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Politischer Jahresrückblick: Die zehn Gewinner und Verlierer 2018

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Die Grünen unter Annalena Baerbock (v.r.) und Robert Habeck ritten 2018 auf der Erfolgswelle, für SPD-Chefin Andrea Nahles wurde das Jahr dagegen eher zur Talfahrt Foto: Kay Nietfeld / dpa, FELIPE TRUEBA/EPA-EFE/REX


Selten war ein Jahr politisch so turbulent wie 2018: Eine fragile Koalition, die AfD als größte Oppositionspartei im Bundestag, die deutschen Volksparteien im Sturzflug - und das Ende der Ära-Merkel. Das Auf und Ab in der Politik hatte auch Folgen für das politische Personal. Einige Politiker konnten sich 2018 mit Glanzleistungen hervortun und auf der Karriereleiter nach oben klettern. Andere hat das Jahr tief in die Krise - oder sogar ins politische Aus gestürzt. BILD stellt die zehn Gewinner und Verlierer der deutschen Politik vor: Die Gewinner in 2018 

 ▶︎ Annegret Kramp-Karrenbauer (56), neue CDU-Chefin: 

 Ähnlich wie Merkel steht sie für einen liberalen Kurs - wurde oft als ihre Kopie belächelt. Aber AKK kann auch austeilen. In ihrer Parteitagsrede zeigte sie sich kämpferisch: „Ich stehe hier als Mutter, Innenministerin, Bildungsministerin und Ministerpräsidentin." Sie habe in 18 Jahren gelernt, was Führung bedeute. Sie habe Wahlen gewonnen, „weil ich so bin, wie ich bin".

Vom Saarland an die Spitze der CDU. Annegret Kramp-Karrenbauer - kurz oft auch „AKK" - hat 2018 einen glänzenden Aufstieg hingelegt. Im Februar wechselte sie als Saarland-Chefin in das Amt der Generalsekretärin - mit fast 99 Prozent der Stimmen. Dann im Dezember wurde AKK zur neuen CDU-Chefin mit 51,7 Prozent der Stimmen.


▶︎ Bündnis90/Die Grünen


Unter ihnen wollen die Grünen die„führende Kraft der linken Mitte" werden. Ihre Strategie: Den Heimat-Begriff mit allen Chancen der Migration positiv besetzen - und sich klar als „Anti-AfD" positionieren. Besonders günstig für die Grünen: Der Hitze-Sommer brachte das Thema Klimaschutz zurück - das Herzensthema der Partei. 
 ▶︎Gesundheitsminister Jens Spahn (38)

Nach Traumergebnissen bei den Landtagswahlen in Bayern und in Hessen im Oktober, sind die Grünen in vielen Umfragen die zweitstärkste Partei. In den letzten Wochen trennten sie nur wenige Prozentpunkte von der CDU. Die Gesichter des Grünen-Hypes: die Partei-Vorsitzenden Robert Habeck und Annalena Baerbock.

AKK will ihn in die künftige Neu-Ausrichtung der Partei miteinbeziehen. Einen Platz im Präsidium hat Spahn seit Hamburg ebenfalls. Gerade für den konservativen CDU-Flügel könnte er seinen Einfluss noch weiter ausbauen. Die Wahl zum CDU-Chef hat Spahn zwar verloren, die Chancen für den 38-Jährigen stehen aber weiterhin gut.

Eigentlich war Jens Spahn (38) als aussichtsloser Kandidat im Wettrennen um den CDU-Vorsitz angetreten. Dann beim Parteitag in Hamburg die Überraschung: Eine starke, leidenschaftliche Rede - und immerhin 15,7 Prozent der Stimmen im ersten Wahlgang. „Ein Achtungserfolg", wie viele Kollegen immer wieder betonten.


▶︎ Justizministerin Katharina Barley, (50, SPD)


Als nationale Spitzenkandidatin könnte Barley aber womöglich eine führende Rolle der Sozialdemokraten im Europaparlament übernehmen. 

▶︎ Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (76)

Ihre Wahl war womöglich das einzige gute SPD-Ergebnis im ganzen Jahr. Mit 99,0 Prozent wurde Justizministerin Katharina Barley als Spitzenkandidatin zur Europawahl gewählt. Sollte Barley bei der Europawahl Ende Mai 2019 gewählt werden, müsste sie das Justizministerium und ihr Bundestagsmandat zwar aufgeben.


▶︎ Juso-Chef Kevin Kühnert (SPD, 29)

Gerade mal ein Jahr ist Kevin Kühnert Juso-Chef, seine Medienpräsenz kann aber längst mit den Spitzenpolitikern der SPD mithalten. Als Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen radikale Kräfte in der SPD für sein Aus verantwortlich machte, twitterte Kühnert mit einem Augenzwinkern, es sei eine Ehre, dass sich Maaßen von den Jusos aus dem Amt gedrängt fühle: „Schreiben wir uns so in den Briefkopf."

 

Ungeschlagen führt er die Liste der beliebtesten deutschen Politiker an - und anders als Kanzlerin Angela Merkel konnte er sich trotz der Krise in der CDU an der Spitze halten: Wolfgang Schäuble. Und dafür gibt es einigen Grund: Er gilt als Instanz seiner Partei, verhinderte bisher eine Spaltung der CDU und CSU. Nach den Ausschreitungen in Chemnitz fand er für viele den richtigen Ton, kritisierte die Gewalt, forderte aber auch die Sorgen der Bürger ernst zu nehmen. Die Wahlschlappe von Merz verpasste Schäuble, der sich davor offen für seinen Favoriten aussprach, einen Dämpfer. Die Niederlage nahm Schäuble aber gelassen hin und gratulierte AKK zu einem „starken Sieg" gegen „starke Gegner".


▶︎Bundestagsabgeordneter und Jurist Philipp Amthor (25, CDU) Philipp Amthor gilt als CDU-Jungstar. 

Während der 25-Jährige oft auf sein Alter reduziert wird, sorgte er im Februar mit seiner ersten Bundestagsrede für Aufsehen. Das Thema: Die AfD hatte einen Antrag eingebracht, dass die Bundesregierung das Tragen von Gesichtsschleiern verbieten soll - und den zerpflückte Amthor mit juristischen Argumenten.

 

Nach der Bundestags-Wahl wurde Kühnert zu einem der Gesichter des Anti-GroKo-Lagers. Auch in der Hartz-IV-Debatte pochte Kühnert auf seine Alternative zum Arbeitslosengeld. Eine Vorfahrt für junge Kandidaten bei der Europawahl setzte er durch. Gerade jetzt, wo die erste Reihe der SPD um Andrea Nahles schwächelt, könnte Kühnerts Einfluss auf die Partei wachsen.


„Ein Viertel ihrer Fraktion sind Juristen, diese Expertise findet sich in ihrem Antrag aber in keiner Weise wieder", startete Amthor seine AfD-Klatsche. Einen Fehler nach dem anderen zählte der 25-Jährige lässig auf und parierte auch Zwischenfragen der AfD souverän. Dann der Höhepunkt: „Hören Sie mir mal zu, dann können Sie noch was lernen über die Verfassung." Mit dieser ersten Rede hat Amthor sich Gehör verschafft, das kann er künftig gewinnbringend nutzen.


▶︎ Friedrich Merz (CDU, 63)


Aber: Merz verlor die Wahl nur knapp mit 35 Stimmen. Davor galt er als klarer Favorit, vor allem der konservativen CDU um Partei-Übervater Wolfgang Schäuble. Das weiß auch Kramp-Karrenbauer, die eine konservative Schlüsselfigur braucht. Bei einer möglichen Kabinettsumbildung - etwa im Falle eines Rücktritts von Innenminister Horst Seehofer - könnte für Merz ein Posten frei werden - vielleicht sogar im Wirtschaftsministerium.

 

Seine Kandidatur galt als das Comeback des Jahres. Nach der knappen Wahlschlappe um den CDU-Vorsitz steht Ex-Fraktions-Chef Friedrich Merz aber nicht unbedingt wie ein Gewinner da. Seine Rede auf dem Parteitag schlug nicht so ein, wie erwartet. Im zweiten Wahlgang zog AKK dann doch an ihm vorbei. Eine Wahl ins Präsidium schloss Merz nach der Niederlage aus.



▶︎ Außenminister Heiko Maas (SPD, 51)


Es war die Umfragen-Überraschung im September: Heiko Maas löste Angela Merkel als beliebteste Politikerin ab. Im ARD-„DeutschlandTrend", erhoben von infratest-dimap, bekam er Zustimmungswerte von 48 Prozent. Im Vergleich zum Vormonat ein Anstieg um acht Prozentpunkte.


Bei anderen Umfragen wie dem ZDF-„Politbarometer" erreichte Maas zwar nicht den ersten Platz, gehörte aber immerhin zu den beliebtesten Politikern. Der Grund für die überraschenden Maas-Sympathien ist immer noch ein Rätsel. Hintergrund könnte das Amt als Außenminister sein. Anders als in seinen bisherigen Ämtern konnte Maas hier sein Profil schärfen. Auch die zunehmende Unbeliebtheit anderer Politiker ließ den Außenminister nach oben klettern.


▶︎Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU, 64)

Auf den ersten Blick war 2018 für Angela Merkel kein gutes Jahr. Die Regierungsbildung dauerte viel zu lange. die Kritik an ihrer Flüchtlingspolitik wuchs und die CDU verlor zunehmend in den Umfragen - und auch bei den Landtagswahlen in Bayern und Hessen. 


Seit die Kanzlerin ihren Rücktritt von der CDU-Spitze bekannt gegeben hat, kletterten ihre Sympathie-Werte aber wieder nach oben. Auch bei den Delegierten auf dem Parteitag überwog am Ende nach 18 Jahren Merkel-Vorsitz die Dankbarkeit. Mehr als zehn Minuten Applaus, Jubelrufe und orange Schilder mit der Aufschrift „Danke Chefin". Mit AKK hat außerdem ihre Geheim-Favoritin gewonnen. Und auch den UN-Migrationspakt, ein Herzensthema Merkels, brachte die Kanzlerin durch den Bundestag. Nach einem turbulenten Jahr mit mehr Abs als Aufs geht Merkel dennoch als Siegerin vom Platz.


Die Verlierer in 2018

 

▶ ︎ Ex-SPD-Chef Martin Schulz (62)


Schulz hatte hoch gepokert und hoch verloren: Vom Ex-Präsident des Europaparlaments, Ex-SPD-Chef und Ex-Kanzlerkandidat zum einfachen „Bundestagsabgeordneten". Im Parlament polterte er heftig gegen die AfD, wollte Fraktionschef Alexander Gauland auf den „Misthaufen der Geschichte" werfen und erntete dafür Kritik. Aber Schulz hat ein großes Netzwerk, war 2018 viel im Ausland unterwegs - und ist mit der Politik noch nicht fertig.

Schon 2017 ging für Martin Schulz mit einer derben Niederlage bei der Bundestagswahl zu Ende. 2018 musste er dann auch das Amt des SPD-Chefs zurückgeben - und wurde von Andrea Nahles abgelöst. Der Grund: Nach seinem vehementen Nein zur GroKo führte er seine Partei dann doch in eine Koalition. 



 ▶︎ Verfassungsschutz-Chef Hans-Georg Maaßen (56, CDU)

 

Wie man seine Karriere in nur wenigen Wochen zerstört, stellte im Sommer Ex-Verfassungsschutz-Chef Hans Georg Maaßen unter Beweis. Nach den Ausschreitungen von Chemnitz erklärte er, es gebe keine Hinweise auf Hetzjagden auf Migranten und widersprach damit Angela Merkel. Maaßens geplante Versetzung als Staatssekretär, dann als Sonderberater sorgte für heftige Kritik aus der Bevölkerung. 


Bei einem Treffen europäischer Geheimdienstchefs schoss Maaßen sich endgültig ins politische Aus. Er kritisierte die Koalition scharf und sprach von „linksradikalen Kräften" in der SPD. Ein Schritt, der ihm nach Bekanntwerden seiner Rede die Unterstützung seines letzten Verbündeten Innenminister Horst Seehofers kostete: Entlassung statt Versetzung.


▶︎FDP-Chef Christian Lindner (39)


An den Erfolg bei der Bundestagswahl 2017 konnte die FDP in den Umfragen nicht so richtig anknüpfen. Die Grünen laufen den Liberalen stattdessen den Rang ab. Seit der Landtagswahl in Hessen gibt sich Lindner kompromissbereiter: Auch Jamaika ginge, aber nur ohne Angela Merkel. Die Wahl von Annegret Kramp-Karrenbauer sieht er als Aufstiegschance. In einem BILD-Interview sagte er, die FDP wolle nun aktiv um frustierte CDU-Mitglieder werben.

„Lieber nicht regieren, als falsch regieren", mit diesem Satz schoss Christian Lindner die geplante Jamaika-Koalition 2017 ins Aus. Ein Schritt für den der FDP-Chef in 2018 bei jedem Spruch gegen die GroKo - vor allem im Bundestag - Kritik um die Ohren gehauen bekam.


▶︎ Innenminister Horst Seehofer (69, CSU)


Als neuer Innenminister ging er von Bayern nach Berlin. Sein Satz, die Migration sei „die Mutter aller Probleme" sorgte für Kritik. Schnell hieß es, der Innenminister sei vielmehr „die Mutter aller Probleme" der Koalition, immer wieder drohte er mit Rücktritt. Für das Amt als CSU-Chef zog Seehofer den auch durch: Im Januar 2019 gibt er den Posten ab.

 

Seine scharfe Kritik an Angela Merkel und ihrer Flüchtlingspolitik, der dadurch aufflammende Konflikt zwischen CDU und CSU, seine lange Unterstützung für Hans-Georg Maaßen nach seinen umstrittenen Äußerungen und zuletzt die dicke Klatsche für die CSU bei der Bayern-Wahl - die Liste an Tiefs für Horst Seehofer in 2018 ist lang.


▶︎ Ex-Außenminister Sigmar Gabriel (59, SPD)


Und noch ein SPD-Spitzenpolitiker, der nach 2017 einfacher Bundestagsabgeordneter ist. Außenminister wäre Gabriel gerne geblieben, aber die neue Parteiführung wollte das nicht. Und dann war auch noch Martin Schulz als Nachfolger im Gespräch. Gabriel versuchte es mit Humor und zitierte seine Tochter. Sie fand: „Jetzt hast du doch mehr Zeit mit uns. Das ist doch besser als mit dem Mann mit den Haaren im Gesicht." Für die Anekdote erntete Gabriel Kritik.

Seitdem versucht er mit Kommentaren zur Politik seiner Partei ins politische Rampenlicht zurückzukehren. Jüngstes Beispiel ist sein Kommentar zum SPD-Trauma Hartz IV: „Die SPD muss aufpassen, dass sie keine Hartz-IV-Partei wird." Wer weiß, vielleicht gibt es ein Comeback.
 



▶︎AfD-Fraktionsvorsitzende Alice Weidel (39)

Eigentlich inszeniert sich die AfD gerne als Moralinstanz der deutschen Parteienlandschaft - und schaffte es mit diesem Image in 2018 als Fraktion in die letzten AfD-freien Landtage. Die Affäre um illegale Schweizer Geldspenden für Alice Weidel greift das Image der Partei allerdings stark an. 


Die Spenden-Affäre sorgte auch für Zoff in der Partei. Nach BILD-Informationen habe Co-Vorsitzender Gauland wegen Weidel getobt. Intern gilt sie als Vorsitzende auf Bewährung. Denn nach der Affäre büßte Weidels AfD, die im September in Umfragen die zweitstärkste Partei war, deutlich Prozentpunkte ein - und liegt zum Jahresende hinter CDU und Grünen.


▶︎ Verteidigungsministerin Ursula Von der Leyen (60, CDU)


Die letzte Klatsche für Ursula von der Leyen erfolgte auf dem Parteitag in Hamburg: Mit nur 57 Prozent wurde sie als stellvertretende Parteichefin bestätigt - das schlechteste Ergebnis unter den Vize-Vorsitzenden. Davor war die Verteidigungsministerien - und auch ihre Ex-Staatssekretärin Katrin Suder - vor allem durch die Affäre um externe Berater unter Beschuss geraten - und musste sich dafür auch vor dem Verteidigungsausschuss erklären.


Zuletzt die peinliche Flugzeug-Panne des Regierungsfliegers „Konrad Adenauer", durch die Merkel den ersten G20-Gipfeltag verpasste - und obendrein als einzige Gipfel-Teilnehmerin per „Iberia"-Linienflug anreisen musste. Die Panne ist der dritte Ausfall einer Regierungsmaschine in 2018.


▶︎ SPD-Chefin Andrea Nahles (48)


Vor ihrer Wahl zur ersten Frau an der Spitze der SPD sagte sie: „Ich glaube, ich kann das." Doch nach sieben Monaten als Parteivorsitzende steht sie mit dem Rücken zur Wand: In Fraktion wie Partei wird offen über ihre Ablösung diskutiert. Der Grund: Unglückliche Auftritte, fehlende klare Botschaften und ihr weiterhin negatives Image in vielen Meinungsumfragen.


Dazu kommt die Spaltung innerhalb der Partei. Nicht alle sind mit der Rolle der SPD in der GroKo glücklich. Nahles steht hier unter Verdacht, sie gebe gegenüber der CDU zu oft nach. Jüngste Beispiele sind die Maaßen-Affäre, in der Nahles der geplanten Beförderung trotz harscher Kritik am Ex-Verfassungsschutz-Chef zustimmte.


▶︎ Ex-CDU-Fraktionschef Volker Kauder (69)


13 Jahre lang beschaffte Volker Kauder für Gesetzesvorhaben der Kanzlerin die nötige Mehrheit in der CDU-Fraktion. Überraschend wurde Kauder dann aber doch zum Blitzableiter für Frust über den Zustand von Union und Koalition. Als Ex-Fraktions-Vize Ralph Brinkhaus ihn zu einer Kampfabstimmung herausforderte, unterlag Kauder.


Die Niederlage eines der engsten Vertrauten der Kanzlerin galt als Beginn der „Merkel-Dämmerung". Seitdem ist es still um Kauder geworden. Er kümmert sich jetzt vor allem um seine Wahlkreise Rottweil und Tuttlingen - und seinem Kampf gegen die weltweite Christenverfolgung.

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