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Bekim Agai: Der Islamwissenschaftler

Muslime sind so friedlich oder unfriedlich wie andere Menschen, sagt Bekim Agai. Der Professor für Kultur und Gesellschaft des Islam in Geschichte und Gegenwart an der Goethe-Universität Frankfurt hat das Institut für Studien und Kultur des Islam mit aufgebaut. Dem Wissenschaftler mit Hang zu spannungsreichen Themen widmen wir Folge 277 unserer Serie "Der rote Faden", in der wir Menschen vorstellen, die Besonderes für Frankfurt leisten.

Von Henriette Nebling

Konflikte haben ihn schon immer fasziniert. Bekim Agai wächst in Essen auf, seine Mutter stammt aus der Uckermarck, sein Vater kommt aus dem heutigen Mazedonien. In seiner Jugend beherrschen der Nahost-Konflikt, der erste Golfkrieg und der Bosnienkrieg die Medien. „Der Letztere hat mich vor allem beschäftigt, mein Vater ist Mazedonier, dementsprechend war der persönliche Bezug besonders groß. Schon damals ahnte ich, dass die Wirklichkeit komplexer ist als das, was uns hier erreicht", sagt der 44-Jährige. Er sitzt mit übergeschlagenen Beinen am runden Besprechungstisch seines Büros in der Varrentrappstraße: Blasser Teint und keine Falte im Gesicht - man könnte ihn mühelos für einen Studenten statt für einen Professor halten, wäre da nicht die förmliche Garderobe, bestehend aus Hemd, feiner Hose und dunkelblauem Jackett.

Agai leitete von 2013 bis zu diesem Jahr das Institut für Studien und Kultur des Islam an der Goethe-Universität, das 2009 gegründet wurde und sich noch immer im Aufbau befindet. Nach wie vor ist er Leiter der Akademie für Islam in Wissenschaft und Gesellschaft (AIWG) sowie Direktor des Zentrums für Islamische Studien Frankfurt / Gießen (ZEFIS). Die AIWG will die islamisch-theologischen Studien im deutschen Wissenschaftssystem festigen und den Austausch zwischen Wissenschaft und Gesellschaft fördern. Das ZEFIS ist eine gemeinsame Einrichtung der Uni Frankfurt und der Justus-Liebig-Universität Gießen. Es koordiniert die Forschung, Lehre und Religionslehrerausbildung im Bereich Islamische Studien und Islamische Religion. Klingt alles erst mal sehr trocken, ist es für Agai aber nicht, der, wie er selbst sagt, mit Leidenschaft bei der Sache ist und aus der Fülle seiner Erfahrungen schöpft.


Faszinosum Konflikt

1993 schreibt er sich an der Universität in Bonn für die Fächer Islamwissenschaften, Geschichte und Psychologie ein, ersteres im Haupt-, die anderen in Nebenfächern. „Ich hatte viele unterschiedliche Interessen", erklärt er die Wahl seiner Studienfächer. „Mich fasziniert das Konflikthafte, Spannungsgeladene." Psychologie beschäftigt sich mit unterbewussten Konflikten, Geschichtswissenschaftler rekonstruieren Ereignisse entlang der Brüche. „In der Geschichtsschreibung werden Frieden, ruhige Phasen, Phasen der Entspannung nicht wahrgenommen, weil dann relativ wenig passiert, was von Interesse ist. So kommt es, dass beispielsweise die Geschichte der Muslime in Spanien hoch konflikthaft wirkt, obgleich es in Wahrheit durchaus lange Episoden der relativen Ruhe gab", sagt Agai. Spannend ist für ihn vor allem, an welchen Stellen es zu Brüchen kommt.

Lehrveranstaltungen gibt Agai derzeit nur wenige, das Administrative und Organisatorische nimmt mehr Raum ein - zwei Veranstaltungen können Studenten in diesem Semester bei ihm belegen. Den akademischen Duktus verlässt er im Interview dennoch nur selten, vielleicht ist er ihm in Fleisch und Blut übergegangen, vielleicht gibt er ihm auch Sicherheit. Redet er ein mal nicht über sein Fachgebiet, dann befinden sich durchaus Worte wie „krass" oder „mega" in seinem Sprachgebrauch - beispielsweise, wenn er sich über die Unzuverlässigkeit der Deutschen Bahn beklagt... Bekim Agai lebt mit seiner Familie in Siegburg bei Bonn und pendelt mit dem Zug nach Frankfurt. Seine Frau ist Leiterin des „Center of Applied Research in Partnership with the Orient" (CARPO) in Bonn. Ob die wissenschaftlichen Diskussionen dann auch daheim weitergeführt werden? „Zum Teil", sagt er, „aber wir haben schon sehr unterschiedliche Ansätze, da sie vornehmlich in der Politikberatung ist." Diesen Sommer sind die beiden Eltern von Zwillingen geworden, einem Jungen und einem Mädchen.


Agai denkt assoziativ, springt rasch zwischen den unterschiedlichen Themengebieten, verknüpft, stellt Bezüge her. Gleich zu Beginn des Gesprächs kommt er auf die Migrationsdebatte und die Rolle von Religion in der Migration zu sprechen: „In der Migration erlebt Religion einen Funktionswandel; Identität, Sprache, Religion erleben einen Bedeutungswandel. Nie fühlt man sich deutscher, als dann, wenn man im Ausland ist", sagt er, der die Worte „die Deutschen" und „wir" oft synonym verwendet. Vielleicht erinnert er sich bei diesem Satz an seine eigenen Reisen? Sechs Monate lang lebte er in Ägypten. Wer in einem Land fremd sei, besinne sich auf seine eigenen Wurzeln. Werde ihm zudem von außen zu verstehen gegeben, dass er anders ist und nicht dazu gehört, so werde die Kluft zwischen der Heimat-Kultur und der neuen Kultur umso größer. Agai ist selbst Kind eines Migranten. Er sieht in der Zugehörigkeit zu einer Minderheit eine Chance, die er nutzte: „Minderheiten haben nicht die Möglichkeit, sich über sich selbst schöne Geschichten zu erzählen. Sie müssen sich in Frage stellen, weil Andere sie in Frage stellen. Das kann als prekäre Situation empfunden werden, aber auch als Herausforderung, die man annimmt."

Agai wächst zusammen mit seiner jüngeren Schwester in Essen auf. Sein Vater stammt aus dem heutigen Mazedonien und siedelte Ende der 1960er Jahre nach Deutschland um. Seine Mutter kommt aus Brandenburg. Religiös sind beide Eltern, der Vater sunnitischer Muslim, die Mutter Protestantin. Agai sagt: „Beides wurde uns Kindern als Möglichkeit angeboten, wir konnten es uns aussuchen. Vor allem wurde uns aber vorgelebt, dass Religion etwas Gutes für den Menschen sein soll, etwas, das ihm hilft und Antwort auf Fragen gibt, auf die es sonst keine Antworten gibt."


Die muslimische Religion fasziniert Agai schon in seiner Jugend mehr als das Christentum, er beschäftigt sich damit und begibt sich so vielleicht auch auf die Suche nach seinen eigenen Wurzeln. Für ihn ist Religion etwas sehr Individuelles. Darüber, woran er selbst glaubt und ob er praktizierender Moslem ist oder nicht, möchte er öffentlich, also beim Interview nicht sprechen, er will dadurch nicht in Kategorien oder Schubladen gesteckt werden. „Das ist meine ganz persönliche Sache."


Prioritäten setzen

Während des Studiums lernt Agai Arabisch und geht Mitte der 1990er Jahre für ein Semester nach Kairo, um neben dem schriftlichen auch das gesprochene Arabisch zu üben. „Das war auch 'ne Zeit lang ganz gut", sagt er. „Ein Deutscher spricht Arabisch mit ägyptischem Akzent... momentan leider ein wenig eingerostet. Zu viel Verwaltung, zu wenig Reisen." Viel Zeit für Hobbys und private Interessen bleiben dem Wissenschaftler angesichts all' seiner Aufgaben ohnehin nicht. „Man verzichtet auf Dieses und Jenes und zählt auch besser nicht die Arbeitsstunden, aber das ist in Ordnung, wenn man Leidenschaft für die Sache hat." Früher war Agai im Mannschaftssport aktiv, spielte Basketball, heute geht er ins Fitnessstudio und in Sportkurse, um die Ausdauer zu trainieren oder sich auszupowern. Wenn die Zeit es erlaubt, liest er Krimis zur Entspannung. „Es muss nicht immer alles hochtrabend sein." Sein letzter Roman war John Grisham's „The Rooster Bar", den er auf einer England-Reise erstanden hat.


Für ihn gibt es keine einfachen Wahrheiten. Er sieht die Welt in Graustufen, sucht nicht nach offensichtlichen Antworten, sondern nach der Wechselseitigkeit von Dingen und den Wahrheiten, die oft in der Mitte zweier extremer Positionen liegen. Nicht selten nimmt er dabei eine Vermittlerrolle ein. „Den doppelten Spiegel, den hab ich immer dabei", sagt er mit einem Schmunzeln. Beispiel: Die Diskussion um die Rolle von Gewalt im Koran. Agai argumentiert sowohl gegen jene, die behaupten, der Islam sei eine aggressive, rückständige Religion, wie auch gegen jene, die den Islam als reine Religion des Friedens sehen wollen.

„Man kann nicht über bestimmte islamistische Gruppen sagen, sie hätten den Islam falsch verstanden, das hätte alles nichts mit der eigentlichen Religion zu tun." Dieses Verhalten sei ein Reflex, den er bei vielen Muslimen erlebe, die ihre eigenen Religion nicht kritisch hinterfragen wollen, die nicht wahrhaben wollen, dass auch islamistische Bewegungen im Koran Nährboden für ihre Haltungen finden können. „Ich kann nicht eine selektive Auswahl an Zitaten, die Gewalt legitimieren, kontern mit einer selektiven Auswahl von Zitaten, die Gewalt delegitimieren", sagt Agai. Den Koran müsse man ganzheitlich lesen und innerhalb seines entstehungsgeschichtlichen Kontexts zu verstehen suchen.

Im Tagesspiegel hat Agai kürzlich einen Kommentar zu Thilo Sarazins neuestem Buch „Feindliche Übernahme" veröffentlicht. Darin kritisiert er, dass sich Sarazin voreingenommen und ohne die nötigen Kenntnisse und Grundlagen mit dem Koran befasse, seiner Entstehungsgeschichte und den textimmanenten Widersprüchen nicht gebührend Rechnung trage, ihn aus seinem historischen Kontext heraus reiße, etwaige Parallelen zur Bibel und dem Christentum ausblende und Muslime auf den Stereotyp des „Homo Koranicus" reduziere. Muslime seien für Sarazin allesamt Menschen, die ihr Leben, Denken und Wirken einzig nach dem Koran und nicht nach ihrem aktuellen Lebenskontext ausrichten. „Muslime sind aber weder damals noch heute aus der Zeit gefallen", sagt Agai, der sich bei diesem Thema in Rage reden kann. Er betont: „Muslime bilden kein Kollektiv!"

Ihm ist wichtig darauf hinzuweisen, dass die islamischen und die europäischen Kulturen in ihrer Entwicklung nicht so weit auseinander liegen, wie häufig behauptet werde. „Wenn jemand nach den Menschenrechten im Koran sucht, so sucht er natürlich vergeblich. Der Koran ist ein Text aus dem spätantiken Arabien, die Menschenrechte sind ein Konzept der Moderne. Ich könnte ebenso das Flugzeug im Koran suchen." Genauso verhalte es sich mit der Botschaft des Friedens unter den Völkern oder der Gleichstellung der Frau. Nur weil sie im Koran nicht enthalten seien, hieße das nicht, dass moderne Muslime nicht offen dafür sein könnten.


Alle Fakten auf den Tisch

Agai sieht sich selbst in der Tradition islamischer Gelehrter, die kritisch über ihre Glauben nachdenken: „Religion kann und soll mit dem Verstand in Einklang gebracht werden, damit steht man in einer guten muslimischen Tradition", sagt er. Dabei verweist er auf eine gelehrte Tradition, die in der oft als „Blütezeit des Islam" bezeichneten Ära in der arabischen Welt des 9. bis 14. Jahrhunderts stark war. „Ich will mir nicht die Realität entgegen der Empirie zurecht biegen", so Agai. „Für mich müssen alle Fakten auf den Tisch." Das sei die Zumutung der Moderne an die Religion: Die Religion müsse sich allen Zugängen zur Wirklichkeit stellen.

Kritisch erlebt er die Engführung der Integrations-Debatte in der Gegenwart, spricht von einer „Vertalkshowung" des politischen Diskurses. Um sich dem entgegen zu stellen, gibt er von Zeit zu Zeit Interviews, schreibt Kommentare oder referiert bei politischen Veranstaltungen. „Ich denke, es ist die Aufgabe einer Wissenschaft mit Gesellschaftsbezug, die eigene Expertise so herunter zu brechen, dass sie Gehör findet." Die Islamdebatte und die Art, wie sie aktuell in Deutschland und Europa geführt wird, besorgt ihn: „Sie ist eine Tarnkappe, unter der die Grundrechte ausgehöhlt werden." Religions- und Meinungsfreiheit würden bedroht, das Anderssein nicht mehr akzeptiert. Die AFD bezeichnet er als die Idee einer „autoritär geführten nationalen Kuschelgesellschaft", die nur darüber funktioniere, bestimmte Gruppen auszuschließen. Doch Europa sei nicht wegen der Muslime im Umbruch. „Europa ist im Wandel, weil alles im Wandel ist."

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