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Die Rebellion der Zimmermädchen

TAGESWOCHE 23. März 2016 Spaniens Tourismusbranche boomt, doch die Arbeitsbedingungen werden immer schlechter. Das bekommen vor allem die Zimmermädchen zu spüren. Sie machen jetzt gegen ihre Arbeitsbedingungen mobil.

Bevor Verónica Domínguez* morgens zur Arbeit geht, frühstückt sie einen Milchkaffee und eine 800-mg-Tablette Ibuprofen. Ohne Medikamente wäre schon das erste Drittel ihres Sieben-Stunden-Tages unerträglich. Die Mittvierzigerin mit den langen dunklen Haaren arbeitet seit 2002 als Zimmermädchen in einem Vier-Sterne-Hotel an der Costa Daurada: Sieben Stunden Betten machen oder neu beziehen, Möbel rücken, Boden wischen, Toilette, Waschbecken, Badewanne putzen, Handtücher wechseln.

Vom Matratzenheben schmerzt der Rücken, die Handgelenke sind chronisch entzündet, das linke Knie schwillt abends auf Handballgrösse an. «Das kommt vom Badewannenputzen», sagt Verónica; ihren 20 Kolleginnen geht es ähnlich. «Manche schleppen eine richtige Apotheke mit sich herum und versorgen damit die anderen je nach Bedarf.» Zum Arzt gehen? Sich krankschreiben lassen? «Dann heisst es gleich: Die will bloss nicht arbeiten.» Verónica lacht sarkastisch. 


Spaniens Urlaubsbranche boomt. Seit Mittelmeerländer wie die Türkei, Tunesien und Marokko als unsicher gelten, bucht die sonnenhungrige Klientel wieder bevorzugt auf der iberischen Halbinsel. Über 83 Prozent der Tourismusunternehmen verbesserten 2015 ihr Jahresgeschäft. Doch Spaniens Zimmermädchen, etwa 100'000 sind es im ganzen Land, spüren nichts vom Aufschwung. Im Gegenteil: Ihre Arbeitsbedingungen verschlechtern sich seit Jahren.


War Verónica früher für 16 Zimmer verantwortlich, stehen heute bis zu 24 auf ihrer Liste. 15 bis 20 Minuten bleiben ihr pro Zimmer; ganz gleich, ob dort am Abend vorher Partytouristen gewütet oder bloss Geschäftsreisende ihren Laptop aufgeklappt haben. «Das schafft man nur, wenn man von der ersten bis zur letzten Minute den Turbo anwirft», sagt Verónica, während sie in ihren weissen Arbeitskittel schlüpft und die Zimmerliste überfliegt, die ihr die Etagen-Gouvernante ausgehändigt hat.

Elf Gäste bleiben, neun reisen ab: Da müssen die Zimmer besonders gründlich gereinigt, die Betten neu bezogen werden. Das bedeutet mindestens eine Überstunde, unbezahlt natürlich. Neues Personal stellen die Hotels kaum mehr ein. Um Kosten zu sparen, lagern immer mehr Häuser die Arbeit auf Service-Agenturen und Zeitarbeitsfirmen aus. Seit den Arbeitsrechtsreformen 2010 und 2012 sind diese nicht an die tarifvertraglichen Löhne für Hotelfachkräfte gebunden.


Mit einem Kopfnicken begrüsst Verónica eine Kollegin, die einen der 160 Kilogramm schweren Wäschekarren über den Gang schiebt. Auch Manuela arbeitet ganztags als Zimmermädchen. Weil sie aber über eine Zeitarbeitsfirma angestellt ist, bekommt sie dafür bloss 700 Euro im Monat, 300 Euro weniger als Verónica. Ihr Lohn ist an ein Zimmer-Minimum gekoppelt. Schafft sie das Pensum nicht, bleibt sie länger; ein, zwei Stunden am Tag. Planungssicherheit gibt es nicht.

«Ich hatte mir für den Geburtstag meiner Tochter extra frei genommen – am Vorabend rief mich die Chefin an und ich musste alles liegen lassen.» Resigniertes Schulterzucken: «Andere Jobs gibt es nicht, mein Mann hat früher auf dem Bau gearbeitet – jetzt muss ich das Geld für uns drei alleine verdienen.»

«Der spanische Tourismussektor hat sich in den letzten Jahren massiv prekarisiert», sagt der Soziologe Ernest Canada.  «Das betrifft den Low-Cost-Bereich ebenso wie das Luxussegment. Der Forscher, der für ein Buchprojekt Hotelarbeiterinnen aus ganz Spanien befragt hat, sieht in den Externalisierungen den Hauptgrund für die verschlechterten Arbeitsbedingungen. «Zimmermädchen machen zwanzig bis vierzig Prozent des Personals aus. Sie tragen mit ihrer Arbeit ganz wesentlich zum Charakter des Hotels bei. Es macht keinen Sinn, diesen Kernbestand des Hotelwesens an Dritte auszulagern.» Langfristig schade sich die Tourismusbranche damit selbst. «Irgendwann wird sich die Lage in Nordafrika stabilisieren, die Touristen werden wieder dorthin zurückströmen. In Spanien aber wird die Service-Qualität massiv gesunken, der Sektor entprofessionalisiert sein – einfach, weil für Professionalität keine Zeit mehr bleibt.»


Das Doppelbett in Zimmer 204 ist frisch bezogen; Verónica packt die Schmutzwäsche auf den Wagen, fährt dann noch kurz mit dem Feudel rings ums Bett. Um auch darunter und hinter dem Schreibtisch zu putzen, bleibt keine Zeit. «Wenn die Kunden in die Ecken gucken würden, hielten sie mich bestimmt für schlampig. Dabei habe ich meine Arbeit wirklich gerne gemacht», sagt Verónica und erzählt, wie ihr früher noch Zeit blieb, die Kleidung der Gäste ordentlich aufzuhängen oder die Handtücher hübsch zusammenzufalten.

«Das habe ich während meiner Ausbildung gelernt. Die Frauen, die wir heute anlernen, laufen einfach mit und müssen manchmal schon vom ersten Tag an das gleiche Pensum schaffen wie wir.» Sie seufzt. Ursprünglich sollte auch ihr Arbeitsplatz externalisiert werden. Die Konditionen des neuen Arbeitgebers waren aber so miserabel, dass sie über die Gewerkschaft klagte, dem Dienstleister der Zuschlag gerichtlich aberkannt wurde und sie wieder zu alten Bedingungen eingestellt wurde.

Zwar haben die grossen spanischen Gewerkschaften immer wieder auf die eklatantesten Missstände aufmerksam gemacht. Spaniens Öffentlichkeit hat von der Schattenseite des Urlaubsbusiness' erst durch die Facebook-Gruppe Las Kellys Notiz genommen. In der 2014 von Eulàlia Corralero, einem Zimmermädchen aus Lloret del Mar, gegründeten Gruppe tauschen sich Festangestellte und Zeitarbeitskräfte über ihre Arbeitsbedingungen aus. Etwa 3000 Mitglieder hat die Gruppe derzeit; aus Angst vor Repression bleiben viele anonym.

Die Frauen berichten von Praktikaverträgen, die immer wieder verlängert werden; von Firmen, die ehemalige Häftlinge einstellen, von Agenturen, die bei Ausschreibungen grosser Hotelketten mit Zimmerpreisen von 2,50 Euro gegeneinander konkurrieren, inklusive eines 50-prozentigen Rabatts für das erste Jahr: «Was da für das Zimmermädchen übrig bleibt, kann man sich ja ausrechnen.» Auch Verónica hat sich eine Zeit lang bei «Las Kellys» engagiert: «Es ist wichtig, dass die Öffentlichkeit von unseren Arbeitsbedingungen erfährt.»


Inzwischen haben Spaniens rebellische Zimmermädchen über Parteien und Gewerkschaften einige ihrer Forderungen auf die politische Tagesordnung gebracht: Auf den Kanarischen Inseln werden die innerbetrieblichen Tarifverträge von Hotelketten und Servicefirmen überprüft; auf den Balearen will man künftig bei der Zertifizierung von Hotels auch die Arbeitsbedingungen berücksichtigen. Auch die schärfere Definition des Begriffs Berufskrankheiten und die Herabsetzung des Rentenalters auf 58 Jahre wird diskutiert.

Vielleicht, wünscht sich Verónica, erreicht die Debatte auch irgendwann diejenigen, denen sie täglich das Bett macht. «Ich träume von dem Tag, an dem ein Gast vor dem Buchen nicht nur nach dem Pool, sondern auch nach unseren Arbeitsbedingungen fragt.» Dann massiert sie sich kurz die Handgelenke und schiebt den Wäschekarren weiter zur nächsten Tür.
(Die Namen der Zimmermädchen wurden von der Redaktion geändert.)