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Ägyptischer Filmemacher Youssef Chahine: Der große Seher des arabischen Kinos

Vor fast genau 50 Jahren drückt sich ein humpelnder Zeitungsjunge in den Hallen des Kairoer Hauptbahnhofs herum. Er ist neu in der Stadt, das Dorf liegt hinter ihm, und vor ihm: Pin-up-Girls. Sie schmücken die Wände des Bretterverschlags, in dem er haust. Doch auch diese leicht bekleideten Frauen helfen ihm in seiner verzweifelten Liebe zur Getränkeverkäuferin Hanouma nicht viel. Qenawi heißt die unglückliche Hauptfigur in "Bab al-Hadid" (Kairo Hauptbahnhof, 1958), gespielt vom Regisseur selbst: Youssef Chahine.

Das Berliner Arsenal-Kino hat den Vater des ägyptischen - sogar des arabischen - Kinos soeben in einer Retrospektive gewürdigt. Nicht jeder seiner 44 Filme war im cineastischen Sinne gut. Aber alle seine Filme sind lebhafte Dokumente der ägyptischen Zeitgeschichte. Vor allem deshalb ist das Gesamtwerk dieses 2008 verstorbenen, leidenschaftlichen Filmemachers so wertvoll für die heutige Zeit.

"Ein Besessener"

"Chahine war ein Besessener", sagt Marianne Khoury. "Es gab nur eine ganz schmale Trennlinie zwischen dem Kino und seinem privaten Leben. Alles war miteinander verwoben, sogar seine Familie." Khoury weiß, wovon sie spricht, sie ist Produzentin, Filmemacherin - und Chahines Nichte. Sein Schaffen habe sich angefühlt, wie einem Kult beizutreten.

Youssef Chahine war ein freier Kopf, Zeit seines Lebens ließ er sich äußerst ungern in etwas hineinreden. Das zeigen auch seine Stoffe: Früh thematisierte er die Konflikte zwischen den einfachen Leuten und Vertretern der Oberschicht oder des Staates.

Immer wieder leiden seine Figuren unter sexueller Frustration, die zum Brutboden für Brutalität wird, unter dem prekären Leben in der Großstadt oder unter Repression der Polizei. Mehrere Filme lassen sich teilweise wie seherische Vorgriffe auf die Streiks in der ägyptischen Textilindustrie ab 2007 deuten, die letztlich zur Revolution von 2011 führten.

Alexandria... warum?

Ohnehin sind Arbeiterrechte ein häufiges Thema in Chahines Werk: In einer durchaus witzigen Szene in "Iskindereya... leh?" (Alexandria... warum?, 1978) fragt ein Jugendlicher seinen Oberschicht-Papa nach fünf Pfund. "Fünf Pfund? Das ist ja der Lohn von fünf Arbeitern!" Der Sohn erwidert: "Aber die sind unterbezahlt", worauf der Vater meint: "Soso, der Junge denkt, er sei Kommunist."

Am Ende lässt er seinem Sohn natürlich das Geld zustecken, es wird ihm kaum wehtun. "Alexandria... warum?" wurde 1979 mit dem Silbernen Bären der Berlinale ausgezeichnet. Chahines Ruhm war damit endgültig auch weltweit gefestigt.


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