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Für eine grüne und soziale Welt

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Die EU-Kommission will nachhaltige Finanzprodukte fördern und dafür ein Siegel einführen. Doch die Probleme fangen schon bei den einfachsten Definitionen an.

Es ist das beliebte Prinzip, zwei Fliegen mit nur einer Klappe zu schlagen: Man legt Geld auf die hohe Kante, erhält unter Umständen noch etwas Geld dazu und tut damit sogar noch etwas Gutes. Immer mehr Anbieter nachhaltiger Geldanlagen werben damit, dass ihre Anlagen neben den konventionellen Parametern wie Rendite und Risiko auch nachhaltige Aspekte berücksichtigen.

Vermögensverwalter ziehen die Kriterien Umwelt (Environment), Soziales (Social) und eine gute Unternehmensführung (Governance) als Maßstab heran, um zu beurteilen, wie nachhaltig ein Unternehmen ist. Daraus ergibt sich der Dreiklang der sogenannten ESG-Kriterien. Nachhaltig ist ein Betrieb also zum Beispiel dann, wenn er nur wenig CO₂ ausstößt, sich für seine Mitarbeiter oder soziale Projekte stark macht und eine transparente Unternehmenskultur pflegt. Außerdem werden Firmen, die in bestimmten Bereichen tätig sind, oft prinzipiell ausgeschlossen. Dazu gehören die Rüstungsindustrie, Kernenergie, Glückspiel oder Unternehmen, die Arbeits- und Menschenrechte verletzen.

Der Markt für nachhaltige Geldanlagen ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen, obgleich er absolut gesehen immer noch einen sehr kleinen Teil des gesamten Finanzmarkts ausmacht.

Zur Umsetzung der Klimaziele sind jährlich 180 Milliarden Euro nötig

Auch bei der EU-Kommission in Brüssel steht das Thema Nachhaltigkeit aktuell ganz oben auf der Liste. Nach dem Pariser Klimaschutzabkommen 2015 und der Verabschiedung der UN-Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung muss sich Brüssel ordentlich bewegen, um die unterzeichneten Ziele auch alle zu erreichen. Dafür will die Politik nun auch das Finanzwesen mit ins Boot nehmen und prescht mit Gesetzentwürfen vor.

Dabei geht es nicht nur um den Kampf für eine grüne und soziale Welt an allen Fronten, sondern auch darum, das nötige Geld zur Umsetzung der Klimaziele in die Kassen zu bekommen. 180 Milliarden Euro an zusätzlichen Investitionen seien dazu jährlich notwendig, sagte Vizekommissionschef Valdis Dombrovskis, zuständig für den Finanzmarkt. Dabei soll der im März dieses Jahres vorgestellte "EU-Aktionsplan für nachhaltiges Finanzwesen" helfen. Die ersten konkreten Maßnahmen umfassen mehrere Eckpunkte, die darauf abzielen, "mehr Investitionen in nachhaltige Tätigkeiten" zu lenken. Eine Expertengruppe hatte die Vorschläge im vergangenen Jahr ausgearbeitet.

So sollen die Vermögensverwalter ihre Kunden in Sachen Nachhaltigkeit besser beraten und deren jeweilige "Nachhaltigkeitspräferenzen" stärker berücksichtigen. Das bedeutet, dass Berater künftig nicht nur fragen müssten, ob ein Kunde sein Geld nachhaltig anlegen möchte. Sie sollen darüber hinaus individuell darauf eingehen, was der Kunde unter Nachhaltigkeit versteht. Damit erhofft sich die EU, ein "breiteres Spektrum von Anlegern" für die grünen Anlagen gewinnen zu können.

Noch ist dieser Plan nicht beschlossen, doch die darin vorgeschlagenen Maßnahmen rufen schon jetzt kein begeistertes Echo bei Experten, Banken und Versicherern des Finanzmarkts hervor. Viele fühlen sich von der Politik bevormundet. "Man sollte die Leute nicht dazu zwingen", sagt Duy Ton, zuständig für das nachhaltige Portfoliogeschäft bei Union Investment. Die Investmentgesellschaft gehört zu den größten Anbietern von Fonds mit Nachhaltigkeitsbezug in Deutschland. Für den Fondsmanager Ton sind Vorschriften und Gesetze "nicht der Königsweg". Denn wenn ein Anleger nicht von Nachhaltigkeit überzeugt sei, finde er immer Schlupflöcher. "Die Initiative muss vom Anleger selbst ausgehen", so Duy Ton. Nicht nur Banken und Investmentfirmen müssten sich bei ihrer Beratung an die EU-Vorschriften halten, auch Unternehmen wären gezwungen, sich entsprechend ihrer Nachhaltigkeitsbilanz anzupassen. Das könnte manche Betriebe dazu verleiten, "Grünfärberei" zu betreiben - so nennt man es, wenn Bilanzen "grüner" präsentiert werden, als sie es eigentlich sind.

Henry Schäfer, Professor an der Universität Stuttgart, attestiert Brüssel bei seinem Finanzplan auch "viel Blauäugigkeit". Seit 20 Jahren beschäftigt er sich mit dem nachhaltigen Finanzmarkt. Einerseits, so der Experte, gebe es gar nicht so viele Anlagemöglichkeiten, wie nötig wären, um den Markt entsprechend der Vorstellungen der EU wachsen zu lassen. Und selbst wenn diese geschaffen würden, müssten sie erst einmal nachgefragt werden. Ob diese Rechnung nur mittels intensiverer Beratung aufgeht - Schäfer ist da skeptisch. Zwar belegen Umfragen, dass die Deutschen ihr Geld durchaus nachhaltig anlegen möchten, doch "Privatanleger sind schon in normalen Anlagefragen überfordert und mit Nachhaltigkeit erst recht", sagt der Wirtschaftsprofessor.

Der größte Knackpunkt der politischen Überlegungen ist aber ein ganz anderer: Die Kommission möchte eine einheitliche Klassifikation entwickeln, um die Nachhaltigkeit einzelner Fonds besser bewerten zu können. Dazu muss sie in einem ersten Schritt allerdings definieren, was Nachhaltigkeit überhaupt bedeutet - und zwar allgemeingültig.

In Frankreich gilt die Atomkraft als umweltschonend

Eine Mammutaufgabe, vor der die Beteiligten des Finanzmarkts bisher zurückgeschreckt sind, denn ein einheitliches Verständnis des Begriffs gibt es nicht. Momentan bestimmt jeder Vermögensverwalter selbst, was er unter nachhaltigem Investment versteht - das macht es für den Anleger denkbar unübersichtlich. Wie komplex eine einheitliche europäische Taxonomie wäre, zeigt sich am Beispiel Atomkraft: In Deutschland gehören wirtschaftliche Tätigkeiten im Bereich Kernenergie zu den sogenannten Ausschlusskriterien, die eine Investition im Sinne der Nachhaltigkeit ausschließen. In Frankreich hingegen gilt die Atomkraft wegen ihres geringen CO₂-Ausstoßes als nachhaltig.

Eine Expertengruppe will der EU dabei helfen, "Schritt für Schritt" festzulegen, welche Tätigkeiten als nachhaltig gelten. Daran sollen sich sowohl Investoren als auch Unternehmen orientieren. Aus der Taxonomie will die EU in einem weiteren Schritt auch ein gesetzliches Qualitätssiegel für Nachhaltigkeit entwickeln - vergleichbar mit dem europäischen Biosiegel für Erzeugnisse aus ökologischem Anbau.

Solche Nachhaltigkeitssiegel gibt es auf dem Finanzmarkt schon in großer Zahl, allerdings stehen bisher immer private Organisationen dahinter. So verleiht das Forum Nachhaltige Geldanlagen (FNG) seit 2015 jährlich das FNG-Siegel, das Mindeststandards für nachhaltige Investmentfonds definiert. Auch das Onlinemagazin ecoreporter.de, das sich auf den grünen Anlagemarkt spezialisiert hat, vergibt ein Siegel. Dessen Kriterien gehen allerdings weit über einen Mindeststandard hinaus.

Wie streng die Regelungen für einen gesetzlichen Stempel sein würden, ist offen. Branchenkenner wie Henry Schäfer schätzen, dass sich die EU-Partner auf einen Kompromiss mit Mindestanforderungen einigen werden. Anders kommt man wohl auf keinen gemeinsamen Nenner. Sind die Standards zu streng, gäbe es außerdem weniger Anlagemöglichkeiten und damit wieder weniger Anleger. Zu lasch sollten die Vorschriften aber auch nicht sein - sonst komme schnell wieder der Verdacht der "Grünfärberei" auf, so Schäfer. Und das will die EU unter allen Umständen vermeiden.

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