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Feature

Welches Gesicht hat Armut?

Jeder fünfte Stuttgarter ist armutsgefährdet – ein so hoher Anteil wie in keiner anderen deutschen Großstadt. In der Vesperkirche im Leonhardsviertel kommen verschiedene Gesellschaftsschichten zusammen. Unsere Autorin hat sie einen Tag lang begleitet.

31.01.2017

Ein alter Mann steht an der B14. Die Fußgängerampel ist rot. Er stützt sich auf seinen Gehwagen. In dem ist nichts, außer einer leeren Plastiktüte, die der Wind fast wegbläst. Ein paar Tauben tapsen auf ihren verkümmerten Krallen über den Beton und picken in Erbrochenem. Die letzten Feierwütigen dieser Nacht taumeln in Richtung Marktplatz davon. Die wenigen Passanten machen einen weiten Bogen um den alten Mann. Der Wind trägt ihnen seinen Geruch entgegen. Grün. Das Wägelchen schafft es gerade so über die Straße. Vor der Leonhardskirche kommt es zum Stehen. Wieder muss der alte Mann warten. Jetzt ist er nicht mehr allein. Ein Paar raucht. Eine Frau beschwert sich über die Kälte. Ein junger Mann, der wie Will Smith aussieht, hört Musik und starrt auf sein Smartphone. Um neun Uhr läuten die Glocken. Die Kirchentüren öffnen sich. Der alte Mann schiebt sein Wägelchen in die Wärme. Der Doppelgänger von Will Smith läuft hinterher. Er geht mit seinem Smartphone direkt zur nächsten Stromquelle. Die Sonne scheint durch die Buntglasfenster. Im Innenraum stehen lange Tischreihen.

An einem Tisch sitzt Diakon Kurt Klöpfer und frühstückt mit dem Putz-Team. Er leitet die 23. Vesperkirche in Stuttgart. Ab Mitte Januar hat sie jedes Jahr sieben Wochen lang geöffnet. Ihr Motto: „Es ist genug für alle da.“ „Wir schauen, dass hier niemand hungrig gehen muss. Natürlich gibt es ein paar Besucher, die unser Angebot hier ausnutzen möchten. Die kennen wir aber. Für sie geht es dann schon auch mal ohne warmes Mittagessen“, erzählt Klöpfer. Das Mittagessen kostet regulär 1,20 Euro: „Das hat mit Würde und Stolz zu tun. Viele unserer Besucher sind froh, wenn sie wenigstens ein wenig für ihr Mittagessen zahlen können.“ Wenn ein Besucher kein Geld dabei hat oder ausgeben kann, gibt es Gutscheine für das Mittagessen. Die bekommt man aber nur, wenn man mit den Verantwortlichen der Vesperkirche gesprochen und seine Situation erklärt hat. Kaffee, Tee und Hefezopf gibt es umsonst. Ein großer Teil der Vesperkirchen-Besucher sind Rentner. „Für sie ist die Hemmschwelle besonders groß. Niemand zeigt gern nach außen, dass er arm ist. Wenn Sie heute mit den Besuchern sprechen, werden Sie das merken“, meint Klöpfer. Die Gespräche im Laufe des Tages zeigen, dass Klöpfer Recht hat. Ein Beispiel dafür ist Hans*. Hans ist 79, Stuttgarter und hat rund 60 Jahre in der Sanitär- und Heizungsbranche gearbeitet. Mit zwei anderen Männern sitzt er an einem Tisch und trinkt Kaffee. Einer der Männer löst ein Kreuzworträtsel. Die Gruppe unterhält sich über Fußnägel. „Ich komme an meine nicht mehr richtig ran“, erzählt einer von ihnen. Hans trägt einen beigen Pulli über seinem Karo-Hemd, eine blaue Adidas-Mütze und eine Brille. Heute Morgen hat er sich rasiert. „Gerade weiß ich gar nicht mehr, wohin ich gehen soll. Ich könnte drei- oder viermal am Tag irgendwo essen.“ Hans kennt so gut wie alle Vesperkirchen in Baden-Württemberg. Auf einer Landkarte hat er sie eingezeichnet. Er weiß, ab wann sie geöffnet haben. Schließt die eine, zieht er weiter zur nächsten. Solange die Stuttgarter Vesperkirche geöffnet hat, nutzt er die: „Ich komme vor allem wegen der Gesellschaft her. Wir treffen uns immer hier. Ich kenne alle.“ Einigen Besuchern hat er Spitznamen gegeben: „Hut-Tante“ und „Musik-Peter“. Hans kennt außer den Vesperkirchen im Land auch die anderen Essens-Anlaufstellen in Stuttgart – von der Arbeiterwohlfahrt bis hin zur Tafel. Am liebsten geht er dorthin, wo es Linsen und Spätzle gibt. Aus seiner Hosentasche zieht er Prospekte von Lidl und Kaufland und erzählt, was gerade im Angebot ist. 

Hans hat Bauchspeicheldrüsenkrebs. „Drei Jahre Lebenserwartung haben die Ärzte gesagt. Ich konnte vor einiger Zeit schon nicht mehr laufen oder sprechen. Dann habe ich mir gesagt: Jetzt wird gekämpft. Ich lasse mich nicht unterkriegen, komme, was wolle!“ Eine Diskussion am Nachbartisch unterbricht ihn. „Du Vollidiot! Du liest nur Bild-Zeitung“, schreit ein junger blonder Mann, der mit seinem längeren zurückgebundenen Haar, Hornbrille und Dreitagebart wie ein Hipster aussieht. Sie diskutieren über Stuttgart 21. Hans verdreht die Augen: „Ach der. Der ist nicht mehr ganz sauber. Der hat mal eine Dose Sprühsahne gefunden, die noch halbvoll war und hat hier keinem was davon abgegeben.“ 

Hans sagt, er komme nicht wegen des Essens in die Vesperkirche. Das sei gar nicht so günstig: „Früher haben wir uns als Rentner nicht hereingetraut. Wir haben gedacht, wir haben hier nichts verloren.“ Die Altersarmut wächst in Stuttgart. Im Jahr 2004 bekamen in der Landeshauptstadt rund 2800 Rentner eine Grundsicherung im Alter. Zehn Jahre später waren es um die 4500. Die Dunkelziffer ist höher. Hans möchte in kirchlichen Einrichtungen helfen, wenn es ihm wieder besser geht. Dann dreht er sich zu Musik-Peter um. „Ich glaube, heute gibt es irgendwas mit Kartoffelbrei.“ Sie stöhnen. Linsen wären besser gewesen.

Die Stuttgarter Vesperkirche ist die Älteste ihrer Art in Baden-Württemberg. Die Idee dazu stammte von Pfarrer Fritz Martin. Er wollte an einem Ort in der Innenstadt Menschen aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten zusammenbringen. Ein Drittel der Kirchenbänke macht jedes Jahr im Winter Platz für Bedürftige. Mittlerweile haben viele kleinere und größere Städte im Südwesten den Gedanken übernommen und veranstalten eigene Ableger. Rund 260.000 Euro kostet die Vesperkirche jährlich. Durch Spenden kommt das Geld zusammen. 

Nach und nach kommen immer mehr Menschen in die Leonhardskirche. Einige liegen auf den Kirchenbänken. Sie dösen vor sich hin oder schlafen. An einem breiten Tisch vor dem Altarraum hat sich eine Gruppe Ehrenamtlicher versammelt. Sie schmieren Wurst- und Käsebrote für die Gratis-Vesperbeutel, die es am Nachmittag gibt. Marcus und Markus stehen an der Brotschneidemaschine. Die beiden gehören zu den rund 800 Ehrenamtlichen, die sich in der Vesperkirche engagieren. Marcus mit „c“ ist 49, trägt eine Glatze und arbeitet in der Autoindustrie. Seit drei Jahren ist er dabei: „Ich tue ja nicht viel. Ich gebe meine Arbeitszeit und freue mich darüber. Hier zu sein erdet mich.“ Der andere Markus bringt sie zum Schmieren, während der kahlköpfige Marcus die Brotlaibe in gleichgroße Stücke schneidet: „Klar, es gibt hier sicher Personen, die an ihrem Zustand selbst schuld sind. Aber eben nicht nur. Ich versuche jedenfalls, immer alle anzulächeln. So bin ich nun mal.“ Marcus und Markus kennen sich schon länger. Sie treffen sich jedes Jahr wieder zur Vesperkirchenzeit. Markus mit „k“ ist 43, arbeitet in der Entwicklung von Sonderwerkzeugen und ist eher durch Zufall auf die Vesperkirche gekommen. Die beiden erklären: „Brote schmieren finden wir nicht ganz so toll. Da sitzt man schon etwas abseits. Die beliebteste Arbeit bei den Ehrenamtlichen ist eigentlich der Abräumtisch, weil man dort am meisten mit den Besuchern in Kontakt kommt. Aber rede doch mal mit Sonja. Die ist hier der eigentliche Chef“, verraten die beiden augenzwinkernd. 

Sonja ist jeden Samstag da, 66 und Buddhistin: „Ich fühle mich beseelt, wenn ich hier helfen kann. Jeder Teil von mir ist ein Teil von jemand anderem.“ Sie hat 20 Jahre lang eine Veranstaltungsagentur geleitet und nebenbei gemodelt, bis sie Burn-Out bekam: „Das hat mir zu denken gegeben. Da musste etwas geschehen.“ Jetzt gehört sie zum Team der Ehrenamtlichen. Sonja hat regelmäßig sechs Euro dabei, die sie den Tag über verschenkt. „Mir ist schon klar, dass ich nicht die Welt verändern kann. Aber immerhin kann ich etwas Kleines dazugeben, Respekt und Zuneigung schenken – das wünschen sich viele der Besucher hier am meisten.“ Sonja ist vielen von ihnen begegnet und hat ihre Geschichten gehört. Aber nicht jede Geschichte ist wahr: „Bei manchen Menschen, die ich hier getroffen habe, bin ich mir sicher, dass sie mir Märchen aufgetischt haben. Ein Mann um die 30 Jahre hat zum Beispiel erzählt, dass er mit seiner Spielsucht kämpft, aber damit schon so viel Geld verdient hat, dass er sich davon eine Eigentumswohnung leisten kann. Mir ist klar, dass das nicht stimmt. Aber irgendwas zu erzählen, macht es eben einfacher.“ Nicht dazuzugehören, nicht der Durchschnittsbürger zu sein, mache vielen Besuchern Angst. Laut dem Statistischem Landessamt Baden-Württemberg war Anfang 2015 ein Fünftel der Stuttgarter armutsgefährdet. Der Wert wird am Durchschnittseinkommen der jeweiligen Stadt – also am gesellschaftlichen Umfeld – gemessen. Nach EU-Definition gilt ein Privathaushalt als armutsgefährdet, wenn er mit weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der gesamten Bevölkerung auskommen muss. Insgesamt waren Anfang 2015 von 593.000 Stuttgartern 120.000 von Armut bedroht. In keiner anderen Großstadt war der Wert so hoch wie in Stuttgart. Das liegt vor allem daran, dass das durchschnittliche Einkommen in der Landeshauptstadt so hoch ist. Niemand gilt in einer reichen Stadt gern als arm. 

Sonja hat gelernt, dass Wertschätzung für die meisten Menschen in der Vesperkirche am wichtigsten ist. Eine Begegnung hat sich in ihr Gedächtnis eingebrannt. Vor einem Jahr kam regelmäßig ein alter Herr in die Leonhardskirche: „Er hat mich immer an einen Professor erinnert, aber nicht weil er so ausgesehen hat. Es war seine Art zu sprechen, fast schon zu dozieren. Deswegen habe ich ihn immer mit Herr Professor angesprochen. Am Anfang hat er oft herumgeschrien und die anderen Besucher gestört. Da habe ich dann den Rauch hereingelassen und gesagt: Herr Professor, beruhige dich doch! So kannst du nicht mit den Leuten umgehen. Das hat gewirkt. Seitdem war er immer in der Vesperkirche, wenn ich auch da war. Er hat sich in meine Nähe gesetzt und oft mit mir gesprochen.“ Der Professor wollte Sonja aber nicht viel über sein Leben erzählen. Nicht einmal seinen richtigen Namen hat sie erfahren. „Bis heute kann ich nur vermuten, wie er gelebt hat. So wie er ausgesehen und gerochen hat, wahrscheinlich auf der Straße. Gesprochen hat er aber wie ein Professor.“ Ende 2016 waren in Baden-Württemberg rund 11.500 Menschen ohne Wohnung. Oft fehlt es an preisgünstigem Wohnraum oder freistehende Wohnungen werden nicht an Arbeits- und Obdachlose vermietet. Sonja verabschiedet sich. Um zwölf Uhr gibt es Mittagessen. Rush Hour in der Vesperkirche. Geschirr klirrt. Der Lärmpegel steigt. Die Luft wird schlechter. Alle Ehrenamtlichen wuseln durcheinander. Die langen Tischreihen sind fast vollständig besetzt. Die Menschen unterhalten sich auf Deutsch, Englisch, Russisch und Türkisch. Eine Männergruppe am Eingang diskutiert lautstark. Einer dieser Männer ist Pietro*. Pietro erzählt von Gott. Seine Freunde und er kommen jeden Tag her. Er ist der einzige von ihnen, der Deutsch spricht. Mit 18 Jahren ist er zum Arbeiten nach Deutschland gekommen. Er möchte nur über die Bibel und Gott sprechen: „Es gibt nur einen. Das ist einfach so. Wer etwas anderes behauptet, redet Blödsinn.“Es gibt ausnahmsweise Kuchen. Sonja und ihre Kolleginnen teilen die Stücke aus. Pietros Freund versteckt ein Stück unter dem Tisch und bekommt nochmal eins: „Per la colazione“ – für das Frühstück, erklärt er. Auch Pietro ergattert durch denselben Trick drei Stücke. Die Ehrenamtlichen räumen die Tische ab und sprechen mit den Besuchern. Von ein paar kriegen Sonja, Marcus und Markus ein Lächeln. Andere gehen sofort nach dem Essen oder ziehen sich zurück und möchten für sich sein. 

Der Innenraum der Leonhardskirche leert sich langsam. Diakon Kurt Klöpfer sitzt vor dem Altar. 485 Essen hat er bisher mit dem Vesperkirchenteam ausgegeben. Das ist weniger als im letzten Jahr. Da waren es noch durchschnittlich 600. „Das liegt zum einen an der kalten Witterung, die wir im Januar hatten. Da haben sich viele Leute gar nicht erst auf den Weg gemacht. Dann scheint die Zahl der Obdachlosen weniger geworden zu sein oder zumindest kommen wir mit weniger in Kontakt. Leute vom Stuttgarter Kältebus haben mir erzählt, dass sie dieses Jahr an den typischen Plätzen weniger Leute finden.“ Flüchtlinge seien dagegen in den Unterkünften schon gut versorgt oder zu schlecht angebunden, um zur Leonhardskirche zu kommen. 

Eine junge Frau kommt auf Klöpfer zu und fragt nach einer Essensmarke. Sie hat ein hübsches Gesicht, trotz ihrer dunklen Augenringe. Sie entschuldigt sich für die Störung. Unaufgefordert erzählt sie: „Ich komme gerade aus der Entgiftung und würde gern etwas essen.“ Das reicht Klöpfer. Er war Diakon in der Jugendarbeit, bis er vorübergehend die Leitung der Vesperkirche übernommen hat. Er gibt ihr die Marke. Sie lächelt. 

Für Klöpfer gehört zu den größten Erfolgen der Vesperkirche, wenn ein ehemaliger Stammgast zu ihm kommt und erzählt, dass er jetzt wieder einen Job hat: „Manche kommen aus der Abwärtsspirale heraus und arbeiten sogar später ehrenamtlich hier.“ Weniger schön sei es, wenn Gäste aggressiv würden: „Wenn das passiert, ist meistens Alkohol im Spiel. Manchmal verdünnen sie den mit dem Kaffee. Das können wir schlecht kontrollieren.“ Nur selten müssen Klöpfer und seine Kollegen die „110“ wählen. Hausverbote für vier Stunden oder auch einmal eine ganze Woche sind die üblichen Strafen bei Verstößen und kommen ab und zu vor. „Nicht alle Gäste wollen mit uns reden. Wir hatten einmal einen Drogenabhängigen, der sich im Toilettenwagen zu viel gespritzt hat. Wir haben den Notarzt gerufen. Der hat ihn wieder aufgepäppelt und als der Mann wieder halbwegs stehen konnte, ist er sofort gegangen.“ 

Klöpfer und sein Team können nicht jedem helfen. Wie fühlt sich der Vesperkirchen-Leiter, wenn sich nach der Andacht um 16.15 Uhr die Türen schließen und er Bedürftige wieder in die Kälte schicken muss? „Damit muss man leben. Stuttgart hat ein enges soziales Netz. Oft ist es ihre freie Entscheidung, in der Kälte zu übernachten. Wir schenken ihnen lieber ein paar Stunden Lebensfreude, als gar keine.“

Der Zwilling von Will Smith joggt vorbei. In einer halben Stunde schließt die Vesperkirche. Er muss seinen Akku noch einmal laden. 



*Die Namen wurden von der Autorin geändert.