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Verkackt! Warum es kein Leben ohne Scheitern gibt

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© Getty Images / Kevin Winter

Auf FuckUp Nights berichten Menschen von ihren Niederlagen.

Von Maria Ugoljew

Donnerstagabend in Berlin. Vor der Mexikanischen Botschaft unweit des Tiergartens warten Frauen und Männer darauf, in das Diplomaten-Haus hineingelassen zu werden. Sie wollen zur FuckUp Night, um die Geschichten von Gescheiterten zu hören.

Irgendwann geht die schwere Eisentür auf. "Es kann losgehen!", ruft eine junge Frau durchs Mikro.

In den nächsten zwei Stunden werden vier Menschen die kleine Bühne im Foyer betreten, um darüber zu sprechen, was sie wie verkackt haben im Leben.

Lektion 1: FuckUp ist nicht gleich FuckUp

Die Gründe, warum sich jemand als gescheitert ansieht, sind vielseitig. Es muss nicht immer das Unternehmen sein, dass man gegen die Wand gefahren hat. Der Verlust von Geld ist bei den Berliner FuckUppern jedenfalls nebensächlich an diesem Abend. Es geht vielmehr um persönliche Niederlagen und falsche Entscheidungen.

Maribel Quiroga hat auf ihre Ehe nicht geachtet, sie ist nun geschieden. Sandra Schmidt hat sich mit ihrer Event-Agentur ins Krankenbett gearbeitet. Rodolfo Andreu hat immer wieder das gemacht, was sein Vater wollte. Jan Aine hat seine Lebensenergie in ein IT-Unternehmen gesteckt, dass seine Arbeit nicht wertschätzte.
Das Konzept

Seit zwei Jahren gibt es die Veranstaltungsreihe in Berlin. Die Idee, übers Scheitern zu reden, kommt gut an. Nicht nur in Deutschland - sondern in der ganzen Welt. Entwickelt wurde das "Franchise"-Konzept 2012 von jungen Unternehmern aus Mexiko, die es satt hatten, nur über Erfolge zu sprechen.

Lektion 2: Schlechte Erfahrungen - her damit!

Die 37-jährige Maribel Quiroga blickt nicht nur auf eine gescheiterte Ehe zurück. Sie hat auch mehrfach von einem Beruf geträumt: Erst wollte sie Lehrerin werden. Dann wurde sie Nonne. Und dann dachte sie sich, warum nicht Ärztin werden, wie in der TV-Serie Dr. House. Die sei so inspirierend gewesen. Doch stattdessen wählte sie das Studienfach Internationale Beziehungen, um am Ende zu der Schlussfolgerung zu kommen: "Ich hätte von Anfang an einfach Jura oder BWL studieren sollen."

Sie bereut ihren Zick-Zack-Kurs aber nicht. Maribel Quiroga ist mittlerweile zweifache Mutter; sie geht als Generaldirektorin des mexikanischen Brauereiverbandes einem verantwortungsvollen Job nach. Ihr großer Wunsch: ein zweites Mal heiraten.

Lektion 3: Aussteigen und etwas anderes machen

Jan Aine, Jahrgang 1972, hat 16 Jahre lang in ein und demselben IT-Unternehmen gearbeitet. Als er dort angefangen habe, seien sie zu fünft gewesen. "Heute sind es 500." Über die Jahre habe er sich reingehängt: eine Abteilung auf- und ausgebaut, Projekte durchgeboxt, alles gemacht, damit das Unternehmen gut dasteht.

Am Ende war sein Engagement allerdings nicht mehr gefragt. Seine Abteilung ist im vergangenen Jahr outgesourct worden, nachdem ein US-amerikanischer Investor die Firma aufgekauft hatte. Die Kündigung kam. "Ein scheiß Gefühl."

Doch anstatt zu verzweifeln, machte er das, was er schon immer wollte: Kunst. Bereits als Abiturient habe er sich an diversen Kunsthochschulen beworben. "Aber es kamen nur Absagen." Heute steht er täglich in seinem Atelier in Berlin und betreut IT-Projekte als Freiberufler.

Lektion 4: Auf den Körper hören, sonst geht es schief

Dass man von der Arbeit im wahrsten Sinne des Wortes umfallen kann, erlebte die Berlinerin Sandra Schmidt. Nach ihrem BWL-Studium gründete sie mit ihrer besten Freundin in den Nullerjahren eine Event-Agentur. Ihre Eltern hätten damals zu ihr gesagt: "Na, wenn du unbedingt meinst, dann mach' das." Ihre Geschäftsidee lief mehr schlecht als recht, aber es reichte zum Leben.

Nach gut drei Jahren stieg allerdings ihre beste Freundin aus. "Das hat mir den Boden unter den Füßen weggerissen." Trotzdem machte sie weiter, nun im Alleingang. Sie arbeitete Tag und Nacht, später auch im Liegen, denn der Rücken tat ihr weh. Eine Pause war trotzdem nicht drin. Bis sie eines Tages mit einem schweren Bandscheibenvorfall in die Notaufnahme eingeliefert werden musste. "Ich lag danach drei Wochen lang da, weil nichts mehr ging."

Ihr "Baby" hat sie nach dieser bitteren Erfahrung aufgegeben. "Heute bin ich wieder selbstständig. Aber ich gehe die Sache anders an - ich höre auf mein Bauchgefühl."

Lektion 5: Nicht immer auf den Papa hören

Rodolfo Andreu aus Mexiko-Stadt ist lange Zeit an seinem Vater gescheitert. Der Sohn sollte erst studieren und dann ins Familienunternehmen einsteigen. Das war der Plan. Was sich Rodolfo von seinem Leben wünschte, war unwichtig.

Rodolfo wollte Pilot werden. Sein Vater sagte: "Nein."

Rodolfo wollte bei einer Flugschule arbeiten, was er für kurze Zeit auch heimlich tat. Als sein Vater davon erfuhr, hieß es: "Damit hörst du sofort auf. Konzentriere dich auf dein Studium!"

Rodolfo jobbte im Familienunternehmen. Sein Vater kündigte ihm. "Mach dein Studium zu Ende!"

Rodolfo machte sein Studium zu Ende - und fing, wie vom Vater geplant, im Familienunternehmen an, zu arbeiten. "Ich war der Schatten des Managers."

Auf der FuckUp Night-Bühne erzählt er seine Geschichte mit einem Lächeln im Gesicht. Denn er hat sich gegen seinen Vater durchgesetzt. Zwar ist er kein Pilot geworden, dafür aber ein international erfolgreicher Braumeister. "Mein Vater ist heute stolz auf mich."


(VÖ 21.9.2016, www.bento.de)
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