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​David zieht sich auf der Bühne für Frauen aus. Ein Privileg, sagt er

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© Maria Ugoljew

Wir haben ihn im Berliner Menstrip-Theater "SixxPaxx" besucht
Von Maria Ugoljew

"One, two, three, four, five, six, seven, eight!" David Joachimstaler sitzt in einem Samtsessel und schaut seinen Kollegen beim Tanzen zu, oberkörperfrei stehen sie bei gedimmtem Licht auf der Bühne und üben eine neue Choreografie. HipHop dröhnt aus einem CD-Player. "Noch mal von vorn", ruft der 28-Jährige, "und ich mach' dieses Mal mit."

Sie alle arbeiten im Menstrip-Theater "SixxPaxx" in Berlin, einem Stripclub für Frauen. Seit acht Jahren schon zieht sich David auf der Bühne aus.

"Ich habe mit dem Strippen in Europas bekanntestem Table Dance-Laden angefangen, dem Dollhouse in Hamburg. Dort habe ich damit begonnen, aufzufressen, was die anderen machen. Denn jeder hat seinen eigenen Style."

Zu Beginn pendelte David noch von seiner Heimatstadt Stralsund regelmäßig nach Hamburg. Dort arbeitete er unter der Woche bei den Stadtwerken, er ist gelernter Energieelektroniker. Am Wochenende ließ er auf der Reeperbahn die Hüften kreisen. Irgendwann schmiss er die Festanstellung - und lebte nur noch auf dem Kiez.

"Nackt gemacht habe ich mich nie. Ich bin auch nicht käuflich. Ich mache das, worauf ich Bock habe."

Einer älteren, wohlhabenderen Dame habe er im Dollhouse einmal einen Korb gegeben. "Die wollte, dass ich noch mit ihr nach Hause gehe. Nein, habe ich gesagt, so etwas mache ich nicht."

Irgendwann habe ihm das Leben auf der Reeperbahn nicht mehr gefallen. "Die Arbeit war cool, aber ich bin abgestumpft. Also bin ich zu meiner damaligen Freundin nach Berlin gezogen." Dort strippte er weiter: Er landete bei einer Agentur, wurde regelmäßig für Veranstaltungen gebucht, ob für Privatfeiern oder in Diskotheken.

"Dann habe ich Basti kennengelernt. Der ist absolut kein Dummer. Wir haben uns gedacht, halt mal, wir brauchen doch gar keine Agentur!" Sie gründeten ihre eigene: die Berlin Dreamboys.

Heute betreiben sie neben der Agentur das Menstrip-Theater "SixxPaxx" am Platz der Luftbrücke. "Da gibt es nichts Vergleichbares", ist David überzeugt. Die amerikanischen Chippendales gefallen ihm nicht.

Inzwischen stehen von Donnerstag bis Samstag etwa 120 Frauen jeden Alters am "SixxPaxx" Schlange. Die einen wollen ihren Geburtstag feiern, die anderen ihren Junggesellinnenabschied. "Einmal kam ein Mädel raus und meinte zu mir, 'Ich bin im siebten Himmel'. Andere schreiben uns E-Mails, um sich bei uns zu bedanken. Es ist cool, wie es ist. Und es macht einfach Spaß."

Auch seine Mutter habe sich die Show bereits angeguckt, zwei-, dreimal schon. "Sie verfolgt jeden unserer Schritte auf Facebook und fragt mich immer 'Wer ist der Neue? Was kann der? Und woher kommt er?' Ich habe eine ganz tolle Familie. Mein Vater hat uns eine Woche lang beim Renovieren des Theaters geholfen."

Die Show muss geil sein, nicht nur okay.

Pink dominiert im Theater, rot wäre zu puffmäßig gewesen, findet David. Bevor er heute ins Theater fährt, trifft er sich mit Roberto im Büro im Osten der Stadt, der Partybezirk Friedrichshain liegt um die Ecke. An den Wänden hängen Poster der Stripper und ihr aktueller Männerkalender.

Ein Kollege denkt laut darüber nach, wie sich das neueste Produkt aus dem Hause "SixxPaxx" vermarkten ließe: Nahrungsergänzungsmittel für fitnessbegeisterte Frauen. David schneidet währenddessen die Musik für eine neue Showeinlage, nebenbei isst er zu Mittag: Hähnchenfleisch mit Salat.

Was er heute noch nicht geschafft hat: sein Fitnessstudio zu besuchen.

"Ich gehe da etwa fünfmal die Woche für 30 bis 45 Minuten hin. Andere trainieren zwei Stunden pro Tag. Wichtig ist, dass man sich am Ende auf der Bühne wohlfühlt und sein Shirt gern zerreißt. Aber wir spornen uns auch gegenseitig an. Wir sind zehn Jungs, da will keiner der Dicke sein."

Er sei immer noch vor jedem Auftritt aufgeregt, sagt David, trotz seiner langjährigen Stripper-Erfahrung. Denn er legt große Ansprüche an sich und seine Kollegen. "Ich finde, es ist ein Privileg, dass Leute 30, 40, 50 Euro für einen ausgeben. Dann muss die Show geil sein, nicht nur okay."

Es ist Freitagabend. In der Umkleidekabine des Theaters wird Shisha geraucht, auf dem Gang steht eine für alle. David geht mit einem der Männer noch einmal einen Tanzschritt durch. Es wird gelacht, laut geredet, ein elektrischer Rasierer summt. Körperöl steht auf den Schminktischen. Überall verteilt liegen die Kostüme für die Show - darunter der Military- und Bay-Watch-Look sowie der Bauarbeiter-Dress.

Der Saal ist heute ausverkauft. Die Zuschauerinnen werden von oberkörperfreien Kellnern an ihre Plätze begleitet, laute Musik wummert. Dann geht der Vorhang auf und David aka David Farell begrüßt in einem Smoking das Publikum. "Habt ihr Lust auf ein bisschen nackte Männerhaut?" Die Frauen kreischen.

90 Minuten später wird er von der Bühne gehen und zufrieden sagen: "War eine gute Show." Doch der Abend ist damit noch nicht zu Ende. In der theatereigenen Table Dance-Bar "Wildhouse" wird weiter gefeiert - und gestrippt. For Girls only.


(VÖ 13.9.2016, www.bento.de)
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