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Willkommen in... Barcelona!

Für Merian Live!  habe ich einen Reiseführer über meine Wahlheimat geschrieben.  Er beginnt, natürlich, mit einer Liebeserklärung.

Eigentlich müsste vor dem Hausberg Tibidabo ein roter Vorhang hängen, ein Vorhang, der sich morgens und abends unter dem Applaus des Publikums öffnet und wieder schließt. Es gibt wohl kaum eine Stadt, die sich so gekonnt in Szene zu setzen versteht wie Barcelona.
Schon allein, wie sie sich dem Betrachter von oben präsentiert: zunächst ein wohlgeordnetes Schachbrett, ein geometrisch gegliedertes Häusermeer, aus dem ein paar Solitäre herausragen, Gaudís Sagrada Família, Jean Nouvels Torre Agbar, Ikonen des Modernisme und der Postmoderne. Wohlwollend gleitet der Blick die schnurgeraden Achsen entlang, verliert sich dann im unregelmäßigen Fünfeck, das das wuselige Chaos der Altstadt birgt. Und taucht dann ein in das glitzernde Blau des Meeres. Barcelonas Schönheit muss man nicht lange suchen, sie drängt sich einem auf. Die meisten Besucher erliegen ihr vom ersten Augenblick an.

Große Kulisse

Es ist kein Zufall, dass unter ihren Fans besonders viele Filmemacher sind. Tom Tykwer, Woody Allen, Pedro Almodóvar, der Mexikaner Alejandro González Iñárritu haben
hier gedreht. Denn die Stadt ist wandlungsfähig und vielfältig wie keine zweite. Unter den schmiedeeisernen Laternen der dunklen Gassen des Barri Gòtic, auf den kopfsteingepflasterten Plätzen von Sant Pere und Santa Caterina glaubt man, jeden Augenblick einem Waschmädchen mit schwerem Korb auf dem Kopf oder einem degenbewaffneten Zorro zu begegnen. Auf dem mondänen Passeig de Gràcia tragen elegante Damen Papiertüten spazieren, Touristen bewundern die Modernisme-
Fassaden, mit denen sich hier die Bourgeoisie einst ein Denkmal setzte. Und im einstigen Arbeiter- und Industrieviertel Poblenou eifert die Stadt mit Hightech-Architektur und Wolkenkratzern am Meer gar Schanghai nach. Letzteres mit zweifelhaftem Erfolg: Viele Bürotürme  stehen leer oder wurden krisenbedingt
erst gar nicht fertiggestellt.

Am Anfang war Olympia

Denn trotz des viel gerühmten Geschäftssinns der Katalanen, der wohltemperierten
Kaufmannsseele: Zuweilen schlägt die Stadt ganz schön über die Stränge, zuletzt 2004, als sie mit dem »Forum der Kulturen der Welt« die Erfolge von Olympia 1992 wiederholen wollte und ein neues Viertel aus dem Boden stampfte. Überhaupt Olympia: Ohne dieses Schlüsseldatum lässt sich Barcelona heute nicht verstehen. Damals verordnete sich die Stadt eine Rundumverschönerung inklusive Strandpromenade
und 4,5 km Stadtstrand. Im Raval rechts der Rambles wurden ganze Straßenzüge abgerissen, Museen und schicke neue Plätze brachten Licht und Luft ins Viertel – und
vertrieben neben Prostitution und Kleinganoventum auch viele der alteingesessenen
Anwohner. Barcelona wurde zum Magnet für Kreative, Künstler und kletterte auch als Reiseziel auf der Beliebtheitsskala ganz schnell nach oben.
Übertrieben schnell, übertrieben hoch vielleicht. Über sieben Millionen Besucher kommen jährlich in die Metropole, dreimal so viel wie noch vor 20 Jahren. Das Stöhnen der Einheimischen über die überfüllten Rambles, die Massen vor der Sagrada Família und Co. gehören inzwischen ebenso zum Klang der Stadt wie das laute Gelächter von jungen Italienern, Briten, Franzosen und Deutschen, die nachts durch die Straßen
ziehen, und wie die »Cerveza, Coca- Cola, Bier«-Rufe der seit Jahren allen Verboten trotzenden Dosenverkäufer am Strand. Ja, Barcelona ist eine sehr touristische Stadt. Geheimtipps bleiben hier nie lange geheim.

Immer eine Länge voraus

Dennoch: Barcelona gilt nicht umsonst als Trendsetter. Die Stadt ist schnell. Schnell genug jedenfalls, um ihren manchmal aufdringlichen Bewunderern eine Nase voraus zu sein und sich kleine Nischen zu schaffen: zum Luftholen, Verschnaufen oder Dampfablassen. Hier eine Brache, die Anwohner mal eben in einen kollektiven Gemüsegarten verwandeln, dort ein besetztes Haus, in dem monatlich Kunstausstellungen organisiert werden, hier ein Designer-Kollektiv, das subversiv-ironisch mit den Ikonen der Metropole spielt: Barcelona, einst Welthauptstadt des
Anarchismus, hat sich seinen rebellischen Geist bewahrt. Es ist eine Diva mit Anarcho-Seele. Zum Glück.