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Der "Rolls Royce" unter den Festivals

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© Vincent Bailly

von Maria Ugoljew

Seit bei einem Frank-Zappa-Auftritt das Casino abbrannte, ist Montreux ein Begriff: Denn Deep Purple schufen nach dem Brand ihren denkmalgewordenen Hit "Smoke On The Water". Tatsächlich ist es mehr als ein Jazz-Festival, das seit 50 Jahren Musikgrößen aus aller Welt auf die Bühne lockt.

Immer dann, wenn Quincy Jones in Interviews über das Montreux Jazz Festival (MJF) spricht, kommt er aus dem Schwärmen nicht heraus. Der Produzent und Jazz-Trompeter, der unter anderem Michael Jackson produzierte, hat schon viele Bühnen in seinem Leben gesehen - und viele Festivals. Doch nur jenes im schweizerischen Kanton Waadt wird vom 83-Jährigen mit dem Prädikat "Rolls Royce" versehen.

Gründerlegende "funky Claude"

Wer sich näher mit dem Musik-Festival beschäftigt, stößt unweigerlich auf einen Namen: Claude Nobs, oder wie ihn seine Freunde und Bekannte gern nennen "Funky Claude". Der "verrückte Claude", eigentlich gelernter Koch, hat 1967 gemeinsam mit dem Pianisten Géo Voumard und dem Journalisten René Langel die erste Ausgabe des Montreux Jazz Festivals auf die Beine gestellt.

Es war eine kurze, dreitägige Veranstaltung. Doch schon damals griff das Organisationsteam nach den Sternen: Auf der Bühne standen neben unbekannteren Jazzbands aus Europa auch Stars der US-amerikanischen Szene - der Pianist Keith Jarrett, der Saxophonist Charles Lloyd und der Drummer Jack DeJohnette. Musiker, die die Alpinstadt noch öfter besuchen sollten.

Die Veranstalter verkauften zur Premiere 1.200 Tickets und hatten ein Budget von heute umgerechnet 5.000 Euro, berichtete Claude Nobs wenige Monate vor seinem Tod im ZDF. Der Festival-Chef starb im Januar 2013 im Alter von 76 Jahren an den Folgen eines Skiunfalls. Was er hinterlässt, ist ein Mega-Musik-Event mit einem Millionen-Budget, das jährlich von über 2.000 Helfern auf die Beine gestellt wird und 250.000 Besucher anzieht. Die Jubiläumsausgabe ist 16 Tage lang, zählt 15 Bühnen, von denen sieben gratis sind. Hunderte Konzerte und zig spontane Jam-Sessions werden den Ort auch in diesem Jahr wohl wieder in einen Himmel auf Erden für Musikbegeisterte verwandeln.

Ein Festival wird Weltkulturerbe

Der "verrückte Claude" hatte neben seiner Liebe zur Musik und zu den Menschen, die sie spielen, auch eine visionäre Idee: alle Konzerte auf Band festzuhalten. Mit der besten Film- und Bühnentechnik, die die jeweilige Zeit zu bieten hatte. Das Audio- und Video-Archiv mit bisher mehr als 5.000 Stunden Konzertaufnahmen ist 2013 zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt worden.

Der musikalische Schatz ist gefüllt mit den verschiedensten Musikrichtungen, die das 20. und beginnende 21. Jahrhundert bisher zu bieten hatten. Denn das MJF steht längst nicht mehr nur für Jazz. Auch Bands wie KORN, Greenday und N.E.R.D. haben dort bereits eine Bühne bekommen. Nina Hagen stand 1985 als Punkgöre mit tupiertem rosa Haar vor ihrem Publikum. Ebenfalls mit von der Partie: Herbert Grönemeyer, Lady Gaga, James Blake, Jamiroquai, Carlos Santana, Prince und Wyclef Jean. Für den Musik-Mix ist das Festival zeitweise kritisiert worden. Nach dem Motto: Das ist doch kein Jazz!

Von Hymnen und Welthits

Doch die Macher halten an der Idee fest, jeder Stilrichtung eine Bühne zu geben - Hauptsache die Musik ist gut. So kommt es, dass die inoffizielle Festivalhymne der Rockmusik entsprungen ist. Die Rocker Deep Purple hörten sich im Dezember 1971 das Frank-Zappa-Konzert an. Es sollte in einem Flammen-Inferno enden. Ein Unglück, das die Band in dem Klassiker "Smoke on the Water" beschreibt.

Zehn Jahre später komponieren Freddie Mercury - der heute in Bronze gegossen am Ufer des Genfersees steht - und David Bowie in Claude Nobs Chalet "Under Pressure". 2002 kehrte Bowie noch einmal auf die Montreux-Bühne zurück. Ein musikalisches Ereignis, das Claude Nobs-Nachfolger Mathieu Jaton als "bedeutende Erinnerung" beschreibt. Der 41-Jährige wird die Jubiläumsausgabe heute eröffnen.


(VÖ 1.7.2016, www.heute.de)

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