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Schwamm drüber

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Der 21-jährige Brite Jacob Collier ist sich selbst Band genug. Ein Eindruck vom 50. Montreux Jazz Festival

Von Maria Ugoljew

Jacob Collier ist ein Phänomen. Pianist, Bassist und Drummer in einer Person, obendrein brilliert er auch noch als Sänger. Braucht so einer überhaupt noch eine Band, werden Sie sich jetzt vielleicht fragen. Nein, der 21-Jährige ist längst schon seine eigene Band.

Jacob Collier stand noch nicht einmal live auf der Bühne, da hatte er schon eine erstaunlich große Fangemeinde. Das Marketinginstrument ist Youtube. Dort lädt der Londoner seit seinem 17. Lebensjahr selbstproduzierte Videos in Split-Screen-Technik hoch - womit er sichtbar macht, wie seine Musik entsteht: Für jede Tonspur, auf der er singt, in die Tasten haut oder Schlagzeug spielt, gibt es ein eigenes Bild. Am Ende des Lieds entsteht so ein ganzes Mosaik aus verschiedenen Jacob Colliers. Jedem seiner Alter Egos verpasst er einen eigenen Look: mal trägt er ein anderes T-Shirt, mal eine andere Frisur.

Über sechs Millionen Views zählen Jacob Colliers Youtube-Videos bereits, Tendenz steigend. Die Liste seiner Anhänger kann sich sehen lassen. Chick Corea, Pat Metheny, Herbie Hancock, Quincy Jones - die erste Riege des zeitgenössischen Jazz. Damit Jacob Collier seine Kunst live auf die Bühne bringen kann, wurden für ihn am Massachusetts Institute of Technology in Boston zwei Hightech-Geräte gebaut: ein Harmonizer, mit dem er seinen mehrstimmigen Gesang live und simultan erzeugen kann, und ein Tool, mit dem er sich auf einem halben Dutzend Instrumente loopen kann. Wie so eine Ein-Mann-Show auf der Bühne aussieht, zeigte Collier auch vergangene Woche bei der 50. Ausgabe des legendären Montreux Jazz Festivals.

Schlagzeug, Percussion, Bass, Flügel, Keyboard und Gitarre bilden auf der Bühne einen Kreis. In bunter Pluderhose und mit Kuhmuster-T-Shirt betritt Collier die Bühne. Don't You Know wird sein Einstandsstück, es findet sich auch auf seiner eben erschienenen ersten Platte In My Room, die er im sechs Quadratmeter großen Musikzimmer in seinem Elternhaus eingespielt und produziert hat.

Wie eine Eins

Jacob Collier rennt von Instrument zu Instrument und singt dennoch wie eine Eins. Es folgt die Single Hideaway. Mit einem Gitarrensolo geht es los, eine leichte Melodie erklingt, wenig später folgt der Gesang, dann baut Collier einen Klavierpart ein. Heraus kommt der für ihn so typische Sound: satt, vielschichtig, detailreich.

In einem Interview sagte der 1995 geborene Sohn einer Profiviolinistin kürzlich, worauf seine Musik stilistisch aufbaue: Stevie Wonder, Joni Mitchell, Radiohead, Beck, Hendrix, Sting, Bob Dylan, John Martyn, die Beatles, Pet Mtheny, die Beach Boys, Prince, Michael Jackson, Erykah Badu, J Dilla und D'Angelo - jeden Tag höre er ein neues Album. Das Gehörte saugt er auf wie ein Schwamm, um es später in eine neue Form zu gießen, Hiphop, Funk, Soul, Jazz und R' n' B fließen ein. Manchmal wirkt die Mischung fast zu überladen. Aber eben nur fast.

Eine knappe Stunde spielt Jacob Collier in Montreux hauptsächlich eigene Stücke. Zum Abschluss bringt er Fascinating Rhythm auf die Bühne, bekannt aus dem Broadway-Musical Lady Be Good. Die Komposition von 1924 jagt er einmal durch den Stilmixer des 21. Jahrhunderts und reichert sie mit Beatbox und funky Pianoläufen an. George Gershwin habe da einen echt tollen Song geschrieben, sagt er. Es klingt, als wäre auch der ein alter Bekannter.


(VÖ 27.7.2016)

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