. Und die ist nicht immer vorhanden.


Vorschlag: "Wer spendet, kriegt die Beerdigung umsonst"


Dass die Zahl der Organspender erschreckend niedrig ist, ist eine Einsicht, die sowohl die Deutsche Stiftung Organtransplantation als auch die Transplantationsbeauftragten teilen. Um Abhilfe zu schaffen, liebäugelt man bei der DSO mit einer Zentralisierung der Organspendepraxis. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt: Die DSO war vor einigen Jahren noch wesentlich stärker in den eigentlichen Transplantationsprozess involviert. Nach dem Organspendeskandal 2012 um manipulierte Krankenakten wurde ihre Rolle umgewandelt in die einer Beraterin und Organisatorin, während den einzelnen Krankenhäusern nun mehr Aufgaben auf der operativen Ebene zukommen.


Ein weiterer Verbesserungsansatz ist die konsequente Freistellung der Transplantationsbeauftragten von ihren sonstigen ärztlichen Pflichten. Bayern hat hier strenge Regeln erlassen - und verzeichnete vergangenes Jahr wesentlich höhere Organspenderzahlen (143)als etwa Brandenburg. Auch von den Transplantationsbeauftragten selbst kommen Vorschläge. Da wird zum Beispiel die Perspektive künstlicher Organe eröffnet: Sind Organspenden vielleicht ein Auslaufmodell? Ein Transplantationsbeauftragter schlägt - mit einem Augenzwinkern - vor: "Jeder, der ein Organ spendet, der kriegt die Beerdigung umsonst."


Und dann ist da noch die oft geforderte Einführung der sogenannten Widerspruchslösung. In Deutschland können Organe nur entnommen werden, wenn eine Zustimmung des Patienten vorliegt - und sei es durch einen Angehörigen, der den Patientenwillen kennt. Etwa in Spanien ist es umgekehrt: Organe werden dort grundsätzlich entnommen, es sei denn, der Entnahme wurde widersprochen. Die Spenderzahlen sind fünfmal so hoch wie in Deutschland.


auf rbb|24 am 18. Februar 2018


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