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Israel für Entdecker: Ein Reisetagebuch

Von einem grellen, nicht enden wollenden Klingeln wird Hannah aus dem Tiefschlaf gerissen. Sie geht fest davon aus, dass das der Raketenalarm sein muss. Vorher hatten wir uns noch darüber unterhalten, was der Reiseführer zum Verhalten in einer Krisensituation empfiehlt. Bei einem längeren Urlaub in Israel ist es gar nicht so ungewöhnlich, einen Raketenalarm mitzubekommen, schließlich greifen Gaza und Israel sich regelmäßig gegenseitig an. Vor allem der Süden Israels ist davon stark betroffen. Raketen auf Jerusalem wären hingegen schon ein ungewöhnliches Ereignis. Trotzdem sind Björn und Hannah in dieser Nacht auf dem Weg in den sicheren Kellerraum des Hauses. Währenddessen hat sich Tobias, mit Ohrstöpseln, noch einmal umgedreht und schläft weiter.

3. Tag: Hamburger Schietwetter in Jerusalem

Es regnet, viel mehr, als wir es in Hamburg gewohnt sind - und das heißt einiges. Wir gehen zu Fuß einkaufen und sind nach wenigen Sekunden komplett durchnässt. Auf weitere Outdoor-Aktivitäten verzichten wir lieber und planen stattdessen die nächsten Tage. So ein Bürotag ist ja auch mal ganz schön.

4. Tag: Tolle Stimmung im leeren Stadion

Heute treffen wir uns wieder mit Renan, unserem Stadtführer vom zweiten Tag. Er ist nicht nur Guide, sondern auch Mitbegründer eines Fußballvereins, der sich für ein friedliches Zusammenleben von Juden und Arabern einsetzt. Beitar Nordia Jerusalem spielt heute in der zweitgrößten Arena des Landes, dem Teddy Stadion. Wir sind überrascht, in was für einer gigantischen Arena in Israel Drittliga-Partien ausgetragen werden. Eine Dreiviertelstunde vor dem Anpfiff warten außer uns nur zwei Fans der Auswärtsmannschaft vor dem Ticketschalter. Nach und nach ziehen ein paar schwarz-gelb gekleidete Ultras mit großen Fahnen in das leere Stadion ein. Der Klub Beitar Nordia Jerusalem wurde 2014 von Fans gegründet, die sich vom diskriminierenden und rassistischen Verein Beitar Jerusalem abgrenzen wollten. Am Ende belegen die Fans wohl 100 der 32.000 Plätze. Für Stimmung sorgen sie trotzdem.

5. Tag: Felswandverkostung

Keine zehn Kilometer von Jerusalem entfernt liegt Bethlehem. Dennoch ist es den Israelis verboten, die Stadt zu besuchen und ins Westjordanland einzureisen. Wir fahren dagegen einfach mit dem Bus bis zur Grenze, passieren vier Drehkreuze sowie einige lange Gänge und sind ohne Passkontrolle auf der anderen Seite. Die Grenzmauer hat sich auf palästinensischer Seite zu einer Street-Art-Plattform entwickelt, auf der Hunderte Künstler mit Graffiti ihrem Unmut über die aktuelle politische Lage Luft machen. Uns lassen diese Eindrücke mit einem Kloß im Hals zurück. An der Grenzmauer sind wir fast die einzigen Fremden. Im krassen Gegensatz dazu ist es in der Innenstadt extrem voll, weil die meisten Touristengruppen direkt dorthin gefahren werden. Es ist so voll, dass wir den geplanten Besuch der Grabeskirche erst einmal aufschieben. Stattdessen gehen wir in die wenige Meter entfernte Milchgrotte. Hier soll die stillende Maria einen Tropfen ihrer Muttermilch verloren haben. Wenn eine Frau nun ein Stück der Felswand der Grotte isst, soll sich dem Mythos nach ihre Fruchtbarkeit erhöhen. Als letzte Station in Bethlehem besuchen wir ein weltberühmtes Kunstwerk: Banksys "Flower Thrower" schmückt gut versteckt die Rückseite einer Tankstelle. Zum Glück leitet der Tankwart die ankommenden Touristen freundlich lächelnd in die richtige Richtung. Die Einreise zurück nach Israel fällt deutlich strenger aus. Zwei schwer bewaffnete Soldaten steigen in den Bus ein und verlangen die Pässe aller Reisenden.

6. Tag: Bunter Blumenkohl und ein Viertel in Schwarz-Weiß

Bei einem weiteren Spaziergang durch Jerusalem besichtigen wir markante Plätze aller drei monotheistischen Religionen. Erst geht es zum Abendmahlsaal - schmucklos, unspektakulär und auch erst im Mittelalter erbaut. Beeindruckender ist die deutsche katholische Kirche. Sie steht an der Stelle, an der Maria gestorben sein soll. Unter zahlreichen riesigen Goldmosaiken wird die Mutter Jesu hier verehrt, besungen und angebetet. Nach der christlichen Kirche erkunden wir das arabische Viertel der Altstadt. Auf den Märkten entdecken wir viele bunte Dinge wie Süßigkeiten, Trockenfrüchte und eingelegten pinkfarbenen Blumenkohl. Der Markt ist nicht nur bevölkert von Touristen. Immer wieder begegnen uns große und kleine Gruppen von uniformierten Jugendlichen. In Israel beginnt die Wehrpflicht direkt nach der Schule - drei Jahre für Männer und zwei Jahre für Frauen. Fast alle Soldaten und Soldatinnen sind jünger als wir. Auf dem Heimweg durchstreifen wir das Viertel Me'a She'arim, in dem vor allem ultraorthodoxe Juden leben. Der Stadtteil wirkt wie aus der Zeit gefallen. An den Häuserwänden hängen weiße Plakate mit schwarzer hebräischer Schrift, die Besucher darauf hinweisen, sich bedeckt zu kleiden. Auch die Einwohner sind ganz in Schwarz und Weiß gekleidet.

7. Tag: Der schnellste Rettungsdienst der Welt

Heute besuchen wir die Zentrale von United Hatzalah. Der landesweite ehrenamtliche Rettungsdienst braucht im Schnitt keine drei Minuten, um nach einem Anruf an der Unfallstelle zu sein - in größeren Städten wie Jerusalem oder Tel Aviv sogar nur 90 Sekunden. So schnell ist kein anderer Dienst auf der Welt. Vor Ort zeigt uns Raphael Poch die Zentrale und bringt uns das Heimlich-Manöver bei, mit dem Menschen vor dem Ersticken gerettet werden. Zudem sprechen wir mit dem muslimischen Notfallsanitäter Ayman Ibrahim über sein Ehrenamt.

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