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Jack London - "Dieses Etwas, das uns allen fehlt"

Kalifornien jack london

Inmitten der Weinberge Kaliforniens wollte der gefeierte Autor Jack London ein Utopia errichten. 100 Jahre nach seinem Tod können Besucher noch immer die Spuren besichtigen.

Die Filmaufnahmen zeigen einen scheinbar kerngesunden Mann: Wie er sein Pferd striegelt, wie er seiner Frau in den Sattel hilft, wie er die Schweine füttert und lachend mit einem Ferkel spielt, wie er zum Abschied fröhlich in die Kamera winkt. "Er hat nach außen immer einen sehr starken Eindruck gemacht", sagt die Touristenführerin Rita Barry. "Dabei war er ein kranker Mann." Sie geht vom Fernseher mit den alten Aufnahmen aus dem Jahr 1916 zwei Zimmer weiter zu einer Pritsche in einem kleinen, sonnendurchflutenden Vorbau. "Hier ist Jack London drei Tage später im Alter von 40 Jahren gestorben."

Sein größtes Projekt blieb unvollendet. Nicht etwa ein Roman, wie man es bei einem weltbekannten Autor vermuten würde, sondern eine riesige Farm, die ungefähr die Fläche des Tegernsees einnimmt. London nannte sie Beauty Ranch und lebte dort mehr als zehn Jahre lang. Heute heißt das Gebiet Jack London State Historic Park und ist eine der weniger bekannten Attraktionen in Kalifornien. Sie erinnert an den Schriftsteller London und seine Vision. In den vergangenen 100 Jahren hat sich hier nicht viel verändert. Das Wohnhaus mit Londons Sterbebett, seinem Arbeits- und Wohnzimmer steht wie damals inmitten des blühenden Gartens und der ausufernden Weinberge.

"Die Luft ist Wein. An den Hängen der welligen Hügel ist das Meer der Trauben mit flammender Herbströte übergossen. Seenebelfetzen stehlen sich über den Sonoma Mountain hinweg, und die Nachmittagssonne schwelt im schläfrigen Himmel." Diese Zeilen aus Londons autobiografischem Roman "John Barleycorn", in dem er ausführlich über sein problematisches Verhältnis zum Alkohol berichtet, könnten heute geschrieben worden sein. Londons Farm liegt im Sonoma Valley, das zusammen mit dem benachbarten Napa Valley zu den bekanntesten Weinbaugebieten in Nordamerika gehört. Nach San Francisco braucht man mit dem Auto etwa eine Stunde, immer Richtung Süden. Hier gedeihen Merlot und Cabernet Sauvignon, ganzjährig finden Touristentouren mit Weinprobe und Folklore statt.

Am kleinen Örtchen Glen Ellen und dem naheliegenden Park führen diese Fahrten allerdings vorbei. Selbst zum 100. Todesjahr Jack Londons ist hier nicht viel los, nur eine Handvoll Autos parkt vor dem Gedenkstein, der Londons Sterbetag trägt: 22. November 1916. Die Führerin Barry sagt, dass täglich im Schnitt 200 Menschen in den Park kommen, um auf fast 50 Kilometern Wanderwegen Londons Spuren zu folgen. Am heutigen Tag ist allerdings kaum jemand anderes zu sehen, man hat die Farm für sich alleine. "Es geht darum, zu zeigen, was Jack London hier gemacht hat", sagt die blonde, knapp 50-jährige Frau.

Was hat er also gemacht? London wollte hier sein persönliches Utopia errichten. Barry nennt ihn einen "socialist", so würde hier jeder europäische Linksliberale betitelt. Sie meint das positiv, für viele Amerikaner - gerade auf dem Land - ist es ein Schimpfwort. London setzte sich lebenslang für soziale Gerechtigkeit und das Gemeinwohl ein, für die Schwachen und Bedürftigen. "Er wollte einen besseren Ort schaffen", sagt Barry über das Projekt Beauty Ranch. "Er wollte, dass die Menschen hier geboren werden, leben und sterben", erklärt sie. Eine autarke Gemeinde sollte hier entstehen, mit Poststation, Schule und Arbeitsmöglichkeiten für alle Bewohner.

Dazu kaufte London sieben bankrotte Farmen samt einem alten Weingut auf und legte sie zusammen. Er kultivierte den ausgelaugten Boden, düngte ihn mit dem Mist seiner Haus- und Nutztiere, staute einen See zur natürlichen Bewässerung, errichtete Ställe und Scheunen und terrassierte die Hänge. Ein nachhaltiger Landwirt in einer Zeit, in der vor allem die großen, kapitalistischen Unternehmen reüssierten. London beschäftigte seine Arbeiter zu fairen Bedingungen, teilte sich mit ihnen den Mittagstisch und manchmal auch die Freizeit. "Um 16.30 Uhr war Feierabend", sagt Barry und lacht. "Dann wurde geritten, geschwommen oder gewandert."

"Alles, was ich wollte, war ein ruhiger Platz auf dem Land zum Schreiben und Leben in der Natur, dieses Etwas, was uns allen fehlt, von dem aber kaum einer etwas weiß", schreibt London.

Die meisten Farmgebäude lassen sich noch besichtigen, ebenso wie der rondellartige, geräumige Schweine-Palast und der kleine Eukalyptus-Wald, den London anpflanzte, aber nie nutzbar machen konnte. Auch die Ruine einer alten Weinkellerei aus den 1860er-Jahren steht noch, den Weinanbau haben allerdings erst Londons Nachfahren wieder intensiviert. Er selbst lebte zunächst unten im Örtchen Glen Ellen, damals wie heute nicht viel mehr als eine Straße mit wenigen Läden. Was früher die Post war, ist jetzt der Jack London Saloon, davor parkt ein roter Geländewagen, drinnen wird Bier getrunken. An der Wand hängen Fotos von Jack und seiner zweiten Ehefrau Charmian London, in der Vitrine im Nebenraum stehen einige seiner Bücher. Er wisse eigentlich nicht viel über Jack London, sagt der Mann hinter dem Tresen.

Zu Lebzeiten war London ein Bestseller-Autor. Seine Abenteuer-Romane "Ruf der Wildnis" (1903) und "Seewolf" (1904) machten ihn schon mit 29 Jahren zu einer Berühmtheit - und nach heutigen Maßstäben zum Millionär. "Er hat das Geld schnell wieder ausgegeben", sagt die Dame, die im Besucherzentrum und Museum an der Kasse sitzt. In dem massiven Steinhaus, das Londons Frau nach dessen Tod errichten ließ, gibt es jedes seiner mehr als 50 Bücher zu kaufen, dazu die Essays und Reportagen. Meistens war London selbst der Protagonist seiner Romane, ein Abenteurer und Grenzgänger, der in seiner Jugend als Goldsucher und Austernpirat sein Glück versucht hatte; oder er schrieb über Hunde und Wölfe, daher auch sein Spitzname "The Wolf". Mit der Schriftstellerei finanzierte er lange Reisen und eine eigene Yacht, mit der er in zweieinhalb Jahren den Süd-Pazifik durchquerte. Wie viele Künstler um die Jahrhundertwende war auch Jack London fasziniert von der einfachen und natürlichen Lebensweise in der Südsee.

"Auf meinen eigenen Beinen zu stehen, das Leben so zu sehen, wie es ist, nichts zu fürchten und den Tod so kühl zu anderen kommen zu sehen wie zu mir. Die Feigheit zu verachten, aber dem tapferen Manne meine Achtung zu bezeugen. So habe ich gelebt, vielleicht primitiv, aber frei und offen", schreibt London.

Der Weg zum Herzstück der Farm, dem legendären Wolf House, das mit dem Spruch "Gänsehaut garantiert!" beworben wird, schlängelt sich durch einen Eichenwald, hoch und runter. Die Bäume sind mit weißen Flechten überzogen. Am Wegrand warnt ein Schild vor Klapperschlangen. Nach gut einer halben Stunde erkennt man eine hohe Steinwand inmitten der vielen Baumstämme. Die Ruine ist von einem Zaun umgeben und die Mauern sind mit Moos bewachsen. Informationstafeln zeigen, wie die Villa einmal ausgesehen hat: vier Etagen, ein großer Innenhof, viele Balkone und Fenster, dicke Lavasteinwände kombiniert mit Redwoodholz und spanischen Dachziegeln. Ein Bau zwischen Finca und Skihotel. Eine ganze Etage war für Londons Schreibtätigkeit gedacht, ganz oben in einem Turm wollte er schlafen.

"Mein Haus wird tausend Jahre stehen, kraft es Gott erlaube."

Dieses etwas überdimensionierte Projekt ist aber durch einen Schicksalsschlag zerstört worden. Eine Woche, bevor das Ehepaar einziehen wollte, brannte das Haus bis auf die Mauern nieder. Ein heißer Augusttag 1913, so erklärt die Fremdenführerin, das Holz war mit Leinöl behandelt, fing Feuer, London kam zu spät. Der Brand war ein emotionaler Schock für den ambitionierten Farmer und stürzte ihn in finanzielle Probleme. Von da an ging es auch gesundheitlich bergab. Über Londons Tod wird noch immer spekuliert. War es Suizid? Oder eine Harnvergiftung in Folge seiner Niereninsuffizienz?

"Er weigert sich, seine eigene Vergänglichkeit zu akzeptieren. Er will nicht dahingehen. Er will weiterleben, auch wenn er dafür sterben muss. Träume und Staub von Träumen, die verschwinden, wenn der Träumende verschwindet, und nicht mehr existieren, wenn er nicht mehr da ist."

Das Grab von Jack London, einen kurzen Fußmarsch weiter, ist der Gegenentwurf zum gigantischen Haus. Eine versteckte Stelle im Wald. Darauf liegt ein roter Stein der Wolf-House-Ruine und daneben die Gräber zweier Bauernkinder, so schlicht hat er es sich gewünscht.

Jack London hat zu Lebzeiten immer versucht, seine Visionen in die Tat umzusetzen. Beim Sterben gab er sich aber illusionslos. Er glaube, im Tod sei er ganz und gar ausgelöscht, soll er einmal gesagt haben, "wie die letzte Mücke, die Sie und ich erschlagen haben".

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